"Fifty Shades of Grey" im Kino: eine Erlösungsfantasie für Mädchen

"Fifty Shades of Grey" im Kino: eine Erlösungsfantasie für Mädchen

Der erste Kuss kommt dennoch erst in der 48. Minute: „Fifty Shades of Grey” bleibt mit seinen Sex-Szenen im biederen Bereich und eine Erlösungsfantasie für Mädchen.

Das Erweckungserlebnis erfolgt im Baumarkt. Dort, wo Ana während ihres Literaturstudium jobbt und Schrauben-Packungen mit Preisetiketten versieht, folgt ihr der geheimnisvolle Millionär Christian Grey, um sich beim Kauf von Kabelschnüren und Seilen „beraten” zu lassen. „Sind Sie Serienkiller?” fragt Latzhosen-Aschenputtel, dem ihre Drehbuchautorin Kelly Marcel durchaus ein paar flotte Dialogzeilen gönnt, ihren potenziellen Prinzen mit bebenden Lippen. Und der kontert, dass er viele „physische” Hobbies habe und eines davon eben wäre, „Grenzen auszutesten."

Klar, dass da der Sportsgeist von Ana, die im 20-plus-Alter noch Jungfrau ist, auf Touren kommt. Schließlich sieht dieser Grey aus wie das sensible Nesthäkchen einer Rugby-Mannschaft, benutzt Helikopters statt Taxis und besitzt ein Hochhaus in Seattle, über dessen Portal sein Name in mannshohen Balkenlettern klotzt.

Jene, die sich von der Verfilmung des ersten Teils der Millionenseller-Trilogie „Fifty Shades of Grey” eine Erlebnisreise in die dunklen Spielarten der Sexualität erwartet haben, werden enttäuscht sein. Eine Kamerafahrt durch Christian Greys „Playroom”, in dem über blank polierten Streckbänken Dutzende Peitschen in allen Farben und bedrohliche Werkzeuge baumeln, lässt die Erwartungen am Anfang der schwarzen Romanze hoch schnellen. Doch mehr als ein paar Schläge auf den nackten Hintern und gefesselte Hände beim Geschlechtsakt muss die sich „Unterwerfende”, so Anas Funktionsbezeichnung im Grey-Universum, nicht verkraften lernen. Schließlich muss wie in den Büchern auch im Film das Schmutzige sauber bleiben und Lieschen Müller darf nicht überfordert werden.


I don't do romance, I fuck hard

Wie die Buch-Trilogie bedient auch der Film an erster Stelle das Genre Erlösungsfantasie: In Tradition von Kim Basinger in „9 1/2 Wochen” und Julia Roberts in „Pretty Woman” ist auch Ana-Darstellerin Dakota Johnson (wacker, aber dennoch sichtlich überfordert) davon beseelt, ihren narzisstisch gestörten Prinzen aus seinem emotionalen Gefängnis zu befreien. Sie will nachts kuscheln in der Löffelstellung und Pizza essen und das tun, was „so normale Menschen tun.” Innerlich ist sie natürlich davon überzeugt, dass nur sie in der Lage sein wird, irgendwann dem Mann den Zugang zu seinen verschütteten Gefühlen wieder zu eröffnen. Alter Irrglaube, alte Frauenkrankheit. Wie Mickey Rourke und Richard Gere, laboriert nämlich auch Grey-Darsteller Jamie Dornan, dessen Ausdrucksrepertoire äußerst überschaubar ist, an der handelsüblichen Nähe-Distanz-Problematik. Überraschung: Der Mann, der Dutzende idente Hemden und Anzüge (Achtung: Kontrollfreak!) besitzt, hatte in seiner Jugend ein traumatisierendes Missbrauchserlebnis mit einer „Mrs. Robinson”, über das er aber (noch) nicht sprechen kann. Schließlich gilt es ja noch zwei Sequels mit Inhalt zu bespielen.

„I don't do this girlfriend thing"

„I don't do romance, I fuck hard", erläutert er sich ziemlich am Anfang des Films. Im ersten Drittel ist man auch als Zuschauer noch bei Laune. Zwar kommt es erst in Minute 48 zum ersten Kuss (aber wenigstens mit Lippenbiss), aber die jungen Menschen sind hübsch anzusehen, die Dialoge stellenweise erstaunlich witzig, die Blicke tief, die Flitzer schnittig, die Wohnungen ebenso. Selbst eine pathetisch-peinliche Einstellung wie den postkoitalen Grey am Klavier klimpernd vor der bombastischen Nacht-Skyline von Seattle, ist man gewillt zu ertragen. Doch dann entgleitet Regisseurin Sam Taylor-Johnson die Handlung und im letzten Drittel sieht man selbst bei den strengeren Interaktionen in regelmäßigen Abständen auf die Uhr. Gegen Ende des Films, stellt Ana tränenüberströmt ihrem Prinzen die Frage: „Warum musst du mich schlagen? Warum tust du mir weh?” Und in diesem Moment kann man nur fassungslos den Kopf schütteln und sich denken: Mädchen, du hast ja aber auch wirklich gar nichts kapiert. Mister Grey hatte doch schon anfangs ganz deutlich gemacht: „I don't do this girlfriend thing.”

"Fifty Shades of Grey" startet am 12.2. in den heimischen Kinos.

Lesen Sie im nächsten Heft die Coverstory zum Film und Phänomen: Die weibliche Lust an der Unterwerfung!