© CHRISTOF STACHE / AFP

Kultur
09/06/2021

Film über Ibiza-Aufdecker: Wie Investigativjournalisten arbeiten

Der Investigativjournalismus ist im 21. Jahrhundert angekommen. Mit neuen Methoden, neuen Journalisten-Typen und neuen Bedrohungen.

von Stefan Melichar

Was wären vor 30 Jahren Fixpunkte eines Dokumentarfilms über Aufdeckungsjournalismus gewesen? Ein gigantischer Aktenberg, aus dem unentwegt Zigarettenrauch aufsteigt. Dahinter: ein einzelner, etwas abgelebt wirkender Mann, der eifersüchtig seinen Schatz an Herrschaftswissen behütet und kalt gewordenen Kaffee in sich hineinschüttet. Er verlässt das chaotische Büro nur, um sich mit Unmengen an Alkohol und mit Informanten zweifelhaften Leumunds die Nächte um die Ohren zu schlagen. Am nächsten Morgen (eigentlich schon zu Mittag): verkaterte Schreiduelle mit einem nicht minder cholerischen Chefredakteur. Ein genussvoll um Stunden überzogener Redaktionsschluss- "die sollen nur warten". Dann endlich: die gefeierte Cover-Story ist gedruckt. Politischer Aufruhr, Rücktritte, großes Schulter- und Schenkelklopfen. Zum Schluss gibt es zumindest eine kurze Anerkennung durch den (bald wieder cholerischen) Chefredakteur. Der gefeierte Reporter-Star nimmt das Lob selbstverständlich nur mürrisch entgegen.

Natürlich ist das ein Klischee. Aber es ist eines, das mehr als nur einen Funken Wahrheit in sich trägt - und bis vor nicht allzu langer Zeit durchaus genussvoll von Vertretern der enthüllenden Zunft selbst tradiert wurde. Nicht wenige hätten sich gerne so auf der Leinwand gesehen. Nun der harte Schnitt: In dem Film über Bastian Obermayer und Frederik Obermaier ist von derlei Folklore nichts mehr zu erkennen (geblieben sind freilich politischer Aufruhr und Rücktritte). Die beiden Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" präsentieren paradigmatisch einen Investigativjournalismus, der im 21. Jahrhundert angekommen ist. Der Wandel hat sich in den vergangenen Jahren vollzogen, die "Obermai/yers" haben ihn selbst mitgestaltet.

Premiere: DO 9.9. um 20.15 Uhr im Filmcasino

Q&A mit Regisseur Daniel Sager und den investigativen Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermeier von der "Süddeutschen Zeitung".

Der "einsame Wolf" hat ausgedient

Die 90 Filmminuten machen zunächst eines offensichtlich: Der Reportertypus des "einsamen Wolfs" hat ausgedient. Es gibt so gut wie keine Szene, in der einer der Protagonisten allein unterwegs wäre. Man kooperiert: redaktionsintern in Teams, aber auch extern, mit Kollegen anderer Medien. Die Erzrivalen "Süddeutsche Zeitung" und "Spiegel" mit einer gemeinsamen Story - das ist selbst heutzutage noch außergewöhnlich, nur das Ibiza-Video hat es möglich gemacht. Normal geworden sind hingegen Kooperationen im Rahmen internationaler Rechercheprojekte.

Global und regional tätige Journalistennetzwerke haben dies institutionalisiert und in ungeahnte Dimensionen gehoben. Für weltweite Rechercheprojekte hat sich das "International Consortium of Investigative Journalists" (ICIJ) mit Sitz in Washington als zentrale Organisation etabliert. Das ICIJ-Netzwerk umfasst Mitglieder auf der ganzen Welt - zwei davon in Österreich: die profil-Redakteure Michael Nikbakhsh und Stefan Melichar, der Autor dieses Textes. Wenn das ICIJ Kooperationen auf die Beine stellt, sind meist Dutzende Medien und Hunderte Journalisten daran beteiligt, die zunächst über Monate im regen Austausch miteinander recherchieren und dann gemeinsam, zu einem festgelegten Zeitpunkt, ihre Erkenntnisse veröffentlichen.

Auf regionaler Ebene für Österreich wichtig ist zudem das "Organized Crime and Corruption Reporting Project" (OCCRP), ein Investigativnetzwerk mit starkem Osteuropa-Bezug. Auch die deutsche Rechercheplattform "Correctiv" hat letzthin einiges an internationaler Koordinierungsarbeit geleistet. profil kooperiert auch mit diesen beiden Organisationen. Die Vorzüge von investigativer Teamarbeit gelten jedoch nicht nur über Staatsgrenzen hinweg. Die "Süddeutsche Zeitung" kooperiert fix mit öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten. profil erarbeitete bereits zahlreiche Storys in einem Rechercheverbund mit "ORF" und "Standard" - in dieser Form vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls noch kaum denkbar.

Leaks, Files, Mails und Papers

Auch die Art der Arbeit hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Investigativjournalisten verbringen heutzutage deutlich mehr Nächte vor Computerbildschirmen als mit alkoholschwangeren Recherchebemühungen in dubiosen Bars. Elektronische Daten und der Umgang mit enormen Mengen davon sind zentrale Bausteine des Aufdecker-Jobs geworden. Das zeigen schon allein die Namen der großen Investigativprojekte der vergangenen Jahre, deren Titel meist eines der Wörter "Leaks", "Files", "Mails" oder "Papers" enthalten. Diese "Papers" bestehen nicht aus Papier, die Datenmenge würde physisch aufeinandergestapelt wahrscheinlich bis zum Mond reichen. Als ein zentrales Projekt können die "Panama Papers" von "ICIJ" und "Süddeutscher Zeitung" genannt sein, an denen die "Obermai/yers" ebenfalls entscheidend mitarbeiteten. Sie haben damit der Transformation des Investigativjournalismus ihren Stempel aufgedrückt.

Was heutzutage meist ausbleibt: großes öffentliches Brustklopfen und Triumphgeheul. Auch das ist wohl ein Unterschied zu früheren Jahren. Das Umfeld für Investigativjournalismus ist zu heikel geworden - rechtlich, aber auch von der Grundstimmung her. Journalismus wird nicht nur laufend kritisch überprüft, wie dies für alle öffentlichen Akteure angebracht ist, sondern auch gezielt angegriffen. Verbale Attacken hochrangiger Politiker lassen keinen Zweifel daran, dass sie im Journalismus ein Feindbild gefunden haben, das sie zur Stimmungsmache und kommunikativen Ablenkung gern bedienen. Dies senkt die Hemmschwelle für physische Angriffe - sei es durch Rechtsradikale, Corona-Leugner oder Verbrecher, die auch vor Anschlägen nicht zurückschrecken. Umso mehr geht es im Investigativbereich heute vor allem darum, keine Fehler zu machen und bei der Arbeit nüchtern-professionell vorzugehen. Wer das im Vergleich mit dem früheren Selbstverständnis als steril oder gar langweilig empfindet, hat den Dokumentarfilm über die Arbeit der "SZ"-Reporter noch nicht gesehen.

Wirtschaftlicher Druck als Bedrohung

Es gibt jedoch auch eine zentrale Bedrohung für den Investigativjournalismus, die in "Hinter den Schlagzeilen" nur am Rande zur Sprache kommt: der wirtschaftliche Druck. Viele Redaktionen wurden im frühen 21. Jahrhundert merklich ausgedünnt. Zeit und Geld für Recherchen- etwa für Reisen - stehen kaum noch zur Verfügung. Ein Grundproblem ist, dass investigative Recherchen stets das Risiko des Scheiterns in sich tragen und oft genug keine schnellen Ergebnisse liefern.

Um auf einen Dialog aus dem Film zurückzukommen: Was hätte es für die "Süddeutsche Zeitung" bedeutet, wenn die Ibiza-Quelle das Video nach Monaten der Arbeit aus einer Laune heraus stattdessen dem Boulevardblatt "Bild" gegeben hätte? Medien wie "SZ" oder profil setzen aus ihrem Selbstverständnis heraus klare Schwerpunkte im Bereich des Investigativjournalismus. Manch andere können oder wollen sich dies nicht mehr leisten.

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