Michael Niavarani: "Das Publikum mag ich, die Menschen nicht"

Michael Niavarani

Michael Niavarani

Michael Niavarani, 49, ist Österreichs erfolgreichster Entertainer. Sein höchstes Ziel: Ruhe. In der Hoffnung, mehr davon zu bekommen, wurde er auch Schriftsteller. Ein Gespräch über das Alter, Christian Kern, Sebastian Kurz und Psychotherapie.

Es herrscht Aufregung im Globe. Denn der "Otti" hat heute Geburtstag, den 87. Er sieht müde aus, besonders müde. Eine Rettungskraft misst seinen Blutdruck. Wie so ein Bühnen-Gen einen Menschen wieder hochschnalzen lassen kann, wird man in genau einer Stunde beobachten können. Dann zwingt die Aussicht auf den drohenden Auftritt alles Graue aus ihm heraus. Doch das ist keine Geschichte über das einzigartige Phänomen Otto Schenk, dem gerade ein stinkender Käse (seine Vorliebe) mit brennender Kerze statt einer Geburtstagstorte überreicht wird, sondern über seinen Sparringspartner auf der Bühne: Michael Niavarani. Zum 30. Mal spielen sie heute die großteils improvisierte Doppelconférence "Zu blöd, um alt zu sein".

Michael Niavarani im profil-Interview

Michael Niavarani ist Österreichs erfolgreichster Entertainer. Mit Shakespeare-Adaptionen füllt er sein eigenes Theater regelmäßig bis auf den letzten Platz, seine Kabarettprogramme sind innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Weil er im Leben eigentlich vor allem seine Ruhe will, ist er vor einigen Jahren auch Schriftsteller geworden. Es scheint ihn fast zu beschämen, dass seine Bücher regelmäßig die ersten Ränge der Bestsellerliste belegen: "Ich bin ja gar kein Schriftsteller, meine Bücher sind eigentlich nur Merchandising-Produkte." Diese Woche erscheint sein neuester Streich: "Ein Trottel kommt selten allein"."Na", schnarrt der Otti: "Was werden wir denn heute machen?" - "Wie immer alte Witze", antwortet ihm Niavarani matt. Es herrscht eine große Zärtlichkeit zwischen den beiden Herren. Bevor beiden die Lebensgeister wieder einschießen und der Schenk den "Nia" (wie ihn seine Freunde nennen) in einem Rollstuhl auf die Bühne rollt, kommt es noch zu einem Garderobengespräch.

INTERVIEW: ANGELIKA HAGER

profil: Sehr gemütlich, Ihre Garderobe. Und so ordentlich: Die Schminkflascherln stehen ja im rechten Winkel zueinander.
Wolfgang Scevik (Niavaranis Manager): Dafür kann er nix. Das mach ich ihm - nicht immer, aber manchmal.

profil: Auf dieser Couch machen Sie dann ein Power-Nickerchen vor der Vorstellung?
Michael Niavarani: Würde ich gerne, aber das geht leider fast nie. Auf meinem Sofa dösen ständig andere Schauspieler, die "Mein Gott, ich bin so müd, so müd, mein Gott, warum bin ich so müd" vor sich hin ächzen - obwohl ich eigentlich vor nahezu jeder Vorstellung der Müdeste von allen bin.

profil: Lampenfieber existiert auf dem Planeten Niavarani nicht?
Niavarani: Nein, da macht sich eine eigenartige Gefühlsmischung aus Fadesse und Nervosität breit, die natürlich wahnsinnig ungesund für den Kreislauf ist. Einerseits ist einem fad, weil man schon so oft aufgetreten und alles längst zur Routine geworden ist, andererseits wird man auch unruhig. Manchmal renne ich nur hektisch kettenrauchend auf und ab und gehe allen auf die Nerven. Zwischen bleierner Müdigkeit und dieser Hyperaktivität gibt's leider nichts.

profil: Können Sie nachvollziehen, dass ein Künstler wie Otto Schenk mit 87 noch so einen Drang hat aufzutreten?
Niavarani: Nachvollziehen ja, aber ich wünsche es mir für mich nicht. Ich spiele schon jetzt mit 49 weniger als der Schenk mit 87. Aber mit dem Schenk kann einem auf der Bühne nichts passieren - außer, dass er einschläft.

Die gleiche Wuchtel erzählt er nach unserem Gespräch dem Schenk selbst, was dieser durchaus amüsant findet. Auf der Bühne wird der Gag später auch gleich umgesetzt. Schenk versinkt in seinem Fauteuil, Niavarani ruft: "Otti, Otti, bist du eingeschlafen?" Den Schenk reißt es kurz hoch, und er stammelt: "Wo bin ich, wo bin ich nur?" Brüllendes Gelächter im Saal.

profil: In der Doppelconférence "Zu blöd, um alt zu sein" mäandern Sie zu zweit durch die großen Themengebiete des Lebens. Was kann man von dem großen alten Mann über das Alter und den Tod lernen?
Niavarani: Dass man sich davor nicht fürchten muss. Einmal ist der Otti in der Vorstellung auf der Bühne so leicht gestolpert, dass man sich fast Sorgen gemacht hat, aber er hat sich sofort wieder gesammelt und dann noch einen Witz drüber gemacht, dass er jetzt wahrscheinlich ein "leichtes Schlagerl" hatte. Das hat mich sehr beeindruckt. Wenn ich den Peter Alexander am Telefon gefragt habe, wie's ihm geht, hat er geantwortet: "Na ja, wie soll's schon gehen? Ich bin ja jetzt in der Endlife-Crisis." Solche Sager sind doch ein Zeichen von extremer Lebendigkeit.

profil: In Ihrem neuen Buch "Ein Trottel kommt selten allein" wird häufig die Frage gestellt, ob das Leben eher eine Komödie oder eine Tragödie ist. Konnten Sie diese Frage für sich schon beantworten?
Niavarani: Na selbstverständlich. Eine Komödie natürlich, allerdings eine sehr traurige. Das ist ja das Wesen der Komödie: dass sie komisch, aber gleichzeitig unendlich traurig ist. Wie jene Geschichte im Buch von dem Hofnarren Gonella, der vor Schreck starb, als sein Herr, der Herzog von Ferrara, ihm einen Streich spielen wollte und vortäuschte, dass der Narr wegen Hochverrats geköpft werden müsse. Im Moment der Entwarnung war dieser Gonella unter dem Fallbeil schon einem Herzinfarkt erlegen.


Prinzipiell fürchte ich mich davor, neue Leute kennenzulernen.

profil: In Ihrem Buch bezeichnen Sie den Berufsstand der Kabarettisten als die Hofnarren von heute. Politisches Kabarett war jedoch nie Ihr Ding. Man hatte den Eindruck, dass Alltagsabsurditäten wie der Inhalt eines Kühlschranks Sie immer mehr interessierten.
Niavarani: Nicht ausschließlich. Zehn Prozent politische Satire waren immer dabei, auch in meinen Jahren im Simpl. Selbst als Unterhalter hat man einen klaren Standpunkt zu beziehen. Wenn ich Witze über Perser mache, muss allen klar sind, dass diese Witze von der linken Reichshälfte aus gemacht werden. Die Leute müssen auch wissen, dass ich der Willkommenskultur etwas Positives abgewinne.

profil: Waren Sie im Sommer vor zwei Jahren am Hauptbahnhof?
Niavarani: Natürlich nicht. Ich war am Flughafen, in der Business-Lounge. Ich holte nämlich ausschließlich reiche Flüchtlinge ab. Mit meinem Geschäftspartner Georg Hoanzl habe ich Hasspostings in Geld umgewandelt. Damit finanziert unsere Firma jetzt zwei Wohnungen für Flüchtlinge.

profil: Sind dabei Freundschaften entstanden? Wird auch gemeinsam gekocht?
Niavarani: Prinzipiell fürchte ich mich davor, neue Leute kennenzulernen. Außerdem habe ich mit meinen persischen Verwandten so viel gemeinsam gekocht, dass ich davon für den Rest meines Lebens genug habe. Das arabische Essen ist nämlich nicht so meins. Ich wollte einfach nur helfen. Ich hätte auch geholfen, wenn Franzosen gekommen wären. Womöglich hätte ich mit denen sogar auch noch gekocht.

profil: Die Flüchtlingsfrage hat nicht nur das linke und rechte Lager polarisiert, sondern auch tiefe Gräben durch die Mitte der Gesellschaft gezogen: Feministinnen fürchten sich vor dem Import von Frauenverachtung, Teile der jüdischen Gemeinde vor einem neuen Antisemitismus. Wie sehen Ihre Lösungsvorschläge aus?
Niavarani: In allen Fällen ist das Lösungsmodell die Realität, die Wahrheit. Genauso wenig wie alle Flüchtlinge Universitätsprofessoren sind, sind alle Terroristen. Es ist auch nicht so, dass wir jetzt alle islamisiert werden, aber es stimmt auch nicht, dass die vorhin erwähnten Befürchtungen von der Hand zu weisen sind. Wir müssen einfach einmal diese Hysterie und Panik hinter uns lassen und uns konkrete Zahlen anschauen.

profil: Haben Sie vor Ihrer Existenz als Publikumsliebling aufgrund Ihrer persischen Herkunft je Rassismus oder Diskriminierung erfahren?
Niavarani: Vor der Erfindung des Internets nicht. Auf meiner Fansite fanden und finden sich aber immer wieder Kommentare wie "Geh endlich nach Hause" oder "Dich werden wir auch noch abschieben". Aber Gott sei Dank ist bei uns per Gesetzbuch alles ganz genau geregelt -egal ob es sich um Faschismus, Terrorismus, Rassismus oder Vergewaltigungen handelt. Alles, was von diesen Kommentaren von strafrechtlicher Relevanz ist, wird von uns zur Anzeige gebracht. Darum kümmere ich mich selbst, es gibt aber auch jemanden, der das zusätzlich kontrolliert.

profil: Macht der Gedanke an den drohenden Wahlkampf Sie schon jetzt müde? Es ist mit mehr als 50 TV-Duellen zu rechnen.
Niavarani: Diese Wahlen ergeben überhaupt keinen Sinn, außer den, dass der Herr Kurz auf diese Weise schneller Kanzler werden möchte. Inhaltliches habe ich von ihm noch nicht gehört.


Ich kann dieses ewige Gejammere über das Fehlen von Charisma in der Politik nicht mehr hören. Mir ist im Zweifelsfall ein blader, schiacher Politiker, der Lösungsvorschläge anzubieten hat, lieber als jeder charismatische Feschak.

profil: Die ÖVP scheint in Kurz eine Art Messias zu sehen.
Niavarani: Es gibt nur einen Messias, und das ist der Sohn Gottes. Ich nehm an, dass das auf den Kurz nicht zutrifft, aber was weiß man? Übers Wasser habe ich ihn jedenfalls noch nicht gehen sehen. Aber es ist doch sehr seltsam, dass eine starr - um nicht zu sagen: knöchern -strukturierte Partei wie die ÖVP plötzlich zum Kurz sagt: "Wir haben überhaupt nichts mehr zu melden, von jetzt an wird alles allein von dir bestimmt." Außerdem wissen wir auch noch gar nicht, ob ihm diese Strategie nicht nur seine Berater eingeflüstert haben und in Wahrheit alles ganz anders ist.

profil: Kern und Kurz stehen für einen neuen, smarten Politikertypus. Ist damit die Ära der alten Männer in der Politik vorbei?
Niavarani: Ich kann dieses ewige Gejammere über das Fehlen von Charisma in der Politik nicht mehr hören. Mir ist im Zweifelsfall ein blader, schiacher Politiker, der Lösungsvorschläge anzubieten hat, lieber als jeder charismatische Feschak. Fast möchte man sagen, dass Charisma eher hinderlich ist, wenn man etwas weiterbringen will. Christian Kern halte ich für einen hochintelligenten, sehr fähigen Mann, der auch Lösungen anzubieten hat. Ich würde sogar sagen, dass der Kern der beste Politiker ist, der in Europa zurzeit am Ruder ist. Wenn wir den als Kanzler behalten, sind wir bestens bedient.

profil: Was halten Sie vom Quereinsteiger Emmanuel Macron?
Niavarani: Zur französischen Politik kann ich gar nichts sagen. Da kenne ich mich null aus. Ich habe den Macron bis vor Kurzem für den Erfinder dieser französischen Süßigkeit gehalten.

profil: Wir sitzen hier im Globe, Österreichs erfolgreichstem Privattheater, in der ehemaligen Rinderhalle in St. Marx. Warum haben Sie sich ein Theater geschenkt?
Niavarani: Nicht ich habe mir das geschenkt, sondern das Publikum, das so viele Karten gekauft hat und es damit ermöglichte.

profil: Ihr Erfolg macht viele Kollegen fassungslos. "Der Niavarani sitzt da oben, braucht sich nur die Glatze kratzen, und schon wiehern alle", sagte einer.
Niavarani: Aus denen spricht der pure Neid. Aber natürlich zehre ich von einem Bonus, den ich mir im Lauf der Jahre erarbeitet habe. Wenn das Publikum einen Komiker schon lange kennt, wirken oft Dinge, die per se überhaupt nicht komisch sind, schon lustig. Mich hat das früher immer fertig gemacht, wenn der Maxi Böhm auf die Bühne kam und die Leute schon aufgrund seiner bloßen Präsenz zu lachen begannen. Da dachte ich mir: Wie geht das bitte? Der macht überhaupt nichts, und alle sind begeistert.

profil: Sie sind als Publikumsliebling auch so etwas wie öffentliches Eigentum. Können Sie noch durchs Leben gehen, ohne dass jemand schreit: "Hearst, Lustiger" oder "Oida, mach ma a Selfie"?
Niavarani: Nein, das geht schon lange nicht mehr. Es ist genau so, wie es der Alfred Biolek gesagt hat: Die erste Hälfte des Lebens entleibst du dich dafür, berühmt zu werden, die zweite Hälfte kämpfst du darum, unerkannt zu bleiben.


Man muss sich überschätzen, um diesen Schritt nach oben zu tun und seine Unsicherheit abzubauen.

profil: Kann man diesen Irrsinn ohne Psychotherapie überleben?
Niavarani: Natürlich habe ich eine gemacht. Eineinhalb Jahre lang bin ich zur Frau Professor Rollett auf die Uni zur Gesprächstherapie gegangen. Das war schon ein bisserl komisch für jemanden, der nicht einmal die Matura gemacht hat - also nicht die Therapie, aber die Location.

profil: Sie haben keine Matura?
Niavarani: Selbstverständlich nicht. Wozu auch?

profil: Sind Sie durch die Psychotherapie ein besserer Mensch geworden?
Niavarani: Nein, ich bin der gleiche Mensch geblieben. Aber ich erkenne gewisse Verhaltensweisen an mir, die anderen Menschen und mir Leidensdruck bereiten, besser und kann durch dieses Erkennen leichter damit umgehen. Weil ich auch am Theater immer so viel en suite gespielt habe, ist mir oft jahrelang nicht aufgefallen, dass ich immer wieder - vor allem in Beziehungen - die gleichen Fehler gemacht habe.

profil: Stimmt das gängige Klischee, wonach Komiker oft depressive Menschen sind?
Niavarani: Nein, das halte ich für einen Blödsinn. Installateure sind genauso depressiv wie Komiker. Nur dadurch, dass die aus der Spaßbranche so hochtourig laufen, glaubt jeder, dass sie gleich depressiv sind, wenn sie sich einmal völlig normal verhalten.

profil: In Ihrem Buch wirft Ihnen Ihr philosophischer Sparringspartner vor, dass Sie arrogant sind, weil Sie sich anmaßen, vor 1000 Leuten auf die Bühne zu gehen. Sind Sie tatsächlich arrogant?
Niavarani: Selbstverständlich. Man muss sich überschätzen, um diesen Schritt nach oben zu tun und seine Unsicherheit abzubauen. Aber ganz ehrlich: Zu wem sollen die denn sonst kommen, wenn nicht zu mir! Fällt Ihnen wer ein?

profil: Mögen Sie die Menschen?
Niavarani: Das Publikum mag ich, die Menschen nicht.

Das Buch, der Verlag

Nächtliches Philosophieren über das Internet, die Anatomie der Komödie oder die Arroganz der Bühnenmenschen mit einem Friseur, der Niavaranis Nachbar in einer Kabanensiedlung an einem See ist, bildet die Rahmenhandlung für "Ein Trottel kommt selten allein" (Amalthea). Dazwischen frönt der Komikheld der Nation seiner wilden Fabulierlust, die er an berühmten Gemälden abarbeitet. Fantastisch leichtfüßig führt uns Niavarani durch die Welt mittelalterlicher Hofnarren, den Wahnsinn verfallender Witwen in Ephesus oder melancholischer Herrscher. Neben seiner Existenz als Schriftsteller ist Niavarani nun auch Verleger geworden. Mit seiner Lebensgefährtin Helen Zellweger und dem Kabarettmanager Georg Hoanzl betreibt er den Theaterverlag Schultz & Schirm, in dem er seine Shakespeare-Adaptionen veröffentlicht, sich aber auch der Entdeckung neuer Talente widmet. Zuletzt publizierte er dort "Metrische Taktlosigkeiten" der Poetry-Slammerin Lisa Eckhart.

Michael Niavarani: "Ein Trottel kommt selten allein" Amalthea, 448 Seiten, 25,70 Euro