Halbzeit bei den 72. Filmfestspielen in Venedig: Auf Konter gespielt

Ausschnitt aus Alexander Sokurovs „Francofonia“.

Ausschnitt aus Alexander Sokurovs „Francofonia“.

Die bislang mutigsten Wettbewerbsbeiträge stammen aus Russland und Israel.

Inhaltlich und formal innovativ seien die Werke, die er in diesem Jahr versammelt habe, versprach Venedigs Filmfestdirektor Alberto Barbera im Vorfeld stolz. Ein Festival müsse „auf Konter spielen“ und erkennen, welche Bezugspunkte für „das Kino von morgen" wesentlich seien. Die starke Ansage lief ins Leere: Unerhört schwach nimmt sich nun, nicht nur angesichts solch großer Töne, der laufende Wettbewerb der 72. Mostra internazionale d’arte cinematografica aus; unter den ersten elf Beiträgen im Kampf um den Goldenen Löwen 2015 fanden sich neben Totalabstürzen (wie dem Netflix-Kindersoldatendrama „Beasts of No Nation“, dem Transsexuellen-Historienkitsch „The Danish Girl“, der ideenfreien Science-Fiction-Ödnis „Equals“) und allenfalls kompetent gefertigter Arthouse-Routine (etwa Pablo Traperos Ersatz-Scorsese-Krimi „El Clan“ oder „Marguerite“, Xavier Giannolis Tragikomödie einer dilettantischen Opernsängerin) bislang nur zwei wirklich herausfordernde, formal widerständige Filme – Alexander Sokurovs „Francofonia“ und Amos Gitais „Rabin, The Last Day“.

"Rabin, The Last Day"

Und es ist kein Zufall, dass beide Werke, als essayistisch konzipierte Doku-Dramen, auch politisch eine gewisse Radikalität beanspruchen: Während der Russe Sokurov höchst assoziativ, bildgewaltig und durchaus liebevoll von der Zusammenarbeit des einstigen Louvre-Direktors Jacques Jaujard mit dem Kunstschutz-Beauftragten der Wehrmacht, Franz Graf Wolff-Metternich, im von den Nazis besetzten Paris berichtet, rekonstruiert der Israeli Gitai minuziös das vergiftete Klima, in dem vor 20 Jahren der Mord an Ministerpräsident Jitzchak Rabin durch einen jüdischen Rechtsextremisten möglich wurde. Gitais Kritik an jenen innerisraelischen Dynamiken, die den von Rabin mutig vorangetriebenen Friedensprozess zum Scheitern brachten, birgt Sprengstoff: Denn der amtierende Premier Israels, Benjamin Netanjahu, wird in „Rabin, The Last Day“ überdeutlich als (bereits seit damals) destruktiver Wortführer einer ultrarechten Politik porträtiert, die alle Bemühungen, für Entspannung zwischen Israel und Palästina zu sorgen, langfristig gekippt hat.