Thunberg: "Aktivismus funktioniert"

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Kultur
10/15/2020

Kino: Ein neuer Dokumentarfilm über das Leben von Greta Thunberg

Zwei beunruhigende neue Filme, die sich mit ökologischen Krisensymptomen befassen, erreichen Österreichs Kinos: ein toxischer Justizthriller und ein Porträt der Klimaaktivistin Greta Thunberg.

von Stefan Grissemann

Zehneinhalb Millionen Abonnenten hat sie auf Instagram, über vier Millionen Menschen folgen ihr auf Twitter, dabei ist die Geschichte ihres Weltruhms gerade einmal 26 Monate alt. Im August 2018 stapft ein scheues 15-jähriges Mädchen in rosa Jacke vor das Stockholmer Parlament und protestiert dort, statt in die Schule zu gehen, drei Wochen lang gegen die Umweltpolitik der Regierung und für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens: "Skolstrejk för Klimatet" steht auf dem Schild, das die einsam kauernde Greta Thunberg neben sich abgestellt hat. Das Bild ist zu einer Ikone geworden.

Inzwischen sind gut zwei Jahre vergangen, und in weniger als drei Monaten wird Thunberg volljährig. Sie hat die globale Fridays-for-Future-Bewegung ins Leben gerufen, spricht unbeeindruckt mit Filmstars, dem Papst und den Staatschefs der Welt, redet bei EU-Sitzungen und UN-Klimakonferenzen den maßnahmensäumigen Regierenden mit wohlgesetzten Worten ins Gewissen. Ein neuer Dokumentarfilm namens "I am Greta", der nach der profil-Premiere im Gartenbaukino am 15. Oktober Österreichs Lichtspielhäuser erreichen wird, führt noch einmal vor, wie ein Teenager es schaffte, in die internationale Politik einzugreifen-und die Verhältnisse umzukehren: Während die mächtigsten Menschen dieses Planeten sich wie Kinder benehmen und das kommende Desaster verdrängen, beginnen die Kinder die Verantwortung zu übernehmen.

Die Ereignisse der letzten beiden Jahre erscheinen ihr wie ein Traum, wie ein surrealer Film, sagt die Titelheldin in "I am Greta". Und tatsächlich ist das Bild der kleinen Figur am Parkett der großen Politik ein starkes und ungewohntes; der Mut eines Teenagers berührt die Welt. Dabei weiß Thunberg ganz genau, was sie tut: Sie wolle Druck auf all jene ausüben, die klimapolitische Entscheidungen treffen können, sagt sie kühl. Und sie versteht, die Zusammenhänge ihrer Popularität illusionslos einzuschätzen: Sie ist denen, die sich gern ohne viel Aufwand den Anstrich geben, in Umweltfragen sehr besorgt zu sein, ein willkommenes Feigenblatt.

Der Thunberg-Dokumentarfilm, den der Schwede Nathan Grossman für den Video-on-Demand-Anbieter Hulu gedreht hat, ist alles andere als ein kritisches Porträt. Er bietet aber seltene, wenig geschönte Einblicke in die privaten Welten der jungen Aktivistin, zeigt sie vor allem in Debatten mit ihrem Vater, einem Schauspieler und Manager, beim Feilen an ihren Vortragstexten, auch in Augenblicken der Frustration über die geringen Aussichten ihrer Mission. Grossman ist stets ganz nah dran an der Tochter eines Künstlerpaars (Thunbergs Mutter, Malena Ernman, ist eine prominente Opernsängerin, sie taucht in dem Film seltsamerweise kaum auf) und thematisiert auch deren autistische Disposition: Unter dem Asperger-Syndrom leide sie nicht, sagt Thunberg in einer Szene des Films-sie "habe es", aber sie nehme es eben nicht als "Leiden" wahr, sondern vor allem als Vorbedingung für stark erhöhte Konzentration und Gedächtnisleistung.

Die Stimmen der Klimakrisenleugner sind in "I am Greta" durchaus präsent: Der Hohn, mit dem Putin, Trump und Bolsonaro auf Thunberg reagieren, ist jedoch nur unwesentlich schlimmer als die Heuchelei manch demonstrativ "zugewandter" Politpopulisten: Das schnarrende, von den anwesenden Kameras erzwungene kalte Gelächter Emmanuel Macrons angesichts einer selbstironischen Bemerkung Thunbergs spricht beispielsweise Bände.

"Obsessiven Aktivismus" nennt Grossman Thunbergs Mission; damit spricht er einen Aspekt an, der im Kampf gegen übermächtige Umweltverbrecher auch anderswo zu bemerken ist. Einen Giftmüllskandal, dessen Aufdeckung in West Virginia in den 1990er-Jahren beginnt, entrollt Todd Haynes in "Dark Waters" (deutscher Verleihtitel: "Vergiftete Wahrheit"), allerdings in Spielfilmform: Rob Bilott, ein 33-jähriger Wirtschaftsanwalt in Cincinnati, stößt 1998 auf ein unerklärliches Rindersterben-und unüblich häufige schwere Erkrankungen bei Menschen. Die alteingesessenen Farmer in Parkersburg, West Virginia, beschuldigen das Chemieunternehmen DuPont, das den toxischen Schlamm, der bei der Herstellung von Teflon entsteht, heimlich so entsorgte, dass die Schadstoffe ins Trinkwasser gelangten. Die Dramaturgie der Erzählung ist nicht neu: Der Anwalt folgt nicht dem Geld, sondern seinem Gewissen und stürzt sich in einen Fall, der derart kompliziert ist, dass er für einen Einzelnen kaum aufzuklären scheint. Gegen alle Widerstände enthüllt Bilott eine tödliche Öko-Affäre von gigantischen Ausmaßen.

Ein Anruf von profil in Portland, Oregon, bei US-Regisseur Todd Haynes, 59, der gerade an der Postproduktion seines ersten Dokumentarfilms (über die legendäre Band Velvet Underground) sitzt. Ein "Kreuzzug" sei Bilotts über zwei Jahrzehnte verfolgte Idee, den Konzern zur Strecke zu bringen, sagt Haynes. Das sei auch gespenstisch. "Man erkennt mörderische Profitinteressen, sieht die Regierung an der Seite der Konzerne. Es macht einen verrückt. Solche Menschen können irgendwann nicht mehr aufhören mit einem Kampf, um den sie gar nicht gebeten hatten. Und ihr Zorn wächst, zudem isoliert man sich in seinem beruflichen und sozialen Umfeld. Je größer diese Geschichte wird, desto kleiner wird deine Welt. Man schrumpft in diese Innenräume zurück, in denen man monatelang nur Akten durchforstet."

Der Schauspieler Mark Ruffalo erkannte das Potenzial dieser Geschichte, als er Nathaniel Richs 2016 veröffentlichten Artikel über Bilotts Duell mit dem Konzern ("The Lawyer Who Became DuPont's Worst Nightmare")im Magazin der "New York Times" las. Ruffalo ist in Klimabelangen seit 20 Jahren aktiv, er war die treibende Kraft hinter diesem Film, den er auch koproduziert hat. "Wir reisten nach West Virginia und Cincinnati, um all die realen Player dieser Story zu treffen", erzählt Haynes. "Bilott war sehr offen, hatte aber auch Angst: Er war eine Zeit lang wirklich davon ausgegangen, dass seine Gegenspieler erwogen, ihn aus dem Weg zu räumen."

Die Kameraarbeit Ed Lachmans ist wie Haynes' Inszenierung sehr klassisch, stellt auf schauspielerische Präzision (neben Ruffalo treten Anne Hathaway, Tim Robbins und Bill Pullman auf) scharf: Ruffalo spielt den Helden uneitel und eigenbrötlerisch. "Als Verteidiger solcher Konzerne hatte er an ein System geglaubt, das vorgab, ein Gleichgewicht von staatlicher Regulierung und Konzerninteressen in Umweltfragen herstellen zu können. Aber je mehr er sich in die Materie vertiefte, desto klarer wurde ihm, dass das nicht stimmte. Seine Erfahrungen veränderten ihn physisch und psychisch."Ihn habe diese Story "auch aus kinematografischer Perspektive, aus ästhetischen Gründen" fasziniert, bekennt Haynes und zitiert die Filme "All the President's Men" (1976), "Silkwood" (1983) und Michael Manns "The Insider" (1999). "All diese Werke basieren auf wahren Geschichten, sie besitzen diese brütende Qualität; es sind Beschreibungen der psychischen Kosten, die Einzelkämpfer erleben, wenn sie Machtmissbrauch und industrielle Korruption aufdecken."So ungleich sie erscheinen mögen: Thunberg und Bilott sind Archetypen des Umweltaktivismus-Nerds, die sich auf eigenes Risiko in den Kampf für eine bessere Welt wühlen.

Auf eigenes Risiko wird übrigens auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich der Premiere von "I am Greta" im Wiener Gartenbaukino den Ehrenschutz übernehmen: Denn ausgerechnet zu Zeitlupenbildern von Thunbergs Treffen mit Van der Bellen in der Hofburg denkt die Heldin im Film laut darüber nach, wie fake diese Treffen in den Regierungspalästen und Schlössern seien, wie unwohl sie sich dabei stets fühle: Sie höre immer nur, es sei so wunderbar, ihr zu begegnen, wie großartig ihre Arbeit sei, und man verspreche, sich in Klimafragen zu bessern. "Und dann tun sie alle nichts", setzt Greta Thunberg nach: "Sie spielen nur ihre Rollen, tun nur so, als ob." Die Kritik des mahnenden Kindes ist, sogar im Fall eines grünen Präsidenten, kaum von der Hand zu weisen.

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