Kino: Die Grazer Diagonale wird neu positioniert

INTENDANTEN-DUO SCHERNHUBER, HÖGLINGER: "Ideologiekritisches Festival"

INTENDANTEN-DUO SCHERNHUBER, HÖGLINGER: "Ideologiekritisches Festival"

Mit Kompetenz und sanfter Provokation wird die Grazer Diagonale diese Woche neu positioniert. Von der Heftigkeit der inneren Kämpfe in der heimischen Filmbranche zeigt sich das neue Leitungsduo überrascht.

Die ständige Rede von ihrem Alter nervt die beiden neuen Festivalchefs mittlerweile. Sebastian Höglinger, 32, und Peter Schernhuber, 28, mögen die jüngsten Führungskräfte sein, die der Grazer Diagonale je vorstanden, aber erstens sei dies von beschränktem Erkenntniswert und zweitens wäre es in anderen europäischen Ländern nicht der Rede wert, meinen sie. Und natürlich bürgt Jugend allein in der Kultur keineswegs für Qualität.

Es spricht für das neue Leitungsduo, dass es sich über den Startvorteil seiner Jugendlichkeit keinerlei Illusionen macht. Auf "Verjüngung“ der jährlichen Austrokino-Leistungsschau setzen Höglinger und Schernhuber daher gar nicht erst; sie versuchen ihr Festival nicht über Hipster-Posen, Modezeichen oder erhöhte Party-Dichte neu zu modulieren, bieten lieber knallhart Politisches an. Unter Mithilfe seriöser Institutionen wie Synema, Filmarchiv und Filmmuseum wagen sie sich in ihrer programmatisch betitelten Reihe "Österreich: zum Vergessen“ gleich zum Einstand etwa an die (drei Dekaden zurückliegende) Ära Waldheim, stellen das Verdrängen und den alten Stammtisch-Antisemitismus an den Pranger, denken auch über das Kino der "Stunde Null“ und die Emigration österreichischer Filmschaffender in die DDR nach. "Wir haben die Diagonale in extrem politisierten Zeiten übernommen“, erklärt Peter Schernhuber, "inmitten einer europäischen Solidaritätskrise. In dieser ideologisch aufgeheizten Situation wollten wir das Verhältnis von Film und Politik - und den Begriff des Österreichischen - untersuchen.“ Auch die Youki, das Welser Jugendfilmfestival, das die beiden lange geführt haben, hätten sie stets "als politisch verstanden“.

Mutig jedenfalls, dass sie in diesem Programm eine Breitseite aus dem Bereich des amerikanischen Super-Trash verabreichen: Das berüchtigte C-Picture "Surf Nazis Must Die“ (1987) berichtet in grellen Tönen von einer rot-weiß-rot beflaggten "Waldheim-SS“, die auf Surfbrettern an der kalifornischen Küste auftaucht. Das Befremden, das sie mit dieser Anspielung auf ein neonazistisches Österreich auslösen könnten, lächeln sie einstweilen noch freundlich weg.

Erst bei der Frage, ob sie die Diagonale als linkes Festival begriffen, zögern sie dann doch. Schernhuber: "Wenn ich sehe, was derzeit alles als links firmiert, ist es mir wichtig, mich von vielem massiv abzugrenzen. Antiamerikanismus und Antisemitismus etwa sind in der Linken ja sehr gut beheimatet.“ Die Diagonale sei "im besten Fall ein ideologiekritisches Festival“.

Nöstlinger-Adaption von Mirjam Unger

Passend dazu wird man die Show am Dienstagabend dieser Woche mit einem Film über Wiens "Stunde Null“ eröffnen, mit Mirjam Ungers Nöstlinger-Adaption "Maikäfer flieg“. Die ersten Worte des Films spricht die (von Zita Gaier gespielte) achtjährige Heldin der Erzählung: "Es ist Krieg. Es ist schon lange Krieg. Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, dass einmal kein Krieg war.“ Das Mädchen klettert über Trümmerhaufen, verlebt seine Kindheit im Bombenhagel. Die kindliche Flucht in imaginierte Zauberwelten kann die Angst, die in seiner Familie herrscht, nicht ausblenden. Die Rote Armee rückt an, der desertierte Vater (Gerald Votava) muss um sein Leben fürchten, die Mutter (Ursula Strauss) droht an der Nervenbelastung zu verzweifeln.

Als Diagonale-Opener entspricht "Maikäfer flieg“ (regulärer Kinostart: 17.3.) diesem Repräsentionsrahmen fast schon zu perfekt: als historisch bemühtes, breit ausagiertes rekonstruktives Familiendrama, das durchaus atmosphärisch gestaltet ist, aber das Premierenpublikum kaum nachhaltig zum Denken herausfordern wird. Der Film habe "eine klare politische Haltung, bei aller Lieblichkeit“, setzt Höglinger dagegen, und es treffe sich übrigens vorzüglich, mit "Maikäfer flieg“ den Internationalen Frauentag zu bestreiten: "Ein Film, in dem alle wichtigen Abteilungen von Frauen geführt wurden, ist doch gerade am 8. März ein schönes Signal.“ Es gehe am ersten Abend "letztlich auch darum, der Diagonale Gewicht zu geben - und ein Eröffnungsfilm muss auch eine gewisse Breite haben“. Und "Maikäfer flieg“ sei eben "ein großer Film, der an manchen Stellen auch aufbricht und andere Lesarten als die ganz naheliegenden zulässt“.

Der Druck, der seit je auf denen liegt, die dieses Festival programmieren, ist nicht nur hier zu spüren. "Es war klar, dass es in unserem ersten Jahr Schlag auf Schlag gehen würde“, erinnert sich Höglinger. "Tatsächlich fegte eine Art Arbeits-Tsunami über uns hinweg. Weil wir auch sehr viele Leute treffen wollten - und aus unserer Arbeit in Wels wussten, dass man ein Festival aus seiner Stadt heraus entwickeln muss.“ Fast 160 Spiel-, Dokumentar-, Kurz-und Avantgardefilme bietet die Diagonale an, die mit einem Budget von wenig mehr als 1,2 Millionen Euro arbeitet, darunter immerhin 42 Uraufführungen. Von fünf eingereichten Filmen könne man dennoch nur einen zeigen. Mögen sie jedes Werk, das sie nun zeigen? Höglinger antwortet diplomatisch: "Wir haben Argumente für jeden.“ Und Schernhuber betont, dass es ja nicht nur um persönlichen Geschmack gehe, sondern "um Repräsentation und darum, Haltung zu beziehen. Man muss das Publikum abholen - oder reinholen. Und die Diagonale ist nicht nur eine Abfolge unterschiedlicher Filme, sondern ebenso die Korrespondenz zwischen den gezeigten Werken.“

"Nur ein Akteur in diesem Spiel"

Man stößt unweigerlich an gewisse Grenzen, wenn man ins Innere - und in die traditionell vielfältigen Interessenskonflikte - der österreichischen Filmbranche vordringt. Schamlose Programmierungswünsche und hasserfüllte Reaktionen sind da an der Tagesordnung. Es sei "selten, aber doch auch untergriffig und persönlich“ gewesen, gibt Schernhuber zu. "Manche meinten offenbar, sie könnten es mit einer Tirade doch noch ins Programm schaffen. Dafür haben wir aber kein Verständnis. Wir geben unser Bestes, und davon gehen wir auch bei anderen aus. Man wusste in der Branche nicht genau, wofür wir stehen: für Mainstream? Innovatives? Also nutzten wir die Zeit und leisteten Vertrauensarbeit.“ Es gehe im Umgang mit österreichischen Filmen "eben stark um Verwertungsfragen und um die Sehnsucht nach Kassenerfolg. Wir sind nur ein Akteur in diesem Spiel.“

Das "Staatstragende“ einer nationalen Jahresleistungsschau will das neue Diagonale-Duo jedenfalls ausschalten. "Wir sind extrem vorsichtig mit nationalen Zuschreibungen, bürsten das Österreichische lieber gegen den Strich und hinterfragen es“, sagt Schernhuber - und sein Kollege ergänzt: "In nationales Fahrwasser wollten wir nie kommen. So drängte die Ära Waldheim sich als Thema schon sehr früh auf.“ Man wolle "Linien ziehen“, "Dialoge führen“, "rote Fäden finden“: Auf die "großen kuratorischen Gesten“ seien sie dabei nicht aus, betont Schernhuber noch. "Wir sind auf keinem Selbstverwirklichungstrip, müssen nicht alles umwerfen und das Gebäude zum Einsturz bringen. Provokation um jeden Preis, als Selbstzweck interessiert uns nicht.“