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"Sonne" von Kurdwin Ayub: Sonne, Mond und Sterne

Die angriffslustigen Werke der Wiener Künstlerin Kurdwin Ayub sorgen seit Jahren zuverlässig für Aufruhr in Österreichs Kinoszene.

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Drei junge Frauen rekeln sich auf dem Bett eines Wiener Mädchenzimmers. Jede von ihnen trägt Hijab und Abaya, ihre Körper und das Haar verhüllt, und sie tanzen, ganz in Schwarz, zu dünnen elektronischen Beats; sie klatschen einander auf die Hintern und twerken, als hätte es drei Muslimas in ein zotiges HipHop-Video verschlagen.

Die Identitäten sind in diesem Film von Anfang an ungeklärt. Denn nur eine dieser Tänzerinnen hat tatsächlich islamische Wurzeln; die Kopftücher und Gebetskleider ihrer Mutter hat sie den Freundinnen nur geliehen, um ein paar zugkräftige Postings herzustellen. Man beschließt, ein Video anzufertigen, das sie beim Singen eines Welthits aus den frühen 1990er-Jahren zeigt. Das von der US-Band R.E.M. komponierte Lied steht in herbem Kontrast zur Kleidung des Trios: Es heißt "Losing My Religion". So verschafft man sich Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Tatsächlich entwickelt das Video der Amateursängerinnen online eine gewisse lokale Popularität, die Mädchen werden interviewt und gebeten, bei Hochzeiten und religiösen Festen aufzutreten, während sich Debatten über den Sinn ihres Tuns entspinnen: Machen die sich lustig über den Islam? Oder huldigen sie ihm in verquerer Weise gar? "Sonne", Kurdwin Ayubs erster abendfüllender Spielfilm, der bei der Berlinale im vergangenen Februar als bestes Regiedebüt ausgezeichnet wurde, stellt eher Fragen als Antworten zur Verfügung – und hält, ohne je ins Moralisieren zu geraten, sorgsam die Balance zwischen Beschreibung und Zuspitzung, zwischen blankem Hedonismus und hintergründigem Sozialrealismus.

Das Spiel mit Oberflächen beherrscht Kurdwin Ayub, 32, hervorragend, ihr Understatement hat Methode. So unprätentiös ihre Filme erscheinen, so sehr drehen sie sich um Gewichtiges: um Migration und Ideologisierung etwa, auch um Medienkritik. Politisches Kino sei ihr als Begriff zu groß, winkt sie im profil-Gespräch entschieden ab, "aber das ist mein Style, das ist mir schon bewusst. Als Migrantin, als die man mich sieht, bin ich ja fast automatisch diese politische Figur, und die Dinge, die mich beschäftigen, sind eben indirekt große politische Themen." Man kommt, wenn man als im Irak geborene Künstlerin in Wien Filme macht, dem Politischen als Zuschreibung nicht aus. Auch wenn man diese Verantwortung gar nicht übernehmen will. "Es ist total schlimm, ich werde dauernd zu irgendwelchen Migranten-Symposien und Panels eingeladen, als wäre ich die Stimme des Volkes. Nicht ich, Leute! Ich mach die ganze Zeit nur Witze über Rülpsen und Pupsen. Ich bin nicht so schlau, verlass mich eher auf mein Bauchgefühl." Aber klar, fügt sie an, "wenn man erwachsener wird", sei man irgendwann eben auch "reflektierter und belesener". Sie wisse inzwischen, was sie mache. "Mit 20 war das noch nicht so, da war ich noch ein Baby."

Aber schon damals, 2010, im künstlerischen Säuglingsalter, hatte sie damit begonnen, an feministischen Performance-Videos zu arbeiten, deren formale Simplizität und stoischer Witz zu gleichen Teilen befremdlich und anziehend wirkten. Der internationale Filmfestivalzirkus, der undurchschaubare junge Regisseurinnen sehr zu schätzen weiß, entdeckte sie schnell. Die renommierte Avantgarde-Relaisstation Sixpackfilm nahm Ayub in ihr Programm, und bereits im Herbst 2012 widmete ihr die Viennale eine kleine Werkschau. Da war Kurdwin Ayub 22. Die Nische, in der sie früh erfolgreich arbeitete, wurde ihr dennoch bald zu eng.

An der Wiener Universität für angewandte Kunst hatte sie ab 2008 experimentelle Animation und Malerei studiert, bei Christian Ludwig Attersee, vor allem aber bei der filmaffinen US-Künstlerin Judith Eisler. Parallel dazu ließ sie sich ein Jahr lang an der Akademie der Bildenden Künste von Carola Dertnig die performative Kunst nahebringen. Ayubs Kinoleidenschaft geht indes viel weiter zurück: Als Zwölfjährige schrieb sie ihr erstes Drehbuch, mit dem sie in Hollywood berühmt werden wollte, eine Kinderbandengeschichte ("ein bisschen Indiana Jones-mäßig"). Mit 15 bekam sie von ihrem Vater die langersehnte Mini-DV-Kamera, ab da habe sie "ständig alles gefilmt", erinnert sie sich: "Ich hab die Kamera einfach draufgehalten, und alle haben Blödsinn gemacht."

Etwas von diesem spirit hat sich in ihren Filmen erhalten. Aber Ayub hat ihn weiterentwickelt, zu einer Kunst der Unmittelbarkeit erhöht, die allerdings sorgsam moduliert sein will. Denn nichts wäre filmisch ermüdender als die dauerfrenetische Rekapitulation eines von TikTok-Clips und Chat-Gewittern geprägten Teenagerlebens. "Sonne", produziert übrigens von Ulrich Seidl, hat viele solcher Momente, blitzschnell geschnittene, von Snapchat-Filtern und Instagram-Reels durchdrungene Sequenzen, in denen das analoge Leben sich unauflösbar mit dem digitalen verquirlt, bis man nicht mehr sicher sein kann, ob der primäre Schauplatz seiner Existenz nicht doch schon in den Online-Metaversen liegt, durch deren Labyrinthe man so meisterhaft manövriert – und nicht mehr in den tristen Kinderzimmern, aus denen man sich via Handy augenblicklich katapultieren kann. Aber Beschleunigung allein ergibt noch keinen Spielfilm; er ist eine Rhythmusfrage, braucht auch Ruhephasen, Denkpausen, Raum und Zeit, um Atem zu holen. Anhand von "Sonne" kann man studieren, wie das geht: die Liaison von Eruption und Reflexion.

Um die Jargons und Verhaltensweisen der Teenager kreist "Sonne" mit erkennbar soziologischem Interesse. Was die sozialen Medien mit und aus uns – und insbesondere mit jenen, die damit aufgewachsen sind – machen, davon erzählt dieser Film: von drei Freundinnen (unerschrocken gespielt von Melina Benli, Law Wallner und Maya Wopienka), die sich zunächst spielerisch, dann immer ernster mit dem Glauben auseinandersetzen. Während die Kurdin Yesmin an der Religion zu zweifeln beginnt, entwickeln die beiden anderen ein ungeahntes Interesse an kurdischem Patriotismus. Ihre Basisreligion ist allerdings die digitale Interaktion, ihr Gebetsteppich das Smartphone: Es organisiert ihr Leben, man kommuniziert damit, entwirft Wunschselbstporträts, gestaltet Bewegtbilder.

Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeite sie mit Social Media, sagt Kurdwin Ayub. "Ich bin die Generation, die mit Myspace und Handy aufgewachsen ist. Mit der Idee, dass jeder zu Fame kommen, jeder der neue Emo-Superstar sein kann." Ayub überlässt es ihrem Publikum, zu entscheiden, ob man in sozialen Netzwerken nun eher Befreiung und Selbstermächtigung sehen mag – oder doch den Abgrund. Und sie weist auf einen gerne unterschlagenen Seitenaspekt hin: Unter Geflüchteten etwa, die aus der Diaspora Kontakt zu ihren Familien halten wollen, sei die digitale Vernetzung unabdingbar. "Im arabischen Raum ist Social Media sehr wichtig; weil es dort so viele Kriege gab, sind alle durcheinander geflohen; ich kann jetzt sehen, was meine Tante in England macht, so tauschen wir uns aus. Das ist das Gute an den sozialen Medien." Der Nachteil sei, dass es dort um Macht und Einfluss gehe. "In einer Gesellschaft, in der alles oberflächlich woke und feministisch ist, gibt es Instagram! Wo Leute, I love feminism' mit Titten und Arsch bewerben, Marketing für Gucci machen und Millionen Follower haben. Dort prallt alles ab. Das find ich schlimm. Auch weil die Bilder so fake sind, alles nur Filter und Posing."

Auf Instagram ist die Filmemacherin selbst sehr aktiv, wenn sie auch "diese ständige Selbstbewerbung" für anstrengend hält. Sie zeige dort intime Dinge aus ihrem Leben, "lustigen Blödsinn halt". Viele neue Follower kamen, das machte Druck. Aber dann habe sie irgendwann keine Lust mehr gehabt aufs Dauerposten. Als Opfer ihrer Handy-Abhängigkeit kann man die Protagonistinnen in "Sonne" kaum sehen. "Ich hab mir schon die coolsten gesucht", lächelt Ayub. "Ein leidendes Influencer-Mädchen? Nein, danke."

Autobiografische Fragmente sind in Kurdwin Ayubs Filmen nicht schwer zu finden. Sie geht von sich aus, wenn sie von Migrantinnen zweiter Generation berichtet. Und die Rollen der Eltern ihrer Heldin Yesmin besetzte sie kurzerhand mit den eigenen: mit Awini Barwari und Omar Ayub, der 2016 schon ihren Dokumentarfilm "Paradies! Paradies!" bereichert hat. Als Tochter irakischer Kurden, einer Neurologin und eines Allgemeinmediziners, die 1991 vor dem Zweiten Golfkrieg mit der einjährigen Kurdwin aus dem Irak geflohen sind, wuchs sie in Simmering auf. Die Kriegstraumatisierung der Eltern ist noch in den Kindern wirksam, auch davon handelt "Sonne": Wenn sie zurück an ihre Kindheit und Jugend denke, erinnere sie sich "nie an glückliche Momente, nur an Eltern, die überarbeitet, einsam oder finanziell instabil waren. Sie kämpften mit ihrer Vergangenheit."

Omar Ayub, einst ein Patriarch, der sich unter dem Einfluss seiner Tochter stark gewandelt hat, spielt in "Sonne" erneut den spleenig-liberalen Papa, der für einige der heitersten Szenen des Films sorgt. Sogar ihre bislang härteste Performance begleitete ihr Vater ganz selbstverständlich, eine Selbstverletzung im Stil von Marina Abramović oder Valie Export: In dem einminütigen Film "pretty-pretty" (2019) lässt sich Ayub mit einer Nadel in die Lippen stechen, als wollte sie diese aufpolstern. Dazu singt sie mit blutverschmiertem Lächeln einen Billie-Eilish-Song: "Ich weiß auch nicht, warum ich das unbedingt so machen wollte. Mein Vater hat mir in die Lippen gespritzt, sie anschwellen lassen. Wenn ich etwas machen will, dann mache ich es eben. Auch wenn's wehtut."

Wer hart zu sich selbst sein kann, ist auch mit anderen nicht zimperlich. "Ich mag Dramen und Befindlichkeiten am Set nicht. Das hat dort nichts verloren, es nervt. Sonst bin ich eh nett. Ich sag den Leuten halt, was ich will, und sie machen es meistens." Wenn sie es nicht tun, müsse man sich trennen. "Ich glaub, was ich an mir Boss-Bitch oder Girl-Boss nenne", sagt sie typisch selbstironisch, "ist eigentlich ganz normal."

Jetzt, wo Kurdwin Ayubs "Sonne" aufgegangen ist, müssen "Mond" und "Sterne" folgen: Tatsächlich werden ihre beiden nächsten Spielfilme, die sie gerade vorbereitet, so heißen. Derzeit hält sie sich viel in Jordanien auf, wo sie vermutlich im Frühjahr 2023 "Mond" drehen will. Es sei großartig dort: "Ich sehe all die Leute, die so sind wie ich, die Eltern wie ich haben – und meine Probleme als Jugendliche. In Jordanien gibt es politische Spannungen und heimliche Sexualität, an jeder Grenze brodelt es, da geht es um etwas!"

Österreich dagegen werde ihr "manchmal zu viel", auch weil sie selbst "viel Hate abgekriegt hat". Die Filmbranche habe sie "früher mehr genervt. Aber es gibt da immer noch viele, die erstaunlich viel Hass ausstrahlen. Weil ich nicht politisch korrekt genug bin. Ich werde immer noch als, die Ausländerfrau' abgestempelt, mit dieser Quotenrolle abgefertigt." Das wird sich ändern müssen. Denn Kurdwin Ayubs Filme erschöpfen sich nicht in ihrer Diversität. Eine Zukunft des österreichischen Kinos steht in Sonne, Mond und Sternen.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.