Farin Urlaub: "Je berühmter wir wurden, desto größer wurde die Enttäuschung"

Farin Urlaub: "Je berühmter wir wurden, desto größer wurde die Enttäuschung"

Die Welt ist nicht genug: „Die Ärzte“-Musiker und Fotograf Farin Urlaub über sein neues Soloalbum „Faszination Weltraum“, die Inspiration des Reisens, die Schwierigkeit des Perfektionismus – und warum er trotz globaler Krisen nie die Hoffnung verliert.

Interview: Philip Dulle

profil: Sie sind bekannt dafür, dass Sie Ihr Privatleben konsequent vor der Öffentlichkeit abschirmen. Der Rockstar als unnahbare Person?
Farin Urlaub: Ich vertraue gewissen Personen nicht mehr so wie früher. Vor allem von Medien wurde ich einfach zu oft enttäuscht. Daher habe ich auch keine Lust, irgendeinen Schwachsinn über mich in der Presse zu lesen. Da bin ich lieber der unsympathische Kontrollfreak.

profil: Dieser Balanceakt zwischen Öffentlichkeit auf der Bühne und Privatheit gelingt Ihnen auch in Zeiten allgemeiner Überwachung in sozialen Netzwerken?
Urlaub: Bis jetzt geht das eigentlich ganz gut. Nicht mal die NSA weiß Bescheid. Jedes Mal, wenn ich in die USA einreise, fällt mir auf, dass die so gut wie nichts über mich wissen.

profil: Einen Gutteil Ihrer Zeit verbringen Sie auf Reisen. Sammeln Sie dabei auch Songideen?
Urlaub: Ja, hauptsächlich. Mein Lebensmittelpunkt ist nicht mein Zuhause. Ich habe ein altes Diktiergerät, das aussieht, als wäre es von einem Kriegsreporter. Darauf singe und spreche und ich all meine Songideen – und manchmal sind die Aufnahmen so schlecht, dass ich nichts mehr damit anfangen kann.

profil: Ist es nicht schwierig, da den Überblick zu behalten?
Urlaub: Wenn ein neues Album ansteht, habe ich drei bis vier Stunden Material gesammelt. Dann beginnt der Auswahlprozess – das geht recht schnell: Das klingt gut, das ist schlecht, manchmal klingt es auch banal, oder ich hab die Idee bereits verwendet. Meist habe ich aber schon eine gewisse Vorstellung, wie sich der fertige Song anhören muss.

profil: Gibt es bestimmte Reiseziele, die Sie besonders inspirieren?
Urlaub: Die Wüste hat einen großen Reiz. Wüste und Dschungel – die beiden extremen Gegensätze. Außer Japan und Italien, die beiden häufigsten von mir bereisten Ziele, gibt es kein Land, das besonders hervorsticht – obwohl: Mali vielleicht und Brasilien. Jetzt versuche ich, auch mal wieder neue Länder anzusteuern. Meinem Wunsch, die ganze Welt zu bereisen, komme ich leider nur sehr langsam nach.

profil: Sie reüssieren seit einigen Jahren auch als Reisefotograf. Ein Teil der Länder, die sie bereist haben, versinkt aktuell in Krieg und Chaos. Wie gehen Sie damit um?
Urlaub: In einigen der umkämpften Länder war ich vor nicht allzu langer Zeit. Wenn man die aktuelle Nachrichtenlage verfolgt, wird einem ganz anders. Ich durfte ja viele dieser Menschen kennen lernen, war zu Gast bei Familien, die jetzt versklavt, geflohen oder tot sind. Das macht mich nicht nur traurig, sondern auch aggressiv.

profil: Als fotografierender Rockmusiker haben Sie darauf wenig Einfluss. Wollen Sie mit Ihrer Arbeit auch aufklären?
Urlaub: Man kann sich zumindest Gedanken machen. Diese Terroristen, egal welcher Couleur, kommen ja nicht direkt aus der Hölle. Das sind zum Gutteil frustrierte Männer, die keine Perspektive in ihrem Leben kennen, keine Arbeit haben und in ihrer Gesellschaft auch keine Chance sehen, ein normales Leben mit Frau und Kindern zu führen. Die Beweggründe der IS-Soldaten, so zumindest meine Vermutung, sind so banal wie nachvollziehbar: Wenn du keine Würde und keinen Stolz hast, und plötzlich kommt jemand und drückt dir eine AK-47 in die Hand, wird der Terror zum Ausweg. Ein bisschen ist das mit der Situation der Rechtsradikalen in Deutschland vergleichbar. Das sind Menschen mit schlechter Bildung, ohne Jobs, die gewisse Zusammenhänge nicht begreifen können und dadurch von Interessensgruppen instrumentalisiert werden. Es gibt parallele Verwundbarkeiten, die von Hintermännern ausgenutzt werden.

profil: Setzen Sie diesen Entwicklungen mit Ihren euphorischen Punkrock-Songs ein bewusst positives Weltbild gegenüber?
Urlaub: Schauen Sie sich mein Leben an. Soll ich mich hinstellen und negative Stimmung verbreiten? Ich bin trotz aller Lebenserfahrungen ein sehr positiver und vor allem optimistischer Mensch. Kulturpessimismus und persönlicher Optimismus gehen bei mir Hand in Hand. Von dieser Diskrepanz lebt wahrscheinlich auch ein Gutteil meiner Songs. Im Idealfall soll meine Musik schon nach schlauem Stadionrock klingen.

profil: Wie viel Einfluss hat Ihre Band, das Farin Urlaub Racing Team, auf den kreativen Prozess?
Urlaub: Die Band hat keinen Einfluss auf die Songs oder die Arrangements, außer wenn wir auf der Bühne stehen – das ist der Deal. Ein Lied darf aber abgelehnt werden, wenn die Musiker es zu doof finden. Einmal ist das auch schon vorgekommen.

profil: Gibt es tatsächlich keine Bezugsperson, die bei Ihnen kreativ eingreift?
Urlaub: Nein, gibt es nicht. Ich habe gelernt, meiner inneren Stimme zu vertrauen. Ich kann auch nur authentisch spielen, wenn der Song hundertprozentig von mir kommt. Natürlich birgt das auch die Gefahr, dass man hin und wieder grandios scheitert – aber die Lieder hört dann ohnehin niemand. Begonnen habe ich „Faszination Weltraum“ mit 40 Liedern, 15 davon haben es dann auf das Album geschafft – plus sechs B-Seiten für die Singles.

profil: Greifen Sie auch alte Songideen wieder auf?
Urlaub: Der Song „AWG“ ist so ein Fall. Die Idee dafür hatte ich schon vor zehn Jahren, auch der Text ist noch derselbe, die Musik hat nur nicht gepasst. Wenn ein Song mich so lang nicht loslässt, muss er etwas Besonderes sein.

profil: Wie unterscheiden Sie, ob Sie ein Lied für Die Ärzte oder für Ihre Soloarbeit verwenden?
Urlaub: Ich kann es nicht so erklären, dass Sie es nachvollziehen könnten. Die Sache ist die: Ich weiß es einfach. In dem Augenblick, da mir ein Lied einfällt, bekommt es ein kleines Etikett.

profil: In dem Song „Fan“ erzählen Sie von den Enttäuschungen, die das Fan-Dasein mit sich bringen kann. Verarbeiten Sie persönliche Erfahrungen oder Anekdoten, die Sie mit Ihren Anhängern erlebt haben?
Urlaub: Beides. Ich kann vieles nachvollziehen, was mir vorgejammert wird. Angefangen hat das Ganze übrigens schon 1983 oder 1984 mit dem zweiten Album der Die Ärzte. Da kamen die ersten Beschwerden, dass wir nicht mehr die Alten wären. Je berühmter wir wurden, desto größer wurde die Enttäuschung. Irgendwann fragt man sich, warum man so viele Alben verkauft hat, wenn alle so enttäuscht sind. Man lernt auch, Kritik als Kompliment zu verstehen: Wenn die Band nicht so wichtig wäre, wären die Fans auch nicht so enttäuscht.

profil: Geht es Ihnen mit Ihren eigenen Alben ähnlich?
Urlaub: Den perfekten Tonträger gibt es nicht. Auch auf „Faszination Weltraum“ gibt es zwei kleine Stellen, die ich nicht ideal finde. Das hört niemand außer mir, es stört mich trotzdem. Dieser Perfektionismus lässt mir auch bei den Fotoarbeiten keine Ruhe. Es ist schon mal vorgekommen, dass ich in eine Gegend mehrmals gereist bin, weil ich mit den ersten Aufnahmen nicht zufrieden war oder einfach nicht die richtige Kamera dabei hatte.

profil: Man hört Ihren Songs schon beim ersten Ton an, dass sie von Farin Urlaub stammen.
Urlaub: Ist das jetzt positiv oder negativ?

profil: Wahrscheinlich beides.
Urlaub: Sehe ich genauso. Wer einerseits die Leute nicht enttäuscht, kann sie andererseits auch nicht überraschen. Eigentlich bilde ich mir bei jedem neuen Album ein, dass ich diesmal etwas Überraschendes mache. Und natürlich gibt es auch die Idee, einmal etwas ganz anderes zu machen. Das Problem ist nur: Ich bin einfach nicht gut genug darin. Gitarre, Bass, Schlagzeug, das ist meine Welt.

profil: Der Abschlusssong Ihres Albums, „Immer dabei“, hat fast schon einen mystischen Einschlag. Schlummert hier die Sehnsucht nach Halt im Religiösen?
Urlaub: Um Himmels Willen, nein! Ich und Religion, was denken Sie nur? Interpretationsmöglichkeiten gibt es da dennoch unzählige: Am Ende des Lebens ist einfach Schluss. Wir haben nur diese begrenzte Zeit, nutze sie – oder nutze sie nicht. Eine zweite Runde gibt es nicht.

Farin Urlaub, 50
ist seit 1982 Gitarrist und Sänger der deutschen Fun-Punk-Band Die Ärzte. Als Fotograf hat der gebürtige Berliner, der mit bürgerlichem Namen Jan Vetter heißt, bereits zwei Fotobände über Indien und Bhutan sowie Australien und Osttimor veröffentlicht. Seit 13 Jahren tritt er auch als Solomusiker in Erscheinung, wird dabei vom Racing Team, einer überwiegend aus Musikerinnen bestehenden Band begleitet. Nun erscheint sein viertes Soloalbum: „Faszination Weltraum”. Farin Urlaub gastiert am 5. Juni 2015 in Wien (Arena Open Air) und am 6. Juni 2015 in Graz (Freiluftarena).

Farin Urlaub Racing Team: Faszination Weltraum (Universal)