Das große Ich-bin-ich: Der neue Glavinic-Roman "Der Jonas-Komplex"

Thomas Glavinic

Thomas Glavinic

Von Mafiabossen und Innovationsmängeln: Thomas Glavinic' neuer Roman "Der Jonas-Komplex".

In Anlehnung an die alttestamentarische Sage von Jonas, der sich dem Gebot Gottes widersetzt und von einem Wal verschluckt wird, bezeichnet der "Jonas-Komplex" in der Psychologie sowohl ein gezieltes Kneifen vor Herausforderungen als auch die Angst vor der eigenen Größe. Weder das eine noch das andere ließ sich Thomas Glavinic, 44, bislang attestieren. Von seinem Debütroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" (1998) über die schaurig gut in Szene gesetzte Endzeitfantasie "Die Arbeit der Nacht" (2006) - Teil der sogenannten Jonas-Trilogie mit den Bänden "Das Leben der Wünsche" und "Das größere Wunder" - erwies sich der Autor und Poète-maudit-Darsteller als einer der wandlungsfähigsten und kompromisslosesten Schriftsteller seiner Generation. Die besondere Kraft Glavinic' lag darin, wiederholt mit alten Mustern zu brechen, sich durch Einfühlungsvermögen und den Willen zur gattungsübergreifenden Perfektion immer neue Genres der Welt-und Seelenerkundung zu erschließen. In "Der Jonas-Komplex" ist davon wenig zu spüren. Auf knapp 750 Seiten und in drei separate Handlungsstränge unterteilt, fügt der Autor hier eklektizistisch zusammen, was nicht zusammengehört - und bedient sich dabei großzügig aus dem Fundus seines bisherigen Schaffens.

Wiederum begegnet einem die übererotisierte, freimütig dem Suff und Drogenkonsum ergebene Autorenkunstfigur namens Thomas Glavinic, bekannt aus der Ego-Satire "Das bin doch ich" (2007). Wieder taucht Jonas aus "Das größere Wunder" auf, der schwerreiche Pflegesohn des Mafiabosses Pico, der nach dem Ableben des Paten nichts Besseres zu tun hat, als seinem latenten Selbstmordwunsch Ausdruck zu verleihen, indem er sich ohne nennenswerte Hilfsmittel an den unwirtlichsten Orten der Welt aussetzen lässt. Allein der Erzählstrang um ein 13-jähriges Schachgenie, das, von einer alkoholkranken Ziehmutter betreut, in der Weststeiermark aufwächst und von der großen Liebe träumt, bringt etwas Glanz in das intertextuelle Verweisspiel, das an einem spürbaren Mangel an Innovation und Zusammenhalt scheitert. Zu hoffen bleibt, dass "Der Jonas-Komplex" im Œuvre dieses Autors einen Wendepunkt markiert. Zweifelsohne dürfte es für Glavinic eine Herausforderung darstellen, seine Obsession mit dem eigenen Ich ruhen zu lassen, der Jonas-Figur eine literarische Pause zu gönnen. Vertrauend auf die eigene Größe, dürfte Glavinic auch diese Hürde spielend nehmen.

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex. Fischer, 752 S., EUR 25,70