Erzählen ist wichtiger: Der Schriftsteller Tilman Spengler zum Tod von Günter Grass

Erzählen ist wichtiger: Der Schriftsteller Tilman Spengler zum Tod von Günter Grass

Auf vielen Herden kochen: Der Schriftsteller Tilman Spengler zum Tod von Günter Grass (1927–2015).

1. Die Pfeife

Das in der Erinnerung bewahrte Bild zeigt einen Herrn mit dunklen Haaren, doch unbestimmbaren Alters im Lehnstuhl, der sich den Tabak seiner Pfeife anzündet, dabei ein so gewaltiges Feuer entfacht, dass Angst um den Fortbestand des Schnurrbarts aufkommt. Das Gesicht ist angespannt erwartungsvoll.


Keine deutsche, kaum eine internationale Zeitung kann beim Bild zur Nachricht des Todes von Günter Grass auf das Accessoire Pfeife verzichten. Seit dem späten 19. Jahrhundert, lange nach den legendären Tabakrunden des Preußenkönigs, in denen sich der Geist der Aufklärung über Qualmwolken verbreitet haben soll, raucht außer dem Snob vornehmlich Pfeife, wer sich weder Zigarette noch Zigarre leisten kann, die niederen Stände zum Beispiel.

Die Begriffe „niedere Stände“ und „Aufklärung“ hätten Günter Grass gefallen. Mit der Auflösung eines sozial symbolträchtigen Bildes des Pfeifenrauchers hätte er seine Schwierigkeiten gehabt. Die meisten seiner Pfeifen stammen von einem italienischen Hersteller, der nicht für den Massenkonsum produziert. Aus ihnen schmeckt Tabak einfach besser. Guter Tabak noch besser. Günter Grass war ein Künstler, der die Künste anderer Künstler schätzte; das schließt Weinbauern, Fischhändler, Kürschner und eben auch Pfeifenschnitzer ein.

Verweilen wir noch für zwei Gedanken vor dem Bild des Pfeifenrauchers. Das Gesicht des Schriftstellers ist angespannt, weil er entweder gerade eine fulminante Anekdote erzählt hat und auf die Reaktion der Zuhörer wartet, oder weil ihm gerade eine fulminante Anekdote erzählt wurde und er überlegt, mit welcher Wendung man ihr noch zusätzlichen Drall verleihen könnte. Ein Kunstwerk ist schließlich nie vollendet.

Bleibt eine letzte Variante der Zeichendeutung: Sie führt zu Wilhelm Busch, genauer zum vierten Streich von Max und Moritz: „Rums!! – Da geht die Pfeife los, mit Getöse schrecklich groß ...“ Lehrer Lämpel war nicht der Erste, der das Explosive in der Mischung von Pfeife und Kopf erfahren musste. Auf den Fall des Lehrers Lämpel werden wir zurückkommen. Und auf das Thema Humor.

2. Der Schnauzbart

Die Popularität des Günter Grass verläuft annähernd parallel zu jener des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland. Im Gespräch mit einem sehr bedeutenden Journalisten, der selbst der Kamera nur den Anschnitt seines Hinterkopfs preisgibt, geht es, wir schreiben die frühen 1960er-Jahre, plötzlich sehr ausführlich um den Schnauzbart des Künstlers. Nach Wilhelm II., nach Adolf Hitler, parallel zu Walter Ulbrichts Behaarung scheinen vom Bewuchs des männlichen Oberlippenbereichs Signale auszugehen, die vielleicht bedrohlich, in jedem Fall aber legitimationspflichtig sind. Grass’ Begründung, er habe nur dem leicht missglückten Ansatz der Natur beim Entwurf seines Gesichtes einen Ausgleich verleihen wollen, wird vom Interviewer kritisch, von vielen Zusehern als Ausflucht gedeutet. Unter den ästhetischen Gesichtspunkten der immer noch jungen Republik der Nachkriegszeit ist der Schnäuzer ein Verrat an den Regeln der Neuen Sachlichkeit. Auf jeden Fall gibt er Anlass zur Vorsicht.

3. In vielen Zungen

In jenen Jahren steht die Präposition „drüben“ im westdeutschen Sprachgebrauch für zwei geografische Bestimmungen. Man fährt nach „drüben“, wenn man in die USA reist, oder man kommt von „drüben“, dann war man in der DDR gewesen und ist ein armes Schwein.

Für die Bewohner eines Landes, das sich nur zwei Jahrzehnte zuvor, allerdings in Uniform, durchaus ungezwungen weltoffen gezeigt hat, haftet dem Fremden mittlerweile etwas leicht Unheimliches an. Italienische Adria, Rimini, Cesenatico, das geht noch, da war man ja irgendwie verbündet, doch östlich der Elbe? Oder östlich der Oder und Neisse? Historiker haben beschrieben und werden in noch größerem Detail beschreiben, wie die deutsche Ostpolitik der Sozialdemokraten durch die Interessen der Kapitalverwertung toleriert oder vorangetrieben wurde, sie haben bislang aber kaum einen Blick auf jene Maulwurfspelze geworfen, in die manche Künstler schlüpften, um die Absurditäten der Politik des Kalten Krieges zu untergraben: Maler, Komponisten und eben auch Schriftsteller, für die, nur ein Beispiel, Danzig im Herzen einer Kultur liegt, die durch die dort gehörten Sprachen nicht getrennt wird, sondern durch diese erst entsteht.

Grass gehörte zu jenen Wanderern, die sich von Grenzen nicht abhalten ließen. Paris war ihm so nah wie Warschau. In der DDR traf er sich mit Kollegen, denen die Partei misstraute, und anderen, die ihr nahe standen. „Kochen“, sagte er, „kann ich schließlich auf vielen Herden. Und Zungen sind wichtige Organe.“

Auch den letzten Satz darf man in mehrfacher Hinsicht deuten: Der Schriftsteller lud zu gegebenen Anlässen seine literarischen Übersetzer nach Deutschland ein und beredete mit ihnen Feinheiten der sprachlichen Gestaltung seiner Manuskripte. Ein Pfingstfest. Klar, hier ging es vordergründig um Textschärfen. Doch wer den kläglichen sozialen Status von Übersetzern im Literaturgeschäft kennt, der weiß, dass bei diesen Treffen auch Wertschätzung und Anerkennung ausgedrückt wurden. Für Übersetzer ist das keine Selbstverständlichkeit.

4. Die Partei

Mit Willy Brandt, kein Zweifel, konnte mancher sich die SPD angenehm schönreden und -trinken. Es gerät dabei leicht in Vergessenheit, wie trostlos die Partei beim Werben um Gunst mit ihrem kulturellen Vermächtnis umgeht. Wer sich wie Grass für sie in den Wahlkampf begibt, braucht Ohren, die weitgehend schmerzfrei auf grobe Textbausteine und oft schrecklich schlechte Dixieland-Musik reagieren. „Mit der Musik konnte ich mich noch eher abfinden“, sagte er in der Erinnerung. Und er fand sich auch damit ab, dass er vielen Genossen die historische Bedeutung von August Bebel erst erklären musste. Oder die Interessengemeinschaft von NSDAP und KPD gegen den Parlamentarismus. Nicht jeden Wahlkampfhelfer interessiert das heute.

Zum Streit mit der Partei kam es über die Frage, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. „Wir“, das sind die Nachkommen von Großdeutschland. Was Flucht und Vertreibung angeht, haben „wir“ Geschichte geschrieben. Eine Partei, die nicht zu dieser Vergangenheit steht, konnte auf Grass nicht zählen. Klar, sie war immer noch eher akzeptabel als eine Partei, die durch die Unterstützung amerikanischer Bombenkriege im Mittleren Osten anderes, nicht weniger erträgliches Unheil zu befördern bereit war.
„Um so schlimmer ist die Aufhebung des Asylrechts“, sagte er.

Als sich im Frühjahr 1978 in Dachau Überlebende der auch dort gequälten Sinti und Roma auf einen kurzen Marsch machten, der vom Eingangstor zur Hinrichtungsstätte führt, trugen sie alte oder nachgeschneiderte KZ-Uniformen und berieten lange, ob es ein Schweigemarsch werden sollte oder doch eine auch an die Ohren dringende Demonstration. Es war ein kalter, grieselschauriger Morgen, niemand hatte an Instrumente gedacht, also einigte man sich auf Gesang. Auf ein Lied.

„Lustig ist das Zigeunerleben,“ sangen die Überlebenden, „fario, fario, hum ...“
„Wenn wir wenigstens eine Blechtrommel dabei gehabt hätten“, klagte hernach einer der Marschierer, dem zuvor von dem Vertreter der zuständigen Behörde eine Armbinde mit der Aufschrift „Ordner“ übergestreift worden war.

5. Kritik

Auch das Titelbild des Magazins „Spiegel“, das den Kritiker Marcel Reich-Ranicki zeigt, wie er ein aufgeschlagenes Buch von Günter Grass zerreißt, bleibt in der Erinnerung.

Es wirft in vielfacher Weise einen erhellenden Blick auf die Schwierigkeiten, die deutschsprachige Medien im Umgang mit dem Unbequemen haben. Unser Feuilleton will ja immer gern beides sein: moralische und ästhetische Begleitung – Lehrer Lämpel und seine Pfeife, allerdings mit weniger katastrophalen Folgen, wenn die Mischung in deren Kopf zu explosiv wird.

Reich-Ranicki und Grass tauschten einmal Erinnerungen an ihre erste Begegnung in Warschau aus. Es handelte sich um widersprüchliche Erinnerungen, wie sich unschwer denken lässt. Das Gewicht der Einzelheiten werden Historiker klären, doch für jeden Leser wurde sofort klar: Hier konnte einer sehr gut erzählen, das war Grass – und ein anderer weniger gut. Man mag hier keinen Berufsstand mit einem Pauschalurteil überziehen, doch idiosynkratische Kränkungen sind im Gewerbe nicht unbekannt.
Zurückzahlen machte da ein besonderes Vergnügen. Wie geschlossen scharten sich die Geistesverwandten um ihren Helden, wenn es um die Verteidigung der Aktivitäten des Mittvierzigers Martin Heidegger ging. Wie mutig zeigten sie sich, als ein 17-Jähriger an den Pranger gestellt wurde, weil er damals Hitler noch nicht durchschaute?

6. Mahnung

„Man wird dich irgendwann einmal auffordern, die Danziger Trilogie, die ,Blechtrommel‘, die ,Hundejahre‘, ,Katz und Maus‘ mit dem ,Butt‘ zu vergleichen und ,Das Treffen in Telgte‘ mit meinen Bemerkungen zu den Brüdern Grimm, den Gedichten oder meinem letzten Buch, bitte überlasse das den Anderen“, bat der Autor, als er noch aufmüpfig hustete und das Sterben zu einer möglichen, doch nicht sofort zwingenden Fortsetzung des Dialogs gehörte. „Erzählen ist wichtiger.“

7. Verlust

„Wen hat die deutsche Literatur, vielleicht auch die deutsche Gesellschaft mit diesem Tod verloren?“, fragt eine Moderatorenstimme den Gast im Rundfunk: „Können Sie uns da einen vergleichbaren Namen zur Einordnung nennen?“ Der Gast schweigt einen Moment und antwortet schlicht: „Wir haben Günter Grass verloren.“

Zum Autor
Tilman Spengler, 68, geboren in Oberhausen, arbeitet als Schriftsteller, Essayist und Journalist, sein Romandebüt „Lenins Hirn“ (1991) wurde in 21 Sprachen übersetzt. Der studierte Sinologe, Politikwissenschafter und Historiker veröffentlicht seit den 1970er-Jahren Erzählungen, Reportagen und Reiseberichte, viele davon über die chinesische Gesellschaft. Die von Hans Magnus Enzensberger gegründete Kulturzeitschrift „Kursbuch“ gab Spengler ab 1980 fast drei Jahrzehnte lang heraus. In den 1990er-Jahren war er Feuilletonchef der Zeitschrift „Die Woche“. 2005 gehörte er auf Einladung von Grass zu den Gründern der „Gruppe 05“, eines Autorenzirkels, der seither im Rahmen der Lübecker Literaturtreffen, abgehalten jährlich im Günter-Grass-Haus, auch über den Zusammenhang von Schriftstellerei und politischer Intervention debattiert.