Lucrecia Martel: Argentiniens scharfsinnigste Regisseurin

Lucrecia Martel

Lucrecia Martel

Lucrecia Martel ist Argentiniens scharfsinnigste Filmemacherin. In ihrem neuen Historienepos geht sie hart mit Kolonialismus und Rassismus ins Gericht.

Die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel, 51, raucht dicke Zigarren, aber das großspurige Bild, das sie dabei abgibt, entspricht ihr nicht. Sie nehme ungern Raum ein, sagt sie beispielsweise, mit leiser Stimme und ohne jeden Anflug von Selbstmitleid. Vom Zwang zu Produktivität hält sie nichts; ihr Werk, für das sie weltweit gefeiert wird, beläuft sich auf exakt vier Spielfilme. Zwischen ihrem vorigen und dem aktuellen verstrichen mehr als neun Jahre. Mit ihren eigenwilligen Sozialstudien "La ciénaga / Der Morast" (2001),"La niña santa / Das heilige Mädchen" (2004) und "La mujer sin cabeza /The Headless Woman" (2008) machte sie in Arthouse-und Festivalkreisen Furore. Dann tauchte sie ab, schrieb, reiste, schmiedete Pläne und drehte Kurzfilme, die kaum jemand zu Gesicht bekam.

Im September 2017 war sie endlich wieder da: mit einem aufwendigen Film, der ihren bisherigen Werken, oberflächlich betrachtet, ganz unähnlich erschien. Tatsächlich ist "Zama" (Österreich-Start: 6. Juli) in vielerlei Hinsicht ein Novum in Martels Schaffen: ihr erster Kostüm- und Historienfilm, ihre erste Romanadaption, ihre erste Erzählung, die um einen männlichen Protagonisten kreist - und ihr erstes Kinoprojekt, das nicht in Salta spielt, in jener Region, in der sie geboren wurde. Zugleich führt "Zama" Martels eigenwilligen Stil folgerichtig fort: als beißende Kritik an der herrschenden Klasse, als eindringliches, immersives Seh-und Klangerlebnis. Die Kamera des Portugiesen Rui Poças liefert fiebrige Bilder, in denen Wirklichkeit und Imagination, Außenund Innenwelt ununterscheidbar werden.

Die internationale Filmkritik weiß Martels Arbeit sehr zu schätzen. Die "New York Times", der "Guardian", das "Wall Street Journal" und das Branchenblatt "Variety" vergaben, wie die meisten anderen Rezensenten, rund um den US-Start von "Zama" im vergangenen April Höchstwertungen. Martels Filme analysieren politische Strukturen, Klassenverhältnisse, ideologische Bruchlinien. Insofern bot ihr der 1956 erstmals erschienene, von Roberto Bolaño und J. M. Coetzee bewunderte Roman "Und Zama wartet" des Argentiniers Antonio di Benedetto (1922-1986) eine perfekte Grundlage: Der existenzialistische Abriss der vergeblichen Fluchtbemühungen des Kolonialfunktionärs Don Diego de Zama, der in der letzten Dekade des 18. Jahrhunderts im Dienst der spanischen Krone im Hinterland Paraguays festsitzt, berichtet von Isolation, Depression und Bürokratie, von Diskriminierung und alltäglichem Rassismus. Zama kommt auf keiner Ebene zum Zug: bei seinen Vorgesetzten so wenig wie bei bei den Frauen, für die er sich interessiert.

"Historisch, jedoch höchst gegenwärtig"

"Man behauptet ja gern, der Roman handle vom Warten", sagt Martel im profil-Gespräch, das nach der Uraufführung von "Zama" bei den Filmfestspielen in Venedig stattfand. "Ich finde eher, dass es ein Buch über die Falle der Identität ist, über die Frustration, die aus der Strenge entsteht, mit der wir uns selbst beurteilen." Während man noch darüber grübelt, was genau sie damit sagen will, ist sie bereits beim nächsten Gedanken: "Die Opfer des Kolonialsystems sind auch im heutigen Lateinamerika überall sichtbar und präsent. Das Problem der Enteignung in den indigenen Gebieten Argentiniens fordert immer noch Todesopfer. Viele Aspekte meines Films wirken historisch, sind jedoch höchst gegenwärtig."

Martel begreift sich als regionale Filmemacherin, als Künstlerin aus dem ländlichen Nordwesten. Von Buenos Aires hält sie sich fern. Manchen Produzenten ist sie auch deshalb suspekt. Ihr lange gehegtes Science-Fiction-Projekt, eine sehr freie Bearbeitung der berühmten Graphic Novel "El eternauta", die in den späten 1950er-Jahren von einer Alien-Invasion in Buenos Aires fantasierte, löste sich 2009, nach 18 Monaten intensiver Drehbucharbeit und heftigen Konflikten mit den Rechteinhabern, in Luft auf. "Danach tat ich dasselbe wie die Helden von , El eternauta', die am Ende in einer Raumkapsel entkommen. Ich kaufte mir ein kleines Boot, setzte mich Richtung Brasilien ab. Auf jener Reise las ich ,Zama' zum ersten Mal." Martels "Eternauta"-Skript wird wohl nie umgesetzt werden. "Aber das Entscheidende für mich ist, dass mich die Arbeit daran zu ,Zama' geführt hat -zu einer Reflexion der Zeit, der Vergangenheit und der Zukunft."

Es muss ein logistischer Alptraum gewesen sein, "Zama" zu realisieren: 27 Produzenten listet der Abspann auf, darunter die Almodóvar-Brüder sowie die Schauspieler Danny Glover und Gael Garcia Bernal; 16 Produktionsunternehmen aus elf Ländern waren beteiligt. Im August 2011 hatte Martel zu schreiben begonnen, zwischen 2013 und 2016 bemühte sie sich um die Finanzierung. Ohne europäische Koproduktionspartner könnten ihre Filme nicht entstehen, mit Produzenten in Frankreich und Spanien arbeitet sie seit ihrem Debüt. Auf die Intelligenz ihres Publikums vertraut Lucrecia Martel rückhaltlos. "Dass die Kräfte des Marktes die Leute für dumm verkaufen, heißt nicht, dass sie tatsächlich blöd sind. Jeder Film braucht Zeit: Zeit, ihn zu drehen - und Zeit, ihn zu verstehen. Ich arbeite und bewege mich sehr langsam, das Maß an Ungeduld, das um mich ist, empört und überrascht mich."

Anachronistische Klänge

Die halluzinatorische Qualität ihrer Arbeit ergibt sich in hohem Maß aus dem Akustischen. Mit dem Sound-Designer Guido Berenblum und dem Tonmischer Emmanuel Croset kooperiert Martel seit "La ciénaga". In "Zama" finden sich anachronistische elektronische Klänge, alte Schlager, surreale Geräuschteppiche. "Erst der Ton macht einen Film gleichsam dreidimensional. Es ist unmöglich zu rekonstruieren, wie das 18. Jahrhundert geklungen hat. Mir geht es eher darum, eine vieldeutige neue Wirklichkeit zu erschaffen. Realismus an sich interessiert mich nicht." Die Recherche allein führte sie daher nicht weit genug: Alles, was man über das Südamerika der 1790er-Jahre nachlesen könne, "sind die Visionen weißer Männer, die an einem Ort waren, an den sie nicht gehörten. Also verwendete ich eine Menge heutiger Dinge, die in der Region vorkommen, in der ich drehte."

Absurder Humor und spröde running gags ziehen sich auch durch "Zama". Erst gegen Ende des Films beschließt der Held, aus der Ödnis seiner Existenz auszubrechen, aktiv zu werden. Er versucht, im Dschungel einen legendären Schurken zur Strecke zu bringen, von dem lange unklar ist, ob er nicht nur das Hirngespinst einer Kolonialgesellschaft ist, die das Böse stets nur in den anderen, den Unterdrückten und Entrechteten ortet.

Zama, dargestellt von dem mexikanischen Schauspieler Daniel Giménez Cacho, ist eine zwiespältige Figur: undurchschaubar, alles andere als ein Sympathieträger, ein Leidender, der vor Gewalt nicht zurückschreckt. Zama ist Opfer und Täter zugleich. Anders als in der Romanvorlage hat er im Film ein uneheliches Kind mit einer indigenen Frau -und er will nicht nach Buenos Aires, sondern nach Rosario de Lerma -in der argentinischen Provinz Salta, im Rückzugsgebiet der Filmemacherin. Martel nimmt ihre Stoffe eben persönlich. Sie mag schwache, fehlerhafte Charaktere, sie erscheinen ihr menschlicher. "Der Wunsch, sich mit dem Guten zu identifizieren, gehört zur Moral des Bürgertums. Die Identifikation mit dem Bösen ist ein Nährboden für die Reflexion. Die Selbstgefälligkeit der Mittelklasse in Argentinien ist wirklich grauenhaft."

Am 12. Juli wird Lucrecia Martel, moderiert von Kathrin Resetarits, eine dreistündige Masterclass in Wien abhalten: Stadtkino im Künstlerhaus, 16 Uhr.