Musik-Legende Roedelius: "Am Anfang haben wir nur Lärm produziert“

Elektronik-Pionier Hans-Joachim Roedelius.

Elektronik-Pionier Hans-Joachim Roedelius.

Krautrock und die Folgen: Elektronik-Pionier Hans-Joachim Roedelius über die Heilkraft der Musik, seine Freundschaft zu Brian Eno und warum er heute auf kein U2-Konzert mehr gehen würde.

INTERVIEW: PHILIP DULLE, STEFAN GRISSEMANN

profil: In Berlin wurde Ihnen Anfang September ein mehrtägiges Festival gewidmet, bei dem Sie offiziell ein „Gesamtkunstwerk“ genannt wurden. Ist Ihnen soviel Ehrerbietung nicht unheimlich?
Roedelius: Es hat mich amüsiert, aber ich finde es durchaus faszinierend, wie viele Leute durch meine Musik inspiriert wurden – und auch heute noch darauf reagieren.

profil: Hat Politik in der Frühphase Ihrer Kunst je eine Rolle gespielt?
Roedelius: Nach dem Krieg auf der Flucht aus dem Sudetengau Richtung Berlin wurden meine Eltern und ich von den Russen aufgehalten, die meinen Vater gegen seinen Willen zum Garnisonszahnarzt machten. Die Russenzone, in der wir bleiben mussten, wurde später zur DDR. Ich ging dort zur Schule und wurde in die Nationale Volksarmee zwangsrekrutiert. Nach einem Jahr desertierte ich, und die Stasi verurteilte mich, nach meiner freiwilligen Rückkehr in die DDR 1954, zu vier Jahren Haft, von denen ich mehr als zwei absaß. Alte Nazi-Verhörkader, welche die Stasi in ihre Dienste übernommen hatte, waren davon überzeugt, ich sei ein Spion. Ich erlebte im Gefängnis Grauenhaftes, Verhöre und psychologische Folter, später Zwangsarbeit. Danach durfte ich aber studieren, machte eine Ausbildung zum Heilgymnasten. Als ich endlich frei war, hatte ich keine Lust mehr auf Politik.

profil: Musik war da aber auch noch kein Thema, oder?
Roedelius: Bis 1967 war ich in allen möglichen Tätigkeiten unterwegs, hauptsächlich als Masseur für wohlhabende Menschen. Durch einige meiner Patienten habe ich den Weg zur Kunst gefunden – erst zum Theater, dann zur Musik. In Berlin war ich Mitgründer einer Gruppe namens Human Being, mit der wir in Avignon die Proben zu „Paradise Now“ des New Yorker Living Theatre 1968 während der Revolten begleiteten. Ende 1969 entstand mit Conrad Schnitzler und Dieter Moebius die Gruppe Kluster.

profil: Sie brachten sich damals alle Instrumente selbst bei?
Roedelius: Eine selbstgeschnitzte Bambusflöte war mein erstes Instrument. Dazu ein Wecker und meine Stimme über ein Mikrofon, mit dem ich Rückkoppelungen produzierte: Das war mein Konzertdebüt im Zodiak, jenem Club in Berlin-Kreuzberg, den wir 1968 gegründet hatten.


Wir waren alle Laien, ziemlich verrückte Leute. Uns verband nur eines: Wir wollten Musik machen.

profil: Das klingt weniger nach Rock als nach Musique concrète.
Roedelius: Ich lernte damals zuerst die Musik von Iannis Xenakis und Pierre Henry kennen, das war Türoffner für mich, aber wir hatten alle von Musik keine Ahnung. Ich war Heilmasseur und musizierte dann im Zodiak unter anderem mit einem afrikanischen Berberprinzen, der schwedische Poesie schrieb, einem US-Army-Deserteur, der heute Drohnen konstruiert, einem Aussteiger/Lebenskünstler, der sich nur über Musik wirklich verständlich machen konnte, einer Dekorateurin, später Dozentin an der Berliner Hochschule für bildende Kunst und anderen absoluten Laien auf dem Gebiet der Musik. Schnitzler arbeitete als Schlosser auf einem Schiff, fand aber den Weg zu Beuys nach Düsseldorf und wurde sein erster Schüler. Wir waren alle Laien, ziemlich verrückte Leute. Uns verband nur eines: Wir wollten Musik machen. Auch Joseph Beuys steckte im Zodiak manchmal die Nase rein.

profil: Für Beuys war jeder Mensch Künstler. War das antiakademische Denken in Ihren Zirkeln weit verbreitet?
Roedelius: An Beuys’ These haben wir damals geglaubt, ja, wurden aber eines Besseren belehrt. Um relevante Kunst zu machen, muss man entweder große Lust darauf haben und wirklich schwer arbeiten, oder man hat das Talent dazu geerbt. Es kann auch nicht jeder Rechtsanwalt oder Arzt sein. Es bereitete mir anfangs keine Probleme, dass ich kein Instrument beherrschte. Ich musste mich mit meinen Ohren erst durch die Welt der Töne und Klänge tasten, um meine eigene Sprache zu finden. Am Anfang haben wir nur Lärm produziert.

profil: Sehr guten Lärm. Die frühen Kluster-Alben sind ziemlich avancierter Noise.
Roedelius: Die stammen ja schon von 1971. Aber auch die früheste, 1968 entstandene Live-Aufnahme von Human Being im Zodiak Free Arts Lab, wie wir den Club nannten, ist bis heute relevante Tonkunst. Im Grunde haben wir dort extremen Krach gemacht, der Laden war immer voller Leute. In dieser kaputten und geteilten Stadt musste ja etwas passieren, nachdem Hitler alles zerstört hatte. Unsere Musik war sehr selbstbezogen. Wir hatten nicht die Absicht, etwas Neues zu erschaffen, sondern erstmal nur herauszufinden, was uns selbst taugte.

profil: Aber es war schon eine Art Industrial-Punk, Jahre zu früh.
Roedelius: Ja. Moebius blieb sogar bis zu seinem Tod Punker. Die beiden Songs, die vor ein paar Monaten bei seinem Begräbnis gespielt wurden, waren immer noch reiner Punk. Furchtbar trauriger Punk. Wir hätten am liebsten die Grabkapelle verlassen, weil es so niederschmetternd war. Er hatte sie offenbar im Endstadium seiner Krankheit komponiert.

profil: Welches waren Ihre frühen Einflüsse?
Roedelius: Für Schnitzler war das Beuys, für mich, ausser Xenakis und Henry, auch Theater und Literatur. Peter Stein hat in der Schaubühne am Halleschen Ufer hochklassiges Theater gemacht, während wir im Keller unter ihm das Zodiak betrieben. Es ging auch hier natürlich um Kunst. Als wir 1969 auf Tour gingen, verabschiedeten wir uns in einer Galerie mit einem zwölfstündigen Konzert von Berlin.

profil: Welche bewusstseinerweiternden Substanzen zogen Sie in jenen Jahren heran?
Roedelius: Wir kifften hauptsächlich. Trips wurden auch genommen, aber unter dem Einfluss von LSD konnte man keine Musik machen, man befand sich ja in einer anderen Welt. Schon mit dem Drehen eines Knopf begab man sich ja wie auf eine Reise zu einem unbekannten Gestirn.

profil: Wieso stieg Schnitzler bereits 1971, nach nur zwei Jahren, bei Kluster wieder aus?
Roedelius: Der war immer so. Er riss Projekte an, rief sie ins Leben und stieg dann aus, weil die Mitstreiter seine meist rigorosen Konzepte nicht weiterführen wollten oder konnten. Im Kluster-Manifest, das er 1970 für das Album „Klopfzeichen“ entwarf, stand ja beispielsweise, dass nichts harmonisch sein dürfe. Daher auch später die Gegenreaktion mit dem Projekt Harmonia.

profil: Bis heute berufen sich unzählige Künstler auf das zwischen 1974 und 1976 entstandene Werk von Harmonia. Warum war nach drei Alben, die nun in einer luxuriösen Box wiederveröffentlicht werden, schon wieder Schluss?
Roedelius: Weil Moebius und ich offen bleiben und nicht proben wollten, im Gegensatz zu Michael Rother. Die ursprüngliche Plan hinter Harmonia war die Idee, aus den Bands Kluster und Neu! eine Supergroup namens Europa zu formen und damit kommerziell durchzustarten. Rothers Neu!-Komplize Klaus Dinger hatte das so geplant. Dazu hatten Moebius und ich aber keine Lust, auch weil Dinger diese Idee so autoritär vortrug. Er war leider ziemlich streng im Umgang mit anderen. So ist gemeinsam mit Rother eben Harmonia entstanden.


Wir haben immer unser eigenes Süppchen gekocht, die Rockklischees haben wir im Gegensatz zu anderen eigentlich nie bedient.

profil: Konnten Sie mit dem Begriff Krautrock je etwas anfangen?
Roedelius: Ich habe eher unter ihm gelitten. Moebius war das völlig egal. Krautrock war eine Erfindung der britischen Presse für deutsche Bands aus jener Zeit. Wir haben immer unser eigenes Süppchen gekocht, die Rockklischees haben wir im Gegensatz zu anderen eigentlich nie bedient.

profil: Kraftwerk war kein Einfluss?
Roedelius: Überhaupt nicht! Alles so Konstruierte geht mir gegen den Strich, ging mir immer schon so.

profil: Brian Eno, mit dem Sie 1976 erstmals arbeiteten, erzählte einmal, dass sie in Ihrem Band-Exil am Land eigentlich immer nur Holz gehackt hätten.
Roedelius: Klar, es war uns wichtig, das selbst zu machen. Ich nahm Eno in den Wald mit, gab ihm eine Axt und eine Säge, aber er setzte sich nur hin und zog ein Büchlein aus der Tasche, um auszurechnen, wie erfolgreich wir sein müssten, damit wir uns das Holz von anderen reinbringen lassen könnten. Er hat nicht begriffen, dass man, abgesehen von der Notwendigkeit, diese Arbeit tun zu müssen, dabei auch Spaß haben konnte. Das hat er aber irgendwann dann doch verstanden. Nur: Im Wald mitgearbeitet hat er nie. Er wollte uns immer nur dazu bringen, möglichst oft gemeinsam Musik zu machen.

profil: Woher stammten die sehr literarischen Texte der frühen Kluster-Werke?
Roedelius: Die kamen alle aus der Ökumene. Einige schrieb die Theologin und Schriftstellerin Dorothea Sölle. „Klopfzeichen“ war das erste deutsche Musikwerk gegen jedwede mind pollution. Wir waren eigentlich Vorreiter der wirklichen Neuen Deutschen Welle. Das Album wurde ja auch von der Kirche produziert. Der Kantor Oskar Gottlieb Blarr hatte uns in einem Keller spielen gehört und gemeint, das sei die Kirchenmusik der Gegenwart.

profil: Noise dieser Art würde wohl keine Kirche dieser Welt heute noch produzieren.
Roedelius: Weiß ich nicht. In die abstrakte, relativ leere Musik von Kluster passten die ökumenisch-sozialkritischen Texte jedenfalls bestens.


Äußerster Wohlklang ist wohl mein Ziel. Ich setze mich aber nicht hin, um einen meditativen oder einen aufmunternden Track zu komponieren. Das passiert ganz einfach.

profil: Sie beschäftigen sich seit fast einem halben Jahrhundert mit elektronischer Musik, haben unzählige Alben veröffentlicht. Wie entdecken Sie heute noch Neues?
Roedelius: Ich suche mir – und finde auch – immer neue junge Musikerkollegen zum gemeinsamen Spiel aus, die mich herausfordern. Die Freude am Moment, weil man nie genau weiß, was als nächstes passieren wird, ist bis heute wichtigstes Spielagens.

profil: Sie haben sich vom Noise zu Ambient entwickelt, von der Lärmattacke zum äußersten Wohlklang. Darf man Ihre Arbeit heute meditativ nennen?
Roedelius: Äußerster Wohlklang ist wohl mein Ziel. Ich setze mich aber nicht hin, um einen meditativen oder einen aufmunternden Track zu komponieren. Das passiert ganz einfach. Ich muss mich mit den Ergebnissen gleichsam abfinden. Die einzige Absicht, die ich habe, ist die, möglichst absichtslos zu arbeiten. Das ist natürlich sehr schwer.

profil: Ihre Band Kluster, die in vielen Inkarnationen, Schreibweisen und Konstellationen bis heute besteht, scheint die einzige Konstante in Ihrem Schaffen zu sein.
Roedelius: Der rote Faden ist Improvisation. Es ist oft wie ein Sprung ins kalte Wasser, weil man sich auf die Stimmungen und die Erwartungen des Konzertpublikum einlassen muss, was ja die Hauptvoraussetzung für unsere Live-Arbeit ist. Aber es wird immer leiser.

profil: Woher kommt Ihre Sehnsucht nach dem immer Leiseren?
Roedelius: Ich war lange Zeit so laut, dass ich mein Gehör beschädigt habe – kein Wunder also. Außerdem bin ich ja am Gehen. Ich bin bald 81! Irgendwann ist das Theater vorbei.

profil: Sie arbeiten aber mit der Energie eines Mittdreißigers, Sie reisen, spielen, kuratieren und nehmen unermüdlich neue Musik auf.
Roedelius: Ich bin dankbar, dass ich machen kann, was ich will. Keiner quatscht mir mehr rein. Früher dachten wir manchmal, wir müssten vielleicht etwas zugänglicher sein, dem Mainstream näher kommen, um auch genug Geld zu verdienen. Aber mit meiner Kunst kann man kein Geld verdienen, sondern muss geduldig zu warten lernen, bis sich diese Kunst ihren eigenen Weg in Hirne und Herzen einer horchbereiten Hörerschaft gebahnt hat.

profil: Ist Ihre Kunst also Selbstausbeutung?
Roedelius: Bei mir nicht. Ich habe keine Wahl, ich will das alles so. Es soll nicht anders sein. Und ich verstehe vollkommen, dass wir Ende der 1960er-Jahre kaum Zuhörer hatten, weil unser Klangmaterial einfach zu schräg war.

profil: Brian Eno hat mit Ihnen vor 39 Jahren an einem letzten Harmonia-Album gearbeitet. Verstärkte sich damals sein Hang zum Ambient durch Sie?
Roedelius: Wir entwickelten uns gleichzeitig dahin. Eno war sehr beeindruckt von meinen ersten „Selbstportrait“-Tracks, die ich ihm während der Arbeit mit Harmonia vorgespielt hatte, und er hat uns später, als er gerade anfing, mit Daniel Lanois U2-Alben zu produzieren, immer wieder geschrieben, wie schön er meine Musik findet. Er war und ist immer noch glücklich, dass sie nicht poliert und durchkonstruiert ist.

profil: Eno lebt sehr zurückgezogen, gibt kaum Interviews.
Roedelius: Als hochgeschätzter Produzent sucht er sich natürlich nur die Perlen aus einem sicher überreichen Angebot raus. Heute arbeitet er beispielsweise an audio-visuellen Konzepten für Beruhigungsräume in einem gerade im Entstehen begriffenen Krankenhaus in England. Er bewegt sich künstlerisch also auch im Heilsektor. Was er aber insgeheim schon sehr lange mit seinen meditativen Klanglandschaften macht. Dazu kann ich nur sagen: Bravo!

profil: Halten Sie es für eine wesentliche Aufgabe der Musik, dass sie positiv auf Menschen wirkt? Sollte Kunst nicht eher aufwühlen, irritieren?
Roedelius: Unser Horchbewusstsein verlangt nicht nach einer Musik, die weh tut. Wenn man solch heftige Musik hört, wie die aktionistische, die wir anfangs gemacht haben, kann das zwar als Avantgarde angesehen werden und sozusagen musikhistorisch Wirkung zeigen und damit wahrscheinlich auch irgendetwas Positives auslösen, aber heilsam ist es sicher nicht. Konzerte von U2, den Swans oder Elektronikern wie Peter Rehberg kann ich mir nicht anhören. Was dort geschieht ist viel zu laut und zu schrill. Die Leute lassen sich ja auch nur noch mit Ohrstöpseln darauf ein, mit denen sie dann alles ganz dumpf hören. Das ist doch pervers.

Am 25.10., am Vorabend seines 81. Geburtstags, ist Hans-Joachim Roedelius ab 19.30 Uhr im Wiener Porgy & Bess live zu erleben – unter dem Motto „80 & 1“ tritt er mit Freunden wie Peter Kruder,Thomas Rabitsch, Tempus Transit und vielen mehr auf. Die Erlöse des Abends kommen der Wiener Flüchtlingshilfe zugute. Christian Ludwig Attersee und Christopher Chaplin werden als Gäste erwartet.