Die Memoiren des Burgtheater-Stars Elisabeth Orth

Die Memoiren des Burgtheater-Stars Elisabeth Orth

Direkt, unsentimental und wahrheitsakribisch: Die Memoiren der Elisabeth Orth lesen sich so, wie sie auch Theater spielt. Ein Gespräch über ihre Befreiung aus dem Hörbiger-Clan, den Film „Heimkehr“ und den Spaltpilz Angst.

Elisabeth Orth trägt einen Trainingsanzug und ist ungeschminkt. Ihre Allürenfreiheit ist keine Allüre, wie sie von manchen Schauspielern gerne bewusst zum Einsatz gebracht wird. Sie kommt direkt von einer Rundfunkaufnahme, in der sie die Geschichte einer Auschwitz-Insassin las, ins Café. Diese Frau musste – um zu überleben – vor der Lagerleitung „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ singen und dazu das Akkordeon spielen. Sie hatte dieses Instrument nie gelernt. Sie lebt noch immer.

Als ich auf die Welt kam, erhielt meine Mutter ein Telegramm von Adolf Hitler: „Glückwunsch zum Stammhalter!“ Der Führer des Deutschen Reiches hat es sich offenbar nicht vorstellen können, dass diesem Traumpaar nur ein Mädchen entspringt.


Die Eltern litten tatsächlich Existenzängste.

Elisabeth Orth, Mutter des aktuellen Jedermann Cornelius Obonya, entstammt, wie allseits bekannt, dem Hörbiger-Clan, dem Nervenzentrum österreichischer Darstellungskunst. Ihre Eltern waren nicht einfach Schauspieler, sondern die Schauspieler, die erste Adresse an der ersten Adresse, dem Burgtheater: Paula Wessely und Attila Hörbiger. Vor und während des Dritten Reiches waren sie aber vor allem Filmstars, Joseph Goebbels führte beide auf seiner „Gottbegnadeten-Liste“; „gottbegnadet“ bedeutete gleichzeitig auch unabkömmlich für jeden Front- und Arbeitsdienst. Nach dem Krieg wurden beide wegen ihrer Kollaboration mit dem Regime mit einem Auftrittsverbot belegt: Das Verbot stürzte meine Mutter in eine schwere Nervenkrise. Die Eltern litten tatsächlich Existenzängste. Meine Mutter hat später öfter gesagt: „Der Vater war ja viel länger gesperrt, ich war es nur ein Dreivierteljahr.“ Über diese Aussage habe ich mich gewundert. Als ob das etwas zum Aufrechnen sei!

Elisabeth Orth ist Wahrheitsfanatikerin. Nicht nur bei der Modulation ihrer Figuren auf den Bühnen von München, Berlin und immer und vor allem von Wien, wo sie aktuell im Akademietheater in Ewald Palmetshofers „die unverheiratete“ als ehemalige Denunziantin eines Deserteurs brilliert, sondern auch im Leben. Von dieser zutiefst unösterreichischen Eigenschaft sind auch ihre Memoiren (aufgezeichnet vom Journalisten Norbert Mayer), die kommende Woche erscheinen, geprägt.

Anstand haben bedeutet auch Mühsal, Kampf, Konsequenz, Disziplin. Das schöne, fast archaische Gesicht der Elisabeth Orth, die Anfang 2016 80 Jahre alt wird, erzählt auch von diesen Kämpfen. Die erstgeborene Tochter von Paula Wessely und Attila Hörbiger hat die nahezu alleinige und wahrscheinlich undankbare Aufgabe, in ihrer Familie die Verdrängungsmechanismen außer Kraft zu setzen und gelebte und mitgelaufene Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren.


So lange ich mich erinnern kann, fiel immer wieder der schöne Satz, der für mich und meine zwei Schwestern zu einer stehenden Redewendung wurde: 'Wenn ihr so weiter machts, aus euch wird nie was.'

Ihre „unvergleichliche Stimme mit ihren vielfältigen Registern“, so ihr Burg-Kollege Roland Koch in einer Laudatio, erhob sie nicht nur als Maria Stuart, Medea oder Akardina in der „Möwe” sondern auch als Hainburg-Kämpferin, Anti-Waldheim-Aktivistin, Lichtermeer-Rednerin, Demonstrantin gegen Rassismus, islamistischen Terror und (in Nachfolge der verstorbenen Historikerin Erika Weinzierl) als Präsidentin der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich. Elisabeth Orth ist das personifizierte Engagement: „Nun ja, ich wurde unter Willy Brandt während meiner Zeit in München sozialisiert.“ Hippiebraut war sie keine: „Es wurde viel diskutiert, aber ansonsten musste ich Theater spielen.“ Auch von der Disziplin, die man in den „Beruf“ (den Begriff gebraucht der gesamte Hörbiger-Clan mit meist ehrfurchtsvollem Unterton) mitzunehmen hat, erzählt sie in ihrem Buch, das den spröden Titel „Aus euch wird nie was“ trägt: Meine Mutter hatte in jungen Jahren sehr um ihren Beruf gekämpft. Sie sorgte sich stets um unsere Zukunft. So lange ich mich erinnern kann, fiel immer wieder der schöne Satz, der für mich und meine zwei Schwestern zu einer stehenden Redewendung wurde: „Wenn ihr so weiter machts, aus euch wird nie was.“

„Raus, raus, raus wollte ich, raus aus dem Zuckertöchterldasein“, sagt sie, und man sieht ihr bis heute die Erleichterung an, dass es ihr gegen alle Widerstände der Eltern gelungen ist, sich aus dem Clan freizuschlagen: Sie entledigte sich der Last des Namens und nahm den ihrer Großmutter an, flüchtete in zwei kurze Ehen (mit einem Wiener Arzt und einem Ulmer Theaterbeau) und in die Provinz (trotz eines Burg-Angebots): Ich empfand es besonders am Anfang bedrückend, ja belastend, dass meine Eltern berühmte Schauspieler waren, ja es schien uns Kindern, dass sie sowohl meinen beiden Schwestern als auch mir den Anfang versaut haben. Wir konnten eben nicht als unbeschriebenes Blatt beginnen, waren stets die Tochter eins, die Tochter zwei – hoppla, da ist doch noch eine! War das schwer? Es war!

Die geliebte Lehrerin am Reinhardt Seminar, Susi Nicoletti, prägte zu dem Wesselyschen Präventiv-Pessimismus „Aus euch wird nie was“ dann den erlösenden Komplementärsatz: „Es ist ein Wunder, dass aus euch das geworden ist, was aus euch geworden ist“.

Mit Häme musste anfangs gerechnet werden. Auch Hans Weigel kritisierte, dass da nach der Christiane schon wieder eine Hörbiger-Tochter sich nicht Besseres weiß, als zum Theater zu gehen. Der legendäre Kritiker und Publizist sollte später ein enger Freund – und der in Würde gescheiterte Chronist der Paula-Wessely-Biografie – werden: Er (der Publizist und Kulturkritiker Hans Weigel) hatte eine Biografie meiner Mutter schreiben wollen. Das Projekt war schon konkret, aber sie ist ihm in letzter Sekunde abgesprungen, als es um den Film „Heimkehr“ ging. Als sie sich zur Absage entschieden hatte, rief sie mich an: „Lilabeti, hilf, du kennst doch den Weigel.“ Ich habe geholfen und ihm gesagt: „Hans, du wirst sie nicht mehr dazu bekommen.“ Er hat es mit Anstand genommen …


Ich habe mich immer geweigert, von den Eltern zu lernen.

Der wunde, jahrelang so sorgfältig verdrängte Punkt war der Film „Heimkehr“, Goebbels’ propagandistische Rechtfertigung für den Polen-Angriff im Jahr 1941, in Szene gesetzt von Gustav Ucicky, „einem Freund der Mutter“. In dem Streifen hält die Wessely, von den Polen als Deutsche in den Kerker verbannt, eine flammende Rede für eine „Heimkehr ins Reich“ und klopft dabei auch saftige antisemitische Parolen. Auch Orths Vater, Attila Hörbiger, wirkt in dem Film mit, doch seine Dialoge waren unverfänglicher gehalten. „Als ich den Film erstmals als Erwachsene bei einer Sondervorführung mit meiner Freundin Lisl Lingens gesehen habe, habe ich einen Schnaps gebraucht“, erinnert sich Orth. „Es war zum Schlechtwerden, weil sie auch noch so gut gespielt hat.“ Hat sie die Mutter je direkt in der Intimität des Privaten nach einer Rechtfertigung gefragt? Elisabeth Orth schüttelt den Kopf: „Ich habe das, ehrlich gesagt, auch nie mit vollem Elan betrieben. Ich wollte mir ihre Ausreden und ihre Entschuldigungen nicht anhören müssen. Dazu hat sie auch noch den Schutz genossen, den eine Tochter ihrer Mutter, selbst in einer solchen Situation, zuteil werden lässt.“

1975 hat sie ihr eigenes Buch über die Eltern geschrieben: „Märchen ihres Lebens“ – ohne dabei Waldheim’sche Lücken zu lassen: „Die Mutter hat das Buch lesen ‚lassen‘. Sie hat es nicht selbst in die Hand genommen, sondern es jemanden, dem sie vertraute, zum Lesen gegeben. Und als der sie entwarnte, dass es eh nicht so schlimm wie befürchtet ist, war sie beruhigt.“

Als Kind hörte sie sie im Nebenzimmer an der Melodie der Sätze feilen und variieren. Über Stunden. Nein, diesbezüglich war ihr die Mutter kein Vorbild: Meine Mutter war eine Perfektionistin, die ununterbrochen an sich arbeitete, bis es unangenehm wurde. Ich habe mich immer geweigert, von den Eltern zu lernen.

Aber wie die Mutter lebte, das war Vorbild – immer auf ihre Unabhängigkeit und ihr eigenes Geld bedacht. Als schon mit „Lilabeti“ das erste Kind unterwegs war, wollte die Wessely ihren Attila noch immer nicht heiraten, bis sie „unser jüdischer Anwalt, Marcel Friedmann, dazu vergattert hat“. Diese Haltung war prägend, für alle drei Schwestern.

Sie selbst hat geheiratet, insgesamt drei Mal: 1968 den Schauspieler Hanns Obonya, der „der Mann war, den ich wirklich geliebt habe und von dem ich auch ein Kind wollte. Cornelius war ein Wunschkind.“ Obonya und Orth sollten nur zehn Jahre miteinander vergönnt sein: Ihr Sohn wurde im Alter von neun Jahren zum Halbwaisen.

Von Nervenkrisen der Paula Wessely ist in dem Buch häufig die Rede, von Seelenkämpfen, der Begriff Depression wird kein einziges Mal benutzt, die Krankheit nicht ausformuliert. Warum nicht?


Die Angst ist ein Spaltpilz, der ganze Karrieren zerstören kann.

„Es war bei uns daheim auch ein Tabuthema. Gleich nach dem Krieg hatte sie ihre erste große Depression und wurde damals auch mit Elektroschocks vom Psychiater Hans Hoff behandelt. Das klingt zwar heute schrecklich, es wurde aber besser nach den Therapien. Für uns Kinder hieß es immer: Eure Mutter ist eine so große Künstlerin, sie hat es mit den Nerven. Der Vater schützte sie in solchen Zuständen, so gut er konnte. Einmal, da spielte ich schon in München, wurde ich nach Wien gerufen, weil sie auf der Psychiatrie lag. Mir erschien sie damals unverändert, so wie immer. Auf der Station befand sich auch ein saudischer Prinz, der allen Mitpatienten goldene Uhren, die mit Brillanten umkränzt waren, geschenkt hatte. Die Männer bekamen runde, die Damen eckige. Der Mutter hat man ihre irgendwo gestohlen.“

Kinder von depressiven Müttern bekommen diese Zustände manchmal vererbt. „Nein“, schüttelt sie den Kopf, „bei mir war das nicht so. Nur einmal, als ich in die Dritte-Reich-Vergangenheit meiner Eltern eingetaucht bin, beim Verfassen ihrer Biografie, da haben mich danach ähnliche Zustände erfasst. Das hatte ich mir lockerer vorgestellt.“

Doch Angstzustände kennt sie genau: „Ich habe im Burgtheater Garderoberinnen (Anm.: Jargon für die Kostümdamen) und Maskenbildnerinnen, die sind wie Mütter zu mir. Die wissen um meine bisweiligen Zustände Bescheid. Die Angst ist ein Spaltpilz, der ganze Karrieren zerstören kann. Aber eines habe ich von meiner Mutter, die auch Angst hatte, gelernt: keine Stimulanzen, kein Mut-Achterl vor der Premiere, keine Teller mit diversen Pillen, die angeblich das Lampenfieber bekämpfen.“ Ihre langjährige Beziehung zu Andrea Breth, der deutschen Meisterregisseurin, der Orth in den 1990er-Jahren auch für längere Zeit an die Berliner Schaubühne gefolgt war, spart sie im Buch aus. Warum?

„Wieso“, sagt sie, „steht doch ohnehin alles drinnen.“

„Das Künstlerische ja, das Private nicht.“

„Ja, das war – über 20 Jahre lang. Aber das geht doch bitte niemanden was an.“

„Würde es nicht anderen helfen, wenn Künstler wie Sie für die Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlich orientierten Menschen auf den Plan treten?“

„Wenn das gefordert wird, mache ich das jederzeit. Aber ist es jetzt nicht etwas besser? Seit Conchita Wurst hat sich doch einiges bewegt.“

Sie will raus aus dem Thema. Dass im Café lautstark Aufbauarbeiten für eine Veranstaltung beginnen, passt ihr jetzt gut.

Die kürzlich verliehene Ehrenmitgliedschaft des Burgtheaters freut sie sichtlich. Und wie ist es jetzt im Burgtheater unter Karin Bergmann? „Es riecht wieder besser. Und die Luft bewegt sich anders.“