Hans Söllner: "Mit der Wahrheit kann man nicht aufhören"

HANS SÖLLNER: "Was wollen die Arschlöcher retten, die jetzt gegen Ausländer hetzen? Ihren Kühlschrank?"

HANS SÖLLNER: "Was wollen die Arschlöcher retten, die jetzt gegen Ausländer hetzen? Ihren Kühlschrank?"

Hans Söllner ist Streithammel und Friedenslicht, Rasta und Oberbayer, volkstümlicher Umstürzler und Liedermacher von lokalem Weltrang. Aber im Grunde will er nur seine Ruhe haben. Darüber darf jeder gern mit ihm streiten. Eine Begegnung aus rundem Anlass.

Entspanntester Wiegetritt über die Bühne des Wiener Orpheums. Der bayerische Liedermacher Hans Söllner gibt den Cowboy auf Landgang und schaut schon mal, was da los ist, drei Stunden vor seinem Konzert. Söllner grüßt nach rechts und umarmt links, freut sich herzlich über diverse Wiedersehen. Der Auftritt in der Wiener Vorstadtbühne ist so etwas wie ein Heimspiel für den 59-Jährigen aus Oberbayern, der am 24. Dezember Geburtstag hat, dem aber nicht sehr viel heilig ist, zumindest nichts Scheinheiliges. Söllners Gesicht zeigt Furchen, wo Lachfalten sein sollten; man kann sich sehr gut vorstellen, wie er breit grinsend vor seinem Tourbus steht, nachdem er diesen in Grün-Gelb-Rot bemalt und mit "Hans Söllner Marijuana Import Export" beschriftet hat.

Dieser Tage erscheint Söllners (gemeinsam mit Christian Seiler verfasste) Autobiografie "Freiheit muss weh tun", die sein schillerndes Leben in angemessenem Plauderton und hoher Anekdotendichte erzählt: von der beengten Kindheit in Weißbach bei Bad Reichenhall (Vater, Mutter, zwei Söhne , 20 Quadratmeter Wohnfläche); von Söllners Versuchen, als Koch oder Automechaniker glücklich zu werden; vom Erfolg als Liedermacher ab Anfang der 1980er-Jahre; von seiner Leidenschaft für Reggae, Rastafari und Marihuana; und, natürlich, von den ewigen, beiderseits durchaus beharrlich geführten Auseinandersetzungen mit der bayerischen Justiz und Exekutive, die die Offenherzigkeit seiner Kritik an Politik und Behörden nicht recht schätzen wollten - und seine offen bekundete Leidenschaft für Gras schon gar nicht. Rund 300.000 Euro, schätzt Söllner, hat ihn seine Sturheit in diesen Angelegenheiten bis dato gekostet.

Söllners Repertoire an Lebensweisheiten erscheint ähnlich unermesslich wie der Schatz an Geschichten, die sie untermalen. Im Interview erweist er sich als erstaunlich lebhafter Zeitgenosse, springt auf, wenn die Dramatik einer Geschichte oder die Entschlossenheit seiner Position unterstrichen werden muss, redet sich in Rage und beruhigt sich ganz schnell wieder und spart natürlich nicht mit Schimpf und Schande für all jene, die er als "Arschlöcher" dekuvriert hat. Das Gespräch wurde in bayerischer Sprache geführt und zur einfacheren Verständlichkeit ins Hochdeutsche übertragen.

profil: Können wir offen reden? Oder gibt es noch beleidigte Staatsanwälte in Bayern, die Ihre Interviews auf Klagbares durchkämmen?
Hans Söllner: Wir können ganz offen reden. Die Vergangenheit ist sowieso Vergangenheit.

profil: Keine Nachwehen mehr aus Ihren Konflikten mit Polizei und Justiz?
Söllner: Es gibt überhaupt nichts mehr - davon abgesehen, dass der Staatsanwalt von Traunstein ab und zu eine Postkarte von mir kriegt, wenn ich eine schöne finde.

profil: Aber auf einen Kaffee laden Sie ihn eher nicht ein, oder?
Söllner: Tät ich schon gern, weil dann würde ich ihm ganz privat sagen, dass er eine blöde Sau ist. Dass man das einfach nicht tut, was er gemacht hat. Sondern dass man sich erst einmal erkundigt, bevor man so was beginnt. Ich habe immer nur Menschen beleidigt. Und für Beleidigung gibt's ganz einfache Paragrafen: 80 Euro, wenn ich zu einem Polizisten sag: "Du blöde Sau." 300 Euro, wenn ich zu einem Richter sage: "Du blöde Sau." Aber nicht: 300.000 Euro, um deine Existenz zu vernichten, um dich in den Selbstmord zu treiben, um deine Familie zu zerstören, verstehst?

profil: Sie wurden gut 15 Jahre nach allen Regeln der Kunst beamtshandelt: Hausdurchsuchungen, Beleidigungsklagen, Polizeikontrollen. Wie hält man das durch?
Söllner: Indem man weiß, dass man im Recht ist. Wenn ich eine Lüge aufrechterhalten hätte müssen, hätte ich das nicht geschafft. Aber wenn du im Recht bist, bist im Recht. Das Recht ist immer heilsam - ein Dopingmittel. Natürlich kann man sagen: Warum hört er nicht damit auf? Mit der Wahrheit kannst du nicht aufhören. Mit dem Lügen kannst du aufhören.

profil: Im Buch und auf der Bühne erscheinen Ihre Dialoge mit Richtern und Polizisten als große Gaudi. Hatten Sie selbst denn Spaß dabei?
Söllner: Wenn ich die Geschichten so erzähle, wie sie passiert sind, mag sie niemand da draußen hören. Es ist nicht wirklich witzig, wenn du von einem Polizisten aus deinem Auto herausgezogen wirst und deine Hose runterziehen musst. Aber ich kann das witzig erzählen. Natürlich ist manches untertrieben und manches übertrieben. Das ist bei Geschichten halt so.


Ich habe meine eigenen Regeln, die sind halt eher anstandsgeprägt.

profil: Lernen Polizei und Justiz etwas daraus, wenn man sie ständig mit den eigenen Absurditäten konfrontiert?
Söllner: Bei mir waren sie lernfähig. Ich habe ja Akteneinsicht gehabt, und da konnte man schon lesen, dass sie es irgendwann verstanden haben. Da stand dann auch drinnen: Du brauchst den Söllner nicht vorladen, der Söllner wird nicht kommen. Der ist halt so, wie er ist. Sie haben bei mir schon was gelernt. Zum Beispiel, dass es mir nichts ausmacht, wenn sie kommen und mich raustragen. Dass es mir wurscht ist. Ich halte mich raus aus deren Regeln. Ich habe meine eigenen Regeln, die sind halt eher anstandsgeprägt. Wenn ich Zeit habe, komm ich vorbei, wenn ich keine Zeit habe, komme ich nicht. Und ich bin auch nicht bös, wenn ich nicht abgeholt werde.

profil: Hat sich Ihre Lebensqualität dadurch verbessert?
Söllner: Ich genieße es schon, wenn keine Hausdurchsuchung ist und ich meine Ruhe habe, obwohl ich auf der Bühne von Hanf rede. Beim Chiemsee-Open-Air bin ich hinter der Bühne gestanden mit einem Joint. Da kommen zwei Polizisten und fragen: "Kannst nicht vielleicht woanders rauchen?" Und ich: "Ich muss gleich auf die Bühne, ich kann also leider nicht woanders rauchen. Aber könnt's ihr nicht vielleicht woanders hingehen?" Dann sind sie gegangen. Das ist einfach schön und respektvoll, weil so kann man mit der Sache auch umgehen.

profil: Ärgert es Sie umgekehrt manchmal, dass sich niemand mehr über Sie ärgert?
Söllner: Überhaupt nicht. Es ist eher etwas angenehmer, weil ich mir dadurch etwas erlauben und wirklich was sagen kann. Natürlich: In der jetzigen Situation mit dem Seehofer (Horst, bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender, Anm.) und was der mit den Flüchtlingen macht, da bin ich wieder knapp davor. Weil dann sag ich schon: Wenn jemand keinen Anstand hat und einfach nur eine blöde Sau ist, dann muss er halt so reagieren. Dann sucht er sich halt andere blöde Arschlöcher, die mit ihm schreien: "Wir brauchen keine Flüchtlinge." Und dann macht er die Grenzen zu. Da bin ich vielleicht hart und sicher auch ordinär. Aber ich kann es nur immer wieder sagen: Man kann manche Dinge nicht verstehen, wenn man sie freundlich ausspricht.


Wenn's nach mir ginge, würde ich die Grenzen aufmachen, dann würde ich das in Fluss bringen, was sich da staut vor Ungarn, vor Österreich, vor Deutschland, wo auch immer.

profil: Was wir nicht ganz verstanden haben, ist eine Passage im Buch, in der Sie sagen: "Ich glaube nicht, dass wir in einer Demokratie leben."
Söllner: Ja, was heißt denn Demokratie? Anscheinend kommt das aus dem Griechischen. Das Volk? Herrscht? Aber das tun wir ja nicht! Es herrschen ein paar Parteien, es herrscht die Wirtschaft, aber ich herrsche nicht. Auf mich hört niemand. Wenn's nach mir ginge, würde ich die Grenzen aufmachen, dann würde ich das in Fluss bringen, was sich da staut vor Ungarn, vor Österreich, vor Deutschland, wo auch immer. Es verteilt sich doch sowieso. Es werden ja nicht zwei Millionen nach Bayern einfallen und dort bleiben, verstehst? Warum stoppe ich diesen Fluss und ärgere mich dann, wenn links und rechts das Ufer überschwemmt ist?

profil: Ist das Volk denn anständiger als seine Politiker?
Söllner: Es ist eingeschüchtert - und hat jetzt endlich wieder ein Feindbild. Wenn du nicht eingeschüchtert bist, schlägst du dich nicht auf die Seite von einem, der einen Zaun bauen möchte. Ja, wie hoch soll denn der sein? Und wie breit? Soll der von Freilassing bis Deggendorf gehen oder wie? Und dann? Es ist eine Panikmache, Einschüchterung, und eine Geiz-ist-geil-Mentalität, die durchdreht. Angela Merkel hat einen wichtigen Satz gesagt: "Wir schaffen das. Gemeinsam." Was wollen denn die Arschlöcher, die jetzt gegen Ausländer hetzen? Was wollen sie denn retten? Ihren Kühlschrank? Ihre Gefriertruhe? Sie werden weiterhin denselben Scheißdreck fressen, den sie vorher gefressen haben. Weil es ihnen wurscht ist. Geiz ist geil. Das ist nicht meine Mentalität.

profil: Bei Ihren Wirtshauskonzerten gehört der Publikumskontakt am Stammtisch gewissermaßen zum Ritual. Was erzählen Ihnen die Leute im Herbst 2015?
Söllner: Im Moment habe ich das Gefühl, dass mich ein paar Leute verlassen, weil sie nicht konform sind mit meiner Meinung, dass wir das gemeinsam schaffen. Aber wenn jemand meint, dass er seine Freiheit nur mit der Diskriminierung, der Verfolgung und dem Tod anderer Menschen aufrechterhalten kann, dann brauche ich so eine Freiheit nicht. Und da gehen dann ein paar. Aber im Grunde wollen doch alle einen Frieden haben, eine Ruhe, und das eigentlich auch den anderen gönnen.


Eine Frau muss eine Frau sein. Ich habe da ein ganz altes, primitives Bild von Familie.

profil: Erstaunlicherweise sind gerade gestandene Grüne oder Rote nie wirklich mit Ihnen warm geworden. Sind Sie denen zu volkstümlich?
Söllner: Das ist ein Trugschluss. Wir haben nicht die gleichen Werte. Ich habe ein ganz anderes Bild von Freiheit. Meine Idee von Freiheit ist: Es muss ohne Parteien gehen. Wir müssen uns selbst verwalten dürfen. Es ist schon okay, wenn jemand die Logistik, die Versorgung organisiert, aber ein Freiheitsprinzip stell ich mir anders vor. Und die Scheidungsgesetze unter Rot-Grün waren schrecklich. Die sagen, die Frau muss ihren Mann stehen oder was weiß ich. Ich finde, eine Frau muss überhaupt nicht ihren Mann stehen. Eine Frau muss eine Frau sein. Ich habe da ein ganz altes, primitives Bild von Familie.

profil: Wobei der Spagat zwischen Musikerberuf und Familie schon ein eher schwieriger ist, oder?
Söllner: Das ist kein schwieriger Spagat. Den gibt es einfach nicht.

profil: Beim besten Willen nicht?
Söllner: Nein. Ich bin kein Maurer, der seine Kelle auf die Seite legt und dann zwölf Stunden nichts mehr mit Mauern zu tun hat. Das, was ich bin, bin ich immer, 24 Stunden am Tag, seit 60 Jahren. Sekunde für Sekunde. Meine Frauen haben mir immer vorgehalten, dass ich nie daheim bin. Das stimmt so nicht ganz. Ich bin nur anders daheim. Ich habe zwei Familien, aber ich habe es nicht geschafft, ihnen zu erklären, dass ich für sie da bin. Ich habe halt einen Söllnerkopf, keinen Mechanikerkopf oder Kochkopf.

profil: Wann ist Ihnen selbst aufgefallen, dass Sie diesen Söllnerkopf haben?
Söllner: Mir ist schon als Kind vorgekommen, dass die andern ein bisschen anders ticken, aber ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht. Ich war ein braver Bub, höflich, anständig, ich habe "Danke","Bitte","Wiederschauen" gesagt. Dass ich das bin, was ich bin, habe ich sehr spät realisiert - noch lange, nachdem ich als Musiker angefangen habe. Am Anfang hab ich ja geglaubt, ich spiele halt ein bisschen diese Lieder und krieg meine 50 Mark oder auch nicht. Eigentlich war es für mich ziemlich überraschend, dass das irgendwann so viele Leute interessiert hat.

profil: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Söllner: Eigentlich verstehe ich es immer noch nicht ganz, weil ich ja weiß, dass es da draußen Leute gibt, die tausendmal besser singen, texten oder Gitarre spielen als ich. Und dann komme ich daher, und es funktioniert. Aber die Leute haben das so entschieden. Und wenn sie entscheiden, dass es vorbei ist, ist es vorbei - was ich nicht glaube, ganz ehrlich.

Hans Söllner: Freiheit muss weh tun. Knaus, 320 S., 20,60 EUR.