Agnes Obel
Agnes Obel

© Alex Brüel Flagstad

„Warum klingen Ihre Songs so bedrohlich, Frau Obel?“
03/02/2020

Musikerin Agnes Obel: "Das fühlt sich alles wie ein Unfall an"

Die dänische Musikerin Agnes Obel über künstlerische Isolation, Schreibblockaden und warum ihre Songs so bedrohlich klingen.

von Philip Dulle

profil: „Myopia“, Ihr neues Album, ist erneut geprägt von hoher Emotionalität und Melancholie. Haben Sie Ihren Stil gefunden? Agnes Obel: Ich glaube, dass man im Leben oder in der Kunst niemals ankommen kann. Für mich ist das Musikmachen eine Reise, eine Schatzsuche, die mich von einem Ort zum nächsten führt.

profil: „Myopia“ ist Ihr viertes großes Werk. Ist das Songschreiben mittlerweile einfacher geworden? Obel: Im Gegenteil. Ich hatte zwar noch nie eine Schreibblockade, aber mit jedem Album lerne ich mehr über Produktions- und Aufnahmetechniken – und wie sich diese Prozesse auf die Stimmung meiner Songs auswirken. Früher ging ich unbelasteter ans Werk.

profil: Steht am Anfang einer Komposition stets eine bestimmte Emotion? Obel: Manchmal fühlt sich das alles wie ein Unfall an. Ich wollte nun darüber schreiben, wie mir mein Verstand Streiche spielt, wie ich mich selbst manipuliere und warum ich oft die Kontrolle zu verlieren drohe. Dazu war es nötig, zuerst einmal zu verstehen, wie meine Erinnerungen klingen würden. Der Albumtitel „Myopia“, also Kurzsichtigkeit, sollte dieses Gefühl widerspiegeln. Dass der Titel aber auch nach dystopia klingt, passt natürlich gut.

profil: Ihre Lieder klingen bedrohlich. Muss man sich Sorgen machen? Obel: Das liegt an der Zeit, in der wir leben. Als ich mit „Philharmonics“ vor zehn Jahren debütierte, war das eine andere Welt. Heute fühlt es sich an, als würden wir von einer Katastrophe in die nächste schlittern. Ich kann nachvollziehen, warum vor allem Jugendliche Angst und keine Zuversicht mehr haben. Andererseits glaube ich an die Kraft der Liebe und der Kreativität, wir haben Poesie und Wissenschaft – das kann uns retten.

profil: In dem Lied „Island of Doom“ reflektieren Sie sehr persönlich über den Tod einer nahestehenden Person. Obel: Es ist natürlich völlig absurd, gerade diesen Song als erste Vorab-Single zu veröffentlichen. Ich konnte mir nicht mal das Video dazu ansehen. Der Song ist die präzise Beschreibung eines tragischen Erlebnisses in meinem Leben; die Konversation mit einem Menschen, der nicht mehr am Leben ist. Wenn ich damit aber Menschen berühren kann, finde ich das schön.

Agnes Obel

profil: Für das Songschreiben ziehen Sie sich komplett zurück. Warum brauchen Sie diese Isolation? Obel: Mit sich selbst kann man sich intensiv nur dann auseinandersetzen, wenn man sich abschottet, keine E-Mails liest und sich nicht im Internet verliert. In der Musik passiert es schnell, dass Arbeitsschritte delegiert werden; man lässt sich Songs schreiben, und fremde Produzenten erledigen den Rest. Dabei geht es natürlich ums Geschäft – und vielleicht entstehen so perfekte Popsongs. Mein Weg ist das nicht.

profil: Erstattet Ihre Musik Auskunft über die Künstlerin Agnes Obel? Obel: Das Interessante an Büchern, Musik und Gedichten ist ja, dass man an den Gedanken einer Person teilhaben kann. Wenn die Musik zu perfekt wird, zu viele Menschen an der Entstehung beteiligt sind, erreicht man den Kern der Sache nicht mehr. Vielleicht sind meine Songs nicht perfekt, aber sie spiegeln zumindest meine Intention, meine Gedanken und Gefühle.

Interview: Philip Dulle

Agnes Obel, 39

Die gebürtige Dänin mit der außergewöhnlichen Stimme, die seit 2006 in Berlin lebt, arbeitet im eigenen Studio an ihrer Version sphärisch-melancholischer Klavier- und Synthesizer-Musik. Mit ihrem vierten Album „Myopia“ wechselt sie nicht nur vom Indie-Label PIAS zur Deutschen Grammophon, sie changiert auch gekonnt zwischen verhauchtem Singer-Songwriter-Pop („Can’t Be“), Neuer Musik und Ambient-Träumereien („Parliament of Owls“). Mit ihren atmosphärischen Klangmalereien wird sie gern für Serien-Soundtracks (u.a. „The Mist“ oder „Dark“) gebucht. Ihr neues Album wird Agnes Obel am 4. März in der bereits ausverkauften Wiener Arena präsentieren.

Agnes Obel: Myopia (Deutsche Grammophon)