Josef Hader: "Ich hatte wirklich Angst, das in den Sand zu setzen“

Josef Hader: "Ich hatte wirklich Angst, das in den Sand zu setzen“

Der Schauspieler und Autor Josef Hader über Trotz, Narzissmus, Erfolgsdruck, einen finnischen Traum und sein spätes Regiedebüt "Wilde Maus“, mit dem er im Wettbewerb der Berlinale antreten wird.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Sie spielen in "Wilde Maus“, Ihrer ersten eigenen Regiearbeit, erneut eine sehr typische Hader-Figur - einen sympathischen Verlierer. Woher kommt Ihre hohe Affinität zu dieser Art von Helden?
Josef Hader: In der Genre-Mischung, in der ich mich gern bewege, entstehen solche Figuren automatisch. Meine Grundidee war: Jemand verliert seine Arbeit und setzt sich immer mehr zur Wehr. Diese Idee hat mir gut gefallen, weil sie kein klassisches Setting für eine Tragikomödie ist.

profil: Daher wollten Sie auch Ihre Hauptfigur ein bisschen zynisch, anmaßend, narzisstisch gestalten?
Hader: Das war gut für die Fallhöhe. Ich hab mir einen Mann ausgedacht, der in seiner Rachsucht erst nur kleine Sachbeschädigungen begeht, aber die Eskalation nicht vermeiden kann. Das ist kein klassisch tragikomischer Stoff.

profil: Wieso? Ihr Held agiert doch äußerst infantil und unreif.
Hader: Ja, das ist auch notwendig. Alles, was in meinem Film mit dieser Figur passiert, steht im Zeichen ihrer nicht enden wollenden Spätpubertät. Das ist also einer, der sich mit seinem Loser-Dasein nicht abfindet - und gerade deshalb umso härter scheitert. Welche Alternative gäbe es dazu? Ein tragikomischer Film braucht scheiternde Menschen.

profil: Stand denn immer fest, dass Sie selbst auch die Hauptrolle übernehmen würden?
Hader: Ich wollte ursprünglich nur allein ein Drehbuch schreiben - für mich selbst in der Hauptrolle, ja. Erst im Lauf des Schreibens dachte ich, dass jeder Regisseur arm wäre, an einem Stoff, in dem ich so tief drinstecke, mit mir arbeiten zu müssen. Dann hab ich mir gedacht, ich mach selbst Regie, und dachte zuerst daran, die Hauptrolle einem anderen zu überlassen. Am Ende aber hab ich dann, auch in Diskussion mit den Produzenten, doch alles selber gemacht.

profil: Das hatte wohl auch ökonomische Gründe: Ein Film mit Josef Hader ist an der Kasse deutlich aussichtsreicher als nur einer von Josef Hader.
Hader: Ja, es gehen dadurch möglicherweise mehr Leute ins Kino, und dadurch habe ich wieder eher die Chance, eine weitere Regiearbeit anzugehen.

profil: Stößt man als Regiedebütant nicht schnell an seine Grenzen?
Hader: Ich hatte großes Glück, mit Andreas Thalhammer und Xiaosu Han die richtigen Kameraleute zu erwischen. Und die Filmfirma war großartig, die hat mir den Rücken freigehalten. Ich hab offenbar keine so schlechte Hand gehabt in der Auswahl meines Teams - und viel Zeit in die Entwicklung des Drehbuchs investiert, dadurch wusste ich genau, was ich wollte, was mich wiederum offen für Vorschläge von allen anderen gemacht hat. Aber dann braucht man natürlich auch Glück; im österreichischen Film müssen viele Dinge beim ersten Mal gutgehen, weil man keine Zeit mehr hat, sie zu wiederholen. Ich habe Dreharbeiten erlebt, etwa mit Wolfgang Murnberger, bei denen wir dieses Glück hatten; bei anderen wurde genauso gut gearbeitet, aber wir hatten nicht dieses Glück.


Würde ich im Film einen wirklich sympathischen Menschen spielen, wäre das nicht auszuhalten.

profil: Wie hoch ist Ihre Sehnsucht, geliebt zu werden?
Hader: Auf einer Skala?

profil: Nein, aber es fällt doch auf, dass es Ihnen fast unmöglich ist, unsympathische Figuren zu spielen. Liegt das auch Ihrem Narzissmus?
Hader: Sicher. Auch in meinen Kabarettprogrammen versuche ich ja, schwierige Texte zu schreiben, die ich auf der Bühne gerade noch hinkriege, damit die Leute mich am Ende immer noch mögen. Im Grunde spiele ich in "Wilde Maus“ jemanden, der verschlossen ist, Unangenehmes tut, sich radikalisiert - eigentlich sammelt der Mann nur Minuspunkte. Glücklicherweise, denn würde ich im Film einen wirklich sympathischen Menschen spielen, wäre das nicht auszuhalten.

profil: Warum also erscheinen die depressiven, rachsüchtigen, anmaßenden und angstgetriebenen Menschen, die Sie oft spielen, so liebenswert. Weil sie scheitern? Weil sie arm sind?
Hader: Um Mitleid geht’s da nicht. Ich habe eher das Gefühl, es hat mit dem kindlichen Trotz meiner Figuren zu tun. Diesen Trotz hab ich selbst auch, würde ihn aber nie so deutlich zeigen, dazu wäre ich viel zu feig - oder sagen wir: zu vornehm.

profil: Trotzige Menschen mag man eben?
Hader: Offenbar. Mein ewiger Lieblingsfilm ist ja "French Connection“ - und ich glaube, meine Verehrung hat auch damit zu tun, dass Gene Hackman darin den Polizisten mit diesem naiven, fast kindlichen Trotz verkörpert. Wahrscheinlich spiele ich in meinen Filmen unentwegt nur Gene Hackman in "French Connection“ nach.

profil: Kann man "Wilde Maus“ auch als eine Art romantic comedy sehen?
Hader: Das wäre ein Genre, das in meinem künstlerischen Wollen eher weiter unten steht. Mit dem Begriff "romantisch“ kann ich wenig anfangen. Mein Problem beim Drehbuchschreiben sind die vielen Stränge und Genres, die in meinen Geschichten durcheinandergehen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich streng definieren muss, wo der emotionale Hauptstrang liegen soll. Bei "Wilde Maus“ war mir schon klar, dass dies die Beziehungsgeschichte sein muss. Anders gesagt: Der zentrale Punkt ist nicht, dass dieser Mann seinen Job verliert, sondern dass er es seiner Frau verheimlicht. Ich wollte den Schlussdialog zwischen den beiden so hinkriegen, dass sich für den Zuschauer ein Finale ergibt, das er akzeptieren kann. Wenn ich ins Kino gehe, kann ich ein vollkommen offenes Ende nicht leiden. Wenn ich schon Eintritt zahle und mich eineinhalb Stunden lang auf einen Film einlasse, erwarte ich mir von den künstlerischen Fachkräften, dass sie eine Lösung finden werden und ich mir sie nicht selbst basteln muss.

profil: Haben Sie kurz erwogen, "Wilde Maus“ unglücklich enden zu lassen?
Hader: Ich hab beim Schreiben lange Zeit nicht gewusst, wie weit meine Figur in ihrer Rachelust gehen könnte.

profil: Sie treffen derart wesentliche Story-Entscheidungen erst während des Schreibens?
Hader: Ich mach am Anfang einen Plan, den ich aber ständig ändern muss, weil die Geschichte es so will. Ich habe schon die Möglichkeit gesehen, diesen Plot in einer Katastrophe aufgehen zu lassen. Dann aber wurde der Film so etwas wie eine Mittelstandssatire über unentschiedene Menschen, die ihre Probleme kultivieren. Und eine solche Erzählung braucht ein Ende, in dem weitergewurschtelt wird. Diese Leute können keine echten Entscheidungen treffen. Auch am Schluss nicht.


Ich hatte wirklich Angst davor, dass ich das in den Sand setze und man am Ende zu mir sagt: 'Josef, interessant, dass du’s einmal probiert hast, aber in Zukunft wollen wir dich wirklich nur noch als Autor und Schauspieler sehen.'

profil: Sind Sie nicht umgeben von Leuten, die Sie inständig bitten würden, ein katastrophales Ende schon aus wirtschaftlichen Gründen zu vermeiden?
Hader: Nein. Wen meinen Sie denn?

profil: Ihre Produzenten beispielsweise. Oder potenzielle Subventionsgeber.
Hader: Überhaupt nicht.

profil: Sie hatten völlig freie Hand in allen Belangen?
Hader: Nach Jahren des Drehbuchschreibens hab ich mir meine Produzenten ausgesucht - und hab erwartet, dass sie mir das Regieführen ausreden wollen. Die Situation war ja wirklich unsicher: ein Anfänger, der noch dazu die Hauptrolle selber spielen will. Stattdessen saßen die Produzenten da und rieten mir dringend, diesen Film zu inszenieren. Das war großartig, so ein Vertrauen. Und sie überließen mir als Regisseur sehr konsequent die Letztentscheidung in allen wesentlichen Fragen.

profil: Sie sind so etwas wie Österreichs letzter Filmstar; der Einzige, der an der Kinokasse noch Massen mobilisieren kann. Setzt einen dies nicht auch unter Druck?
Hader: Das ist alles nicht so beängstigend. Erstens sind für andere Kabarettisten einst schon viel mehr Leute ins Kino gegangen. Und sobald ich in einem Film wie "Vor der Morgenröte“ spiele, der meiner eigenen künstlerischen Richtung etwas ferner ist, gehen sofort weniger Menschen in die Kinos. Aber dafür, dass es ein hochkünstlerischer Film ist, immer noch erstaunlich viele. Ich spüre keinerlei Besucherzahlendruck. In anderer Hinsicht war durchaus ein Druck da: Würde "Wilde Maus“ formal diskussionswürdig sein? Ich hatte wirklich Angst davor, dass ich das in den Sand setze und man am Ende zu mir sagt: "Josef, interessant, dass du’s einmal probiert hast, aber in Zukunft wollen wir dich wirklich nur noch als Autor und Schauspieler sehen.“ Das ist nicht passiert. Die bisherigen Reaktionen zeigen, dass ich einen formal passablen Film zustande gebracht habe. Und das ist für mich, ganz ohne Koketterie, das Allerwichtigste. Denn es war wirklich hart, aber auch sehr, sehr lässig. Ich verstehe inzwischen jeden Regisseur, der süchtig nach seiner Arbeit ist. Deshalb würde ich das gerne wieder einmal machen.

profil: Welche filmischen Vorbilder hatten Sie denn?
Hader: Einige Leute finden "Wilde Maus“ ja zu schön, weil sie offenbar gewöhnt sind, dass österreichische Komödien immer diesen heruntergerockten Stil haben müssen. Ich finde aber, dass "Wilde Maus“ durchaus eine Spur von der Schönheit asiatischer Rachefilme haben darf. Nicht zu viel natürlich, weil wir sind ja in Österreich. Und ich weiß nicht, ob das jetzt komisch klingt, aber wenn ich ein Vorbild nennen müsste, dann wäre das am ehesten François Truffaut.

profil: Ihre Liebe zur Nouvelle Vague ist unübersehbar. Schon die erste Totale im Schnee ....
Hader: ... zitiert Truffauts Frühwerk "Schießen Sie auf den Pianisten“, genau. Das ist ein Vorbildfilm. Mir geht bei Truffaut das Herz auf, weil da ein Liebender am Werk ist, bei dem gar nicht alles perfekt sein muss, es ist nur immer intensiv und voller Hingabe. Und wie Tragikomisches aussieht, wenn man es in eine Totale übersetzt, das kann man auch bei Truffaut lernen.


Das schöne alte Godard-Zitat, nach dem man nicht politische Filme, sondern Filme politisch machen sollte, trifft immer noch zu.

profil: Hätten Sie gerne, dass man "Wilde Maus“ auch politisch liest?
Hader: Ich wollte es genauso halten wie in meinen Kabarettprogrammen: die gesellschaftliche Stimmung nicht offen zu thematisieren, eher nur spürbar sein zu lassen.

profil: Sie üben im Film Kritik am Bobo-Lifestyle.
Hader: Kritik wäre zu viel gesagt. Es ist eine Beschreibung jenes Lebens, das wir alle in den Innenstädten führen. Es gibt Leute, die am Hauptbahnhof Hilfspakete an Flüchtlinge verteilen und sich wirklich engagieren; der Rest sind wir. Wir bemühen uns, Bedürftigen manchmal etwas zukommen zu lassen, ich spiele ab und zu ein Benefiz, aber im Großen und Ganzen sind wir auch nicht viel politischer unterwegs als die Leute im Biedermeier.

profil: Trotzdem gelten Sie als politisch engagierter Künstler. Europas Rechtspopulisten im Höhenflug, Nordamerika in Turbulenzen: Kann man diesen Zumutungen überhaupt etwas entgegensetzen?
Hader: Das schöne alte Godard-Zitat, nach dem man nicht politische Filme, sondern Filme politisch machen sollte, trifft immer noch zu. Indem man im Kino Gegenwart beschreibt, erstattet man auch Bericht von der Stimmung seiner Zeit. Das probier ich, auf der Bühne und im Kino. Was darüber hinaus geht, mache ich als Bürger, nicht als Künstler. So wie ja auch andere nicht als Tischler oder Installateur politisch Stellung nehmen, sondern als Bürger. Und ich habe nichts gegen Widerspruch; ich sitze oft nach Kabarettauftritten im Wirtshaus mit Leuten, die meine Programme sehen, meinen Humor schätzen und dennoch die Partei wählen, die ich nie wählen würde. Dann diskutiert man eben. An einem Tisch zu sitzen mit politisch Andersdenkenden, muss nicht schlimm sein, das mag ich eigentlich gern. Denn das Gemeinsame wiegt da auch etwas, nicht nur das Trennende. Das unterscheidet einen Stammtisch von einem Internet-Blog. Deshalb habe ich zu Wirtshausdiskussionen keine negative Haltung; davor hatte ich nie Angst, das kenne ich aus meiner Kindheit. Das alles entspringt aber auch einem Grundsatz in meiner Arbeit: niemals jemanden ausschließen zu wollen.

profil: Befürchten Sie nicht, dass man in Ihrem Film wieder nur das typisch Österreichische, das leicht Durchgedrehte sehen wird?
Hader: Das kann so sein; zugleich hab ich mich aber bemüht, die Dinge so in Balance zu halten, dass diese Banalisierung des "Österreichischen“ nicht ganz so leichtfallen wird. Aber wenn man nun bei einem Festival wie der Berlinale in der Auslage steht, führt dies auch dazu, dass man sehen können wird, wie Menschen anderer Länder auf diesen Film reagieren werden. Ich bin gespannt, ob er sich auch anderswo mitteilen kann. Ist er nur schrullig-österreichisch, oder fängt ein Finne damit auch etwas an? Ich hätte sehr gerne, dass ein Finne meinen Film versteht!

profil: Das sagen Sie nur, weil Sie Aki Kaurismäki so bewundern.
Hader: Vielleicht, aber ich hab zu bestimmten Ländern erst durch Filme eine Beziehung bekommen: Das Italien, das ich als Bub kannte, war jenes der "Don Camillo & Peppone“-Filme. Und Amerika entdeckte ich über die Werke des New Hollywood, als Jugendlicher im Stadtkino von Melk - Filme, die alle verstehen konnten und trotzdem große Kunst waren. Das würde mich mehr als jeder Preis freuen: vor 40 Finnen in einem heruntergekommenen kleinen Programmkino in Helsinki stehen und in schlechtem Englisch über meinen Film erzählen. Das wäre der Traum.

profil: Als Autor arbeiten Sie sehr langsam - sieben, acht Drehbücher, eine Handvoll Kabarettprogramme in 30 Jahren. Wie entstehen Ihre Bücher?
Hader: Indem ich mir für jede Fassung ein paar Wochen nur zum Schreiben freischaufle. Weil ich aber immer viel gespielt habe, hatte ich kaum je längere Freiräume; also schrieb ich meist mit Partnern, die setzen Termine und zwingen zu einer gewissen Disziplin. Für "Wilde Maus“ hab ich meinen Rhythmus geändert, weniger gespielt und intensiv zu schreiben begonnen, etwa zweieinhalb Jahre lang, in denen ich zwischen den Kabarettterminen immer neue Fassungen gemacht hab.

profil: Verweist die "Wilde Maus“ im Titel nicht nur auf die gleichnamige Prater-Achterbahn, sondern auch auf Ihren Amok laufenden Helden?
Hader: Ein bisschen, ja. Vor allem suchte ich nach einem Titel, der weder zu schwer noch völlig nichtssagend sein sollte. "Wilde Maus“ hat mir sofort gefallen, weil ich an den Romy-Schneider-Film "Das wilde Schaf“ denken musste.

profil: Vor ein paar Jahren meinten Sie in einem profil-Interview, dass Sie "manchmal schon lieber der wilde Hund“ wären. Nun haben Sie es immerhin zur "Wilden Maus“ gebracht. Ein erster Schritt in die richtige Richtung?
Hader: Ich neige in diesem Film tatsächlich eine Spur mehr zur Gewalt: Das ist ein vorsichtiger Anfang auf dem Weg in die Psychopathologie!

Josef Hader, 54,
im Waldviertel aufgewachsen, begann bereits in den frühen 1980er-Jahren mit dem Schreiben und Spielen von Kabarettprogrammen, erarbeitete sich über die Jahre damit eine ungeahnte Popularität. Mit den Abenden "Privat“ (1994) und "Hader spielt Hader“ (1997) bestätigte er seinen Ruf als Speerspitze heimischer Kleinkunst. Parallel dazu avancierte Josef Hader auch im Kino zum Star: "Indien“ (1993) und "Der Überfall“ (2000) wurden zu Marksteinen seiner Filmkarriere, aber erst mit der Darstellung des desolaten Ermittlers Brenner in Wolfgang Murnbergers Wolf-Haas-Adaptionen - "Komm, süßer Tod“ (2000), "Silentium“ (2004), "Der Knochenmann“ (2009) und "Das ewige Leben“ (2015) - begann er, Kassenrekorde zu brechen. In Maria Schraders "Vor der Morgenröte“ zeigte Hader zudem im Vorjahr (in der Rolle des Schriftstellers Stefan Zweig) subtile Schauspielkunst.