© Wolfgang Paterno

Interview
12/16/2020

Kurator Jasper Sharp: "Der Schock im System ist erheblich"

Der britische Kurator Jasper Sharp, der zehn Jahre lang am Wiener KHM das Gegenwartskunstprogramm verantwortet hat, über den maroden Museumsbetrieb, fetischisierte Besucherzahlen und die Kunstinstitutionen der Zukunft.

von Stefan Grissemann

Vergangene Woche öffneten die Museen, im Gegensatz zu anderen Kulturinstitutionen, ihre Tore wieder. Der Besuch hielt sich in absehbaren Grenzen: Zwar verzeichneten etwa in Wien das Kunsthistorische Museum (KHM) und das Weltmuseum am ersten Tag zusammen 3300 Gäste, aber schon das Leopold Museum besuchten nur 250 Menschen-nicht einmal ein Viertel der üblichen Zahlen. Das Obere Belvedere stellte gar ein Kunden-Minus von 90 Prozent fest. Die Situation wird sich in den kommenden Wochen kaum bessern: Denn einerseits fehlen die Touristen, und teure, aber populäre Blockbuster-Ausstellungen werden immer schwieriger zu organisieren sein, andererseits ist auch ein großer Teil der heimischen Kunstklientel weggebrochen. Der Kurator Jasper Sharp sagt, Museen werden inzwischen zu oft als "nice to have" und nicht mehr als "must have" gesehen; er spricht im profil-Interview von einer fundamentalen Existenzkrise, einer radikalen Disruption der Museumslandschaft.

profil: Die internationale Kunstszene ist schwer angeschlagen. Die Besucherzahlen und Einkünfte der Museen sind seit Frühling 2020 dramatisch gesunken. Sogar Kunst-Tanker wie die Londoner Tate Gallery müssen schwerwiegende Kürzungen vornehmen, Personal abbauen. Sollten wir uns mit der Idee anfreunden, dass Museen und Kunsthallen nie wieder so sein werden wie noch Anfang dieses Jahres?
Sharp: Ein schwierigeres Szenario als jenes, vor dem Kunstinstitutionen nun stehen, ist kaum vorstellbar. Die Kosten der langwierigen Shutdowns-die Personalverluste und abgesagten Ausstellungen, die verschobenen Projekte und steigenden Schulden-sind unermesslich. Fast alle Museen sind betroffen, aber wie sie damit umgehen, hängt stark davon ab, wie sie gefördert werden. Die Situation in Europa, wo großzügige Subventionen eine gewisse Stabilität gewährleisten, ist viel besser als in den USA, wo die Museen von einer schmalen Elite extrem reicher Mäzene abhängen und es kaum staatliche Maßnahmen zur Arbeitsplatzerhaltung gibt. Und die Situation in Österreich ist besser als fast überall sonst in Europa. Der Pariser Louvre verliert jede Woche zehn Millionen Euro, und eine weltberühmte Institution wie die Londoner Royal Academy muss 40 Prozent ihres Personals kündigen. Österreichs Museen sind noch nicht in ihrer Existenz bedroht.


profil: Das klingt fast euphemistisch: Die jüngsten Zahlen sind durchaus alarmierend: Alle Museen in diesem Land sind nun massiv von staatlichen Zuwendungen abhängig, nachdem sie, wie es scheint, nicht nur die einstigen Touristenströme verloren haben. Sogar im vergangenen August, als ein neuer Lockdown noch kein Thema war, verzeichnete etwa das Belvedere lediglich ein Fünftel der Besucherzahlen vom August 2019. Im KHM war es weniger als ein Drittel. Ist die einstige ökonomische Stabilität jener Institutionen nicht bereits Geschichte?

Sharp: Es wird Jahre brauchen, bis diese Häuser sich erholt haben werden. Aber deren Probleme gehen nicht allein auf die Pandemie zurück, sie reichen tiefer; denn zu den ungeahnten Einschränkungen eines physischen Ausstellungsbetriebs kommen andere Krisen, mit denen Museen weltweit zu kämpfen haben. Diese Krisen könnten sogar noch destabilisierender sein als die Ausbreitung von Covid-19-und schwieriger zu bekämpfen. Die "Black Lives Matter"-Demonstrationen haben die Institutionen gezwungen, sich mit den tiefverwurzelten ökonomischen und rassistischen Ungleichheiten auseinanderzusetzen-und mit der Art und Weise, wie sich diese in ihren Sammlungen, Ausstellungen, in Personalbesetzung und Organisationskultur widerspiegeln. Die Forderung, die Institutionen vom Erbe des Kolonialismus zu befreien, hat die historische Debatte über die Repatriierung von Objekten in westlichen Museumssammlungen wiedereröffnet. Und auch der dringende Ruf nach größerer Transparenz in Unternehmensführung und Fundraising ist alles andere als leicht umzusetzen, wenn man dabei Aufsichtsratsmitglieder und Sponsoren durchleuchten muss. Es ist also legitim, zu behaupten, dass Museen derzeit eine existenzielle Krise durchlaufen: Es ist eine Identitäts-,Relevanz-und Finanzkrise. Aber dahinter verbergen sich gewaltige Möglichkeiten.


profil: Ist die Tatsache, dass Menschen offenbar problemlos monatelang ohne Museen leben können, nicht ein entmutigendes Signal?

Sharp: Der Wohlstand und die Globalisierung, von denen die europäischen Museen seit mehr als einem halben Jahrhundert profitieren, haben ein Gefühl der Selbstzufriedenheit erzeugt, und das betrifft nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch Relevanz und Glaubwürdigkeit. Die vergangenen neun Monate waren ernüchternd für alle, die in diesem Feld arbeiten. Bei den wiederholten Schließungen während der Pandemie ging es nicht nur um unser Sicherheitsniveau, sondern auch um unsere scheinbare Unverzichtbarkeit. Es hat sich gezeigt, dass Museen gesellschaftlich entbehrlicher sind, als man dies dort angenommen hatte, und dass die Regierungen und viele unserer Mitmenschen sie auf andere Weise wahrnehmen, als man dachte.


profil: Kunstprofis überschätzen die Bedeutung ihres eigenen Terrains?

Sharp: Als Orte kollektiver Erfahrung können Museen dabei helfen, uns miteinander zu verbinden. Dazu aber müssen wir die Beziehung zu unserem Publikum vollständig neu denken lernen. Man hat in Museen viel zu oft das Gefühl einer gewissen Gleichgültigkeit, was die Welt außerhalb ihrer Wände betrifft. Wir müssen aus den Sicherheitszonen dieser intellektuellen Enklaven raus und engere Beziehungen zu jenen knüpfen, die uns besuchen. Das geht nur durch Engagement, Partizipation und kreatives Geschichtenerzählen. Museen verwalten nicht bloß Kunstobjekte , sie sind auch Servicestellen für die Allgemeinheit. Es ist eine Frage der Haltung, wenn man sich Vertrauen verdienen will. Museen müssen ihrer Klientel sinnvolle und lebenswichtige Erfahrungen vermitteln. Wir sollten weniger über Besucherzahlen nachdenken als über Besuchererfahrung. Was wissen wir von denen, die zu uns kommen? Wir müssen ihnen zuhören lernen. Ich glaube, dass Institutionen, die sich solche Fragen stellen, am ehesten wieder aufblühen werden.

profil: Selbstzufriedenheit und Traditionalismus in der Ausstellungsarbeit werden zu langfristigem Publikumsverlust führen? Wollen die meisten kunstinteressierten Menschen nicht einfach nur starke Positionen und sinnlich inszenierte Schauen serviert kriegen? Ohne gleich an den Debatten teilnehmen zu müssen, was Museen tun oder bleiben lassen sollten?

Sharp: Ich befürchte nicht den Verlust unseres Publikums. Ich sehe eher die Chance, es zu vergrößern, bestimmte Gruppen unserer Gemeinschaft zu erreichen, die bislang kaum eine Beziehung zu den Kulturinstitutionen dieses Landes hatten. Die Sammlungen unserer Museen gehören letztlich dem österreichischen Volk, jedem Individuum, das hier Steuern zahlt, ungeachtet seines Alters, seiner Religion, seiner Haut-oder Reisepassfarbe. Unsere Herausforderung besteht darin, jedem dieser Menschen das Gefühl zu geben, dass die Museen tatsächlich ihnen gehören. Neil MacGregor, der langjährige Direktor des British Museum, hat es so formuliert: Wir müssen einen Weg finden, unsere öffentlichen Kollektionen in die Privatsammlung jedes Bürgers zu verwandeln.


profil: Sie haben die Forderungen nach erhöhter Diversität und Entkolonialisierung der Museen zu den Krisen gezählt, die Kunstinstitutionen gegenwärtig auch destabilisieren. Ein politisches Umdenken in den Museen wird das Leiden erst noch vergrößern-und ihnen dann eine bessere Zukunft sichern?

Sharp: Eine genaue und ehrliche Untersuchung der eigenen Arbeitspraxis und Organisationsstrukturen wird fast unausweichlich von erhöhtem Unbehagen begleitet werden. Aber Transformation geschieht eben in Zeiten der Disruption. Die meisten Museen verhalten sich traditionell den großen politischen Fragen gegenüber relativ neutral. Das wird schwieriger werden angesichts der Erwartung, dass sie auch zu Themen wie Bildung, soziale Benachteiligung, Umwelt und Geschlechtergerechtigkeit Stellung beziehen. Ich erinnere mich, dass ich am Morgen nach dem Brexit-Votum BBC-Radio gehört habe. Martin Roth, der damalige Direktor des Victoria& Albert Museums in London, sprach da von seinem tiefen Bedauern, dass das Museum seine öffentliche Plattform in den Monaten vor der Abstimmung nicht genutzt hatte, um entschiedener gegen den Brexit zu argumentieren. Ich stimme ihm voll und ganz zu. Museen können und sollten eine Führungsrolle in der Gestaltung der Welt übernehmen.

profil: Die Krise, in der die Museen nun stecken, beruht auf der Tatsache, dass sich ihre Führungspersönlichkeiten zu sehr gegen eine Politisierung wehren?

Sharp: Ich will nicht einzelne Personen zur Verantwortung ziehen. Wir begegnen diesen Problemen als Kollektiv. Die Pandemie hat im Kunstfeld beispiellose Solidarität ausgelöst, unter Kunstschaffenden ebenso wie unter sonst rivalisierenden kommerziellen Galerien. Wir brauchen diesen neuen Geist der Zusammenarbeit auch in unseren Museen.


profil: Aber ist das realistisch? In Österreich herrschen Konkurrenzdenken und Neid; einige der wichtigsten Akteure in der Kunstwelt sind nicht bereit, sich auf ausgewogene Programme zu verständigen.

Sharp: Die Museen müssen zusammenarbeiten, um Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Es sind auch alternative Methoden nötig, an denen wir unsere "Erfolge" messen können. Die unaufhaltsame Expansion des Museumssektors-vom Bau neuer Gebäude bis zum Fetischismus erhöhter Besucherzahlen-scheint auf absehbare Zeit vorbei zu sein. Relevanz, Engagement und die Beziehung zu unseren Besuchern sind die neuen Maßstäbe, nach denen wir beurteilt werden.

profil: Ich teile Ihre Utopie, aber Sie weichen meiner Frage aus: Glauben Sie daran, dass es in Österreich eine Solidarität jener Art bald geben kann?

Sharp: Wir werden abwarten müssen und sehen, was passiert. Aber ich glaube, es gibt keine Alternative.

profil: Die Menschen gewöhnen sich gerade daran, Streaming-Optionen zu nutzen, statt die Museen zu besuchen. Werden die Leute es demnächst schon ganz normal finden, Kultur online zu konsumieren?

Sharp: Die Gewohnheiten ändern sich, keine Frage, besonders jene der jüngeren Generationen, die in einer Medienumgebung aufgewachsen sind, in der alle verfügbaren Darstellungsoptionen als vergleichbare Zutaten in einer größeren kulturellen Suppe betrachtet werden. In den letzten Monaten mussten sich die Museen praktisch über Nacht in Produzenten und Zwischenhändler von Online-Inhalten verwandeln-oft ohne Vorbereitung oder klar definierte Strategie. Die Lektionen wurden jedoch schnell gelernt. Wer versuchte, die reale Ausstellungswelt digital eins zu eins nachzubilden, war am wenigsten erfolgreich. Das Museumspublikum wünscht Erlebnisse, die für die virtuelle Welt inszeniert sind, die Online-Aufmerksamkeitsspannen berücksichtigen und Interaktionsmöglichkeiten bieten und Online-Möglichkeiten wie Unmittelbarkeit und Intimität nutzen.

profil: Die Museen werden sich also demnächst ganz grundlegend verändern?

Sharp: Auch wenn die Museen ihren physischen Betrieb wieder aufnehmen: Ihre digitalen, tragbaren Äquivalente werden bleiben. Die Kanäle, die zur Nachrichtenübermittlung verwendet werden, sind so wichtig wie die Nachricht selbst, und Museen müssen gleichzeitig über mehrere Kanäle kommunizieren, dabei professionelle und relevante Inhalte herstellen, um sich insbesondere bei jüngeren Generationen Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Der Elefant im Raum ist jedoch der Preis dafür. Wie lange können Museen noch Hunderte Stunden digitaler Inhalte produzieren, ohne daraus Einnahmen zu lukrieren? Einige haben es versucht-die National Gallery in London testet derzeit eine kuratierte Pay-per-View-Tour durch ihre Artemisia-Gentileschi-Ausstellung-,aber das Publikum zieht nicht mit. Am Ende kann nicht einmal die raffinierteste oder intimste digitale Erfahrung mit dem Erlebnis mithalten, einen physischen Raum mit einem herausragenden Objekt zu teilen. Als ich kurz nach dem langen Lockdown im Frühjahr die KHM-Galerie mit Rembrandts Selbstporträts besucht habe, war dies eine der bewegendsten Erfahrungen, die ich je in einem Museum gemacht habe. In einem Raum, den ich unzählige Male besucht hatte, machten mir Gemälde, von denen ich jeden Zentimeter zu kennen geglaubt hatte, ein Geschenk, das die digitale Welt mir niemals geben kann.

profil: Wie wirkt sich die Krise auf andere Bereiche der Kunstszene aus? Auf die kuratorische Arbeit etwa oder den Kunstmarkt? Sind diese Felder so stark betroffen wie die Museen selbst?

Sharp: Ich kenne keinen einzigen Bereich in der Kunstwelt, kommerziell oder gemeinnützig, der nicht dramatisch betroffen wäre. Kunstschaffende, Galerien, Museen, Off-Spaces, Auktionshäuser, Spediteure, Packer und Rahmer: Jeder hat seinen Lebensunterhalt bedroht gesehen, und viele waren auf Notzuschüsse der Regierung angewiesen. Der Schock im System war erheblich. Plötzlich sind alle verwundbar. Eine der wirklichen Tragödien der Pandemie ist das Schicksal der Museumspädagogik. Das New Yorker MoMA, eine der bestausgestatteten Institutionen der Welt, kündigte Ende März die Verträge aller freiberuflicher KunstpädagogInnen am Haus. In dem E-Mail der Museumsleitung heißt es: "Es wird Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis wir wieder auf eine Budgetebene zurückkehren, die es uns erlaubt, Pädagogikdienste in Anspruch zu nehmen." Andere Museen machten es ebenso, man beurlaubte oder entließ die Pädagogen. Diese Entscheidung sorgte verständlicherweise für Aufruhr. Denn die Leute, die kunstpädagogisch tätig sind, sollten die Allerletzten sein, die Museen in einer Zeit wie dieser entlassen wollen. Sie sind die Geschichtenerzähler unter uns, die am besten in der Lage sind, Kunstobjekte mit Menschen und deren Leben zu verbinden. Es hat nie einen wichtigeren Zeitpunkt gegeben, um die Rolle der Bildung in Museen zu stärken und neu zu definieren.

profil: Sind die hiesigen Kunstinstitutionen gut gerüstet, um den langfristigen Folgen der Krise zu begegnen?

Sharp: Wir sind in einer vergleichsweise glücklichen Lage. Es gibt ein breites Feld an Museen und Kunsträumen, von denen einige Weltklasse sind, in prächtigen Gebäuden residieren und einige der bemerkenswertesten Sammlungen der Welt besitzen. Die staatliche Finanzierung ist sowohl großzügig als auch sicher. Die Zeit der großen Leihausstellungen ist derzeit vorbei, aber wir verfügen über die Mittel und die talentierten Kuratoren, um in den kommenden Jahren aus unseren eigenen Beständen außergewöhnliche Ausstellungen zu gestalten. Es gibt zudem bedeutende Kunstschaffende, gute Kunstschulen und viele kommerzielle, auch junge Galerien. Und wir haben weniger Krisenhaftes zu bewältigen, da Probleme wie Rassismus, Diversität und Transparenz, die nun Institutionen auf der ganzen Welt beschäftigen, in der hiesigen Kunstszene bislang kaum registriert wurden.


profil: Müsste man diese Disruption nicht geradezu einfordern, schon um uns aus der sozialen und moralischen Ignoranz zu holen?

Sharp: Absolut. Museen sollten die Führung bei der Lösung solcher Probleme übernehmen, anstatt zu warten, bis dies öffentlich eingefordert wird. Disruptionen können äußerst produktiv sein. Wenn eine Institution in Existenznot gerät-intellektuell, finanziell oder operativ-,muss sie sich eine einfache, aber wichtige Frage unaufhörlich stellen: Wofür und für wen sind wir eigentlich da? Wenn ich mir zu Weihnachten etwas wünschen dürfte, wäre es dies: mehr Respekt und Empathie für unser lokales Publikum; es gilt, die äußersten Ecken unserer Gemeinde zu erreichen und sie nicht als Konsumenten, sondern als Menschen zu betrachten, denen wir dienen; wir müssen einfallsreichere, hybride Finanzierungsmodelle prüfen, die auf dem starken Fundament von Einzelund Unternehmensspendern basieren; wir müssen mehr Risiken eingehen, experimentieren und neue Dinge ausprobieren, genau wie die Künstlerinnen und Künstler, deren Werke wir stolz ausstellen. Und wir müssen viel enger zusammenarbeiten, Ideen, Fachwissen und Objekte austauschen, kollektive Strategien entwickeln und gemeinsam beweisen, dass Museen-genau wie Theater, Opernhäuser, Bibliotheken oder Konzertsäle-von entscheidender Bedeutung sind für das öffentliche Leben in ihrer Fähigkeit, Bewusstsein, Toleranz und sozialen Zusammenhalt zu fördern.

profil: Sie haben beschlossen, sich nach 20-jähriger Tätigkeit eine Auszeit von der Museumsarbeit zu nehmen. Welche Abschiedsgedanken hegen Sie?

Sharp: Ich habe in den letzten Monaten viel über die Frage der Relevanz von Museen nachgedacht. Ein Begriff, auf den ich immer wieder zurückkomme, ist Empathie. In einer Zeit, in der viele Menschen allein sind, Angst haben oder leiden und wir zugleich davon abgehalten werden, einander zu berühren, eröffnet sich für unsere öffentlichen Einrichtungen eine große Chance. Im Frühling, während des ersten Lockdowns, erhielt ich einen Newsletter vom Metropolitan Museum of Art in New York, in dem Kuratoren aus verschiedenen Abteilungen jeweils ein Objekt aus ihrer Sammlung beschrieben, das sie in dunklen Momenten aufsuchen, um Trost und Ermutigung zu finden. Ich fühlte mich von dieser Nachricht und ihrer Offenheit selbst getröstet und ermutigt. Die Museen in London haben sich zusammengetan, um Wege zu finden, wie Menschen aus ärmeren Vorstadtbezirken sicher in die Innenstadt gebracht werden können. Andere experimentieren mit speziellen Öffnungszeiten für über 65-Jährige, die zu unseren loyalsten Museumsbesuchern gehören, sich aber im Moment zu verletzlich fühlen, um in die Öffentlichkeit zu gehen. Die Sorge um unsere Mitmenschen sollte in postpandemischen Museen von zentraler Bedeutung sein. Denn Menschen, die sich um uns kümmern, sind unbestreitbar relevant.

 

Jasper Sharp, 45

Der Kunsthistoriker begann seine Karriere bei der Peggy Guggenheim Collection in Venedig, wo er ab 1999 sechs Jahre lang die Abteilung Ausstellungen und Sammlungen leitete. 2006 zog er nach Wien, 2011 wurde er Kurator für moderne und zeitgenössische Kunst am Wiener KHM. Er gestaltete vielbeachtete Ausstellungen zu den Werken von Lucian Freud, Joseph Cornell, Susan Philipsz, Kathleen Ryan und Mark Rothko. Er initiierte zudem eine Reihe von Sammlungsausstellungen, die von Kreativen wie dem US-Filmemacher Wes Anderson und seiner Frau Juman Malouf kuratiert wurden. Neben seiner Arbeit am KHM entwickelte Sharp Ausstellungen an der Londoner Royal Academy, in der Mailänder Fondazione Prada und am Museum of Fine Arts in Boston. Er war Kommissar des österreichischen Pavillons im Rahmen der Biennale von Venedig 2013, und er gründete die philanthropische Initiative Phileas, das sich für die Präsenz österreichischer Kunstschaffender in der internationalen Kunstszene einsetzt. Im April 2021 wird Sharp das KHM verlassen, um – wie er sagt – als freier Kurator zu arbeiten und sich auf Phileas zu konzentrieren.

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