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Kultur
07/10/2020

Kino: Horrorfilme als politische Allegorien

Die besten Horrorfilme sind hochpolitisch, zwei aktuelle Beispiele zeugen davon: Ein brasilianischer Ethno-Schocker und eine französische Voodoo-Fabel bieten mythischpostkoloniale Geistergeschichten.

von Stefan Grissemann

Brasiliens Wilder Westen liegt im Nordosten. Im Hinterland, das man Sertão nennt, blühen die Wüstenlandschaften und die Mythen. Hier haben sich jahrhundertealte Traditionen erhalten, und eine gewisse Sturheit ist den Leuten eigen. Gegen Zumutungen von außen setzt man sich in aller Härte zur Wehr. Davon erzählt der Film "Bacurau" (derzeit im Wiener Gartenbaukino zu sehen) in schillernden Farben und bizarren Handlungswendungen. Seine Themen - Sklaverei, Rassismus und die mörderische Idee der white supremacy - hallen auch in "Zombi Child" nach, einem höchst konzeptuellen Horrorfilm aus Frankreich, der mit hintergründigem Witz Voodoo-Rituale und das Erbe des Kolonialismus auf pubertäre Zeremonien in einer Mädchenschule prallen lässt.

In "Bacurau" werden Western, Kriegsfilm, Ethno-Horror und Science-Fiction- Assoziationen zu einer irritierenden Splatter-Comedy verquirlt, in "Zombi Child" wird ein Untotendrama mit politischer Theorie und einer Coming-of-age-Satire verklammert. Die intellektuelle Fraktion im globalisierten Autorenfilm setzt auf wilde Gattungsmischverhältnisse. In beiden Fällen hat der Flirt mit der Frivolität des Horrorfilms aber seine Berechtigung: Während die exploitation im Kino produktive Erschütterungen erzeugen kann, ist die reale Ausbeutung mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen - zum Beispiel jenen der Kunst.

Die Regiekräfte hinter "Bacurau" und "Zombi Child" sind für dissidentes soziopolitisches Kino bekannt: Der Brasilianer Kleber Mendonça Filho, 51, hat sich schon in seinen ersten beiden Filmen -in "Neighboring Sounds" (2012) und "Aquarius" (2016) - mit dem Widerstandsgeist wehrhafter Gemeinschaften befasst; er gilt als erbitterter Kämpfer gegen den Rechtsruck in seiner Heimat. Der französische Autor und Regisseur Bertrand Bonello, ebenfalls 51, spielt grundsätzlich auf Risiko, wie er zuletzt mit "Nocturama" (2016), einer Studie der jugendlichen Sehnsucht nach terroristischem Aktionismus, bewies. Bonello wagt sich an besetzte Themen, setzt sich kühl mit Phänomenen auseinander, die andere gern verlachen; er arbeitet schnell, aber fundiert: "Zombi Child" ist sein achter Film in kaum mehr als 20 Jahren: eine Schauergeschichte, die zwischen Haiti und Frankreich, zwischen 1962 und 2019 spielt.

Bonello geht von dem dokumentierten Fall des Haitianers Clairvius Narcisse aus, der in den 1980er-Jahren angab, mittels Voodoo-Praktiken vergiftet, begraben, als Untoter (in lokalem Kreolisch: als "Zombi") wieder ausgegraben und in den Zuckerrohrplantagen versklavt worden zu sein. Den historischen Bildern setzt Bonello das Gegenwartsleben einer Gruppe privilegierter weißer Schülerinnen in einem Elite-Internat bei Paris entgegen. In holzgetäfelten Hallen hängen sie ihren Teenager-Träumen nach, gründen "literarische" Geheimzirkel, um heimlich Alkohol zu konsumieren und sich an der gruseligen Atmosphäre weiden zu können. Bis eine junge schwarze Mitschülerin zur Obsession der Mädchen wird: Sie verschaffen ihr Zutritt in ihre Clique - und lassen so alte Traumata aufbrechen. An zwei Stellen zitiert Bonello den heute 93-jährigen haitianischen Dichter René Depestre, der den Ursprung des Zombie-Mythos in der Geschichte der Sklaverei sieht. Die Kolonialmächte und Ausbeuter reduzierten wehrlose Menschen auf ihre Arbeitskraft, "stahlen ihnen Geist und Vernunft", wie Depestre schreibt. Bonello teilt diese Idee und verwandelt sie in eine Zombie-Fabel, die nicht auf Esoterik zielt, sondern auf handfeste politische Agitation: "Zombi Child" ist ein Aufruf zu antirassistischem Denken und humanistischer Revolte.

Auch in dem fiktiven Dorf, das Bacurau heißt, zeichnet sich eine Geschichte der Unterdrückung ab: Es ist einem quilombo nachempfunden, einer einst von geflohenen Sklaven errichteten Siedlung, einem historischen Ort des Widerstands. Mendonça Filho und sein Co-Regisseur Juliano Dornelles zeichnen die Dorfgemeinschaft in malerisch-psychedelischer Breitwandfotografie (Kamera: Pedro Sotero) betont divers: gemischt aus Schwarzen und Weißen, Indigenen und Transsexuellen. Die Folklore, die in der ersten Stunde dieses Films ausgebreitet wird, ist politisch gefärbt: Das tänzerische Kampfspiel Capoeira etwa, das in "Bacurau" nebenbei praktiziert wird, wurde einst von verschleppten afrikanischen Sklaven in Brasilien erfunden - als Geste der Rebellion.

Es dauert ein wenig, ehe in "Bacurau" plötzlich Furchterregendes geschieht. Das Dorf wird von allen digitalen Landkarten gelöscht, das Mobilnetz fällt aus. Aus dem magischen Realismus des Prologs, in dem Italo-Western-Elemente dominieren, schält sich ein Rätsel: Unbekannte Fremde attackieren die Dorfbewohner (unter ihnen die brasilianische Filmdiva Sônia Braga), deren Gegenwehr fulminant ausfällt. Die rassistischen US-Aggressoren betrachten die Leute in Bacurau als Freiwild, veranstalten eine Safari für geistesgestörte Herrenmenschen. "Bacurau" ist eine zornige Bestandsaufnahme der sozialen Spaltung und des Kapitalismus als Post-Kolonialterror, eine unverhohlene Parabel über Jair Bolsonaros Brasilien, ein formal überreicher, angriffiger Film: exquisiter Trash oder primitive Kunst, je nach Sichtweise. Der Auftritt des Schauspielers Udo Kier passt perfekt hierher. Über eine Million Brasilianer haben diesen Film, der 2019 den Jury-Preis in Cannes erhalten hat, gesehen.

"Die politische Situation in Brasilien ist vergiftet von Ignoranz, Chauvinismus und Vorurteil", sagte der Regisseur schon 2016 in einem profil-Interview. Es herrsche eine Kultur der Korruption und des Rassismus. Schon deshalb müsse "ein Film, der sich ernsthaft mit brasilianischer Wirklichkeit befasst, politisch sein".