Ex-Filmmuseum-Direktor Alexander Horwath 2017

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Kultur
11/30/2020

Filmempfehlungen für die kinofreie Zeit

Der Ex-Filmmuseumsdirektor und Kurator Alexander Horwath teilt seine aktuellen Streaming-Erlebnisse.

Der Pool, aus dem die folgenden Hinweise geschöpft wurden, ist monumental: Aus rund 600 Filmen aller Arten und Längen, gesehen auf Streaming-Portalen seit dem Lockdown eins, ist diese Liste destilliert. Die Auswahlkriterien: Portale mit reichem Angebot und Filme mit Begeisterungspotenzial, die in vertretbarer Qualität online stehen. Keine Serien. Keine Filme, die bei uns ohnehin schon im Kino liefen. Das Problem: Es sind immer noch zu viele. Fangen wir also, ad absurdum, bei A an.

  1. A wie Adam Sandler. Der Komiker, dessen exaltierter Spielstil Freunde und Familie auf die Probe stellen könnte. Ein echter Humanist („The Week Of“: wie ein Film von Jean Renoir) und ein toller Versager („Uncut Gems“, wie Scorsese). Beide auf Netflix.
  2. A wie entsetzliche Algorithmen. Entfliehen Sie dem Bild, das Netflix von Ihnen hat. Schauen Sie dort Charlie Kaufmans neue Großtat „I’m Thinking of Ending Things“, den französischen Action-Walzer „Verirrte Kugel“ und den immer noch unbesiegten „Richard Pryor: Live in Concert“ (1979).
  3. A wie Alternative, die beste, die es zu AmazonDisney+Netflix gibt: Mubi.com. Jeden Tag ein neuer Film, der 30 Tage online bleibt – derzeit etwa Werke von Kluge, Pabst, Rohmer, Rossellini. Und ein reiches Zusatz-Archiv, in dem man das grandiose Seventies-Oeuvre des Inders Mani Kaul ebenso findet wie „Apocalypse Now“.
  4. A wie Animation – für den kürzeren Atem. Meisterwerke von David OReilly („The External World“), Don Hertzfeldt („The World of Tomorrow“) und aus Österreich: „Operation Jane Walk“ von Leonhard Müllner und Robin Klengel. Bonus für Katzen-Gegner: „Trash Cat“ von Kelsey Goldych.
  5. A wie Archiv – auch wenn nur wenige Filmarchive ihre Streams unter das Motto Rarität-Klassizität-Digitalqualität stellen. Das Korean Film Archive („Obaltan / Aimless Bullet“, 1961), das EYE-Filminstitut in Amsterdam (Max Ophüls' „Komedie om Geld“, 1936) und die Pariser Cinémathèque (sieben Hauptwerke von Jean Epstein) tun es mit Lust.
  6. A wie Anfänger: Von allen Filmschulen hat nur die Berliner dffb ein großes Online-Archiv, wo u.a. der erste Film mit dem späteren Werner-Herzog-Star Bruno S. („Bruno der Schwarze“) und jede Menge 1968er-Revolutionskino warten.
  7. A wie Avantgarde: UbuWeb – die Fundgrube schlechthin, von Dada über Guy Debord bis Philip K. Dick im Interview (leider oft in Piraten-Qualität). Und, auf Vimeo, „The Voyagers“ von Penny Lane, das Hochzeitsgeschenk der Künstlerin an ihren Ehemann.
  8. A wie die Andere Filmgeschichte: jene aus weiblicher Sicht. Von der Diva Lyda Borelli („Rapsodia Satanica“, restauriert zur Originalmusik von Pietro Mascagni) bis „Not A Pretty Picture“ von Martha Coolidge.
  9. A wie Artists' Films: wie das Bewegtbild der Bildenden Kunst ein zweites Leben verschaffte, jenseits des Markts – einst (Chris Burdens „TV Commercials“) und jetzt (Moyra Daveys Essay „Hemlock Forest“).
  10. A wie „The Americans“. Also doch eine Serie. Nicht von, aber auf dem N-Sender. Für jene, die es ohne Binge-Angebot einfach nicht schaffen. Dann soll es wenigstens das Beste sein.

A wie Ambiguitätstoleranz: Alles kein Ersatz fürs Kino. Aber Streaming darf bleiben.

Alexander Horwath

Netflix.com

Mubi.com [Mani Kaul z.B. hier und hier]

The External World (2010, David OReilly)

World of Tomorrow (2015, Don Hertzfeldt)

Operation Jane Walk (2017, Leonhard Müllner & Robin Klengel)

Trash Cat (2015, Kelsey Goldych)

Obaltan / Aimless Bullet (1961, Yu Hyun-mok)

Komedie om Geld (1936, Max Ophüls)

Filme von Jean Epstein auf HENRI

Bruno der Schwarze (1969, Lutz Eisholz)

Ubu.com

The Voyagers (2010, Penny Lane)

Rapsodia Satanica (1915/17, Nino Oxilia)

Not A Pretty Picture (1976, Martha Coolidge)

TV Commercials (1973–77, Chris Burden)

Hemlock Forest (2016, Moyra Davey)

 

Näheres zu Horwaths Kino- und Online-Fundstücken können Sie in den bislang sechs Podcasts („Shutdown Stories“) erfahren, die Bert Rebhandl mit ihm seit März 2020 auf der Homepage der Berliner Filmzeitschrift „Cargo“ (www.cargo-film.de) veröffentlicht.

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