Peter Kern: „Da wird mir echt übel“

Peter Kern: „Da wird mir echt übel“

Regisseur Peter Kern über seine seltsame Luxussatire „Der letzte Sommer der Reichen“, den Unsinn der Song-Contest-Austragung – und warum er auch nach fast vier Jahrzehnten nicht müde wird, für sein exzentrisches Kino zu kämpfen.

profil: In Ihrem Berlinale-Beitrag „Letzte Sommer der Reichen“ rechnen Sie mit der ausschweifenden Dekadenz des Wiener Großkapitals ab. War es Zeit für einen Post-Finanzkrisen-Thriller?
Peter Kern: Die Apokalypse spielt da eine große Rolle. Der Film ist ja auch eine Art Untergangsbeschreibung. Eines ist klar: So, wie es während der letzten Jahre gelaufen ist, kann es nicht weitergehen.

profil: In Ihrem neuen Film legen Sie den Finger in viele Wunden der Gesellschaft: Prostitution, Ausbeutung von Kindern, gekaufte Politik, schmutziger Boulevard und großindustrielle Altnazis sind nur einige der Themen, die Sie ansprechen. Prangern Sie an – oder zeigen Sie nur auf?
Kern: Ich bin kein Botschafter oder Politiker. Ich bin nicht jemand, der direkt an der sozialen Veränderung teilnehmen kann. Als Künstler habe ich aber die Aufgabe, als Vordenker der Gesellschaft zu arbeiten. Hätten wir die Kunst an die erste Stelle gestellt, ehe wir das Militär aufgerüstet hätten, so wäre das Leben heute vielleicht anders. Das ist ja auch das Problem mit dem so genannten „Islamischen Staat“. Wenn der IS mehr Kultur hätte, oder zumindest wüsste, was Kultur überhaupt ist, wäre vieles anders.

Untergangsbeschreibung. "Der letzte Sommer der Reichen"

profil: Ihr Film lebt auch von Slapstick und brachialem Witz. Ist Ihnen jedes Mittel recht, Ihre Botschaften zu verbreiten?
Kern: Humor ist etwas Essenzielles. Ich könnte ohne Humor, ohne Musik nicht bestehen. Auch gute Komponisten sind mit Humor beseelt und transportieren uns von einem Gefühl ins nächste, schleudern uns hin und her. Genau so soll auch die Dramaturgie eines Films sein.

profil: In „Der letzte Sommer der Reichen“ feiert die Wiener Modewelt eine Rückkehr zu Schlichtheit und Bescheidenheit – und gibt dennoch verstörend dekadente Feste. Sind die fetten Jahre doch nicht vorbei?
Kern: Die Mode ahnt unseren Untergang voraus. Sie hat nur keine Form mehr, politische Inhalte zu vermitteln. Sie ist nur noch Bla-Bla-Bla, ein Wurmfortsatz unserer Zeit.

Post-Finanzkrisen-Thriller: Heinz Trixner, Amira Casar

profil: Ihnen fehlt eine politisierte Gesellschaft?
Kern: Nehmen wir als Beispiel den ORF. Was sehen wir da? Wir sehen Mode, Dancing und eine erschreckende Anzahl an Volksmusiksendungen. Da wird mir echt übel. Momentan durchläuft das Fernsehen eine enorme Rückentwicklung. Wir sind so abgeflacht, so verblödet, applaudieren und freuen uns, wenn die liebe Frau Wurst den depperten Song Contest nach Österreich holt. Und plötzlich ist auch Geld verfügbar. 100 Millionen Euro kommen vom ORF, 100 Millionen von der Kultur. Aber das Burgtheater wurde bis heute nicht saniert – die sollen lieber arbeiten wie in einer Schuhfabrik.

profil: Ist die Situation auch im Film so ernst? Sie meinten einmal, es gebe so gut wie keine politischen Filme in Österreich.
Kern: Das hat mit dem Subventionssystem zu tun. Wenn Sie einen Film anständig finanzieren wollen, müssen Sie sich erst durch unzählige Gremien kämpfen. Die Dinge, die man sich als Autor ausgedacht hat, ganz radikal und frei, können gar nicht gefördert werden, weil sie im Regelfall nicht dem Geschmack der Kuratoren entsprechen. Was soll ich sagen: Geld steht leider immer über der Kunst.


Wir finanzieren den Mord an den Schwarzen, die nichts anderes wollen, als nachzusehen, ob es irgendwo noch einen Tropfen Lebenselixier gibt

profil: Drehen Sie Ihre Filme deshalb stets mit minimalen Budgets?
Kern: Sonst würden ja viele Jahre vergehen, bis ich einen Film finanziert hätte! So bleibe ich mit meinem Filmemachen immer ein paar Jahre voraus. Mit „Glaube Liebe Tod“ habe ich die Geschichte der Lampedusa-Flüchtlinge bereits 2012 erzählt. Man muss sich einmal vergegenwärtigen, wie verlogen wir Europäer eigentlich sind. Wir finanzieren den Mord an den Schwarzen, die nichts anderes wollen, als nachzusehen, ob es irgendwo noch einen Tropfen Lebenselixier gibt. Diese Leute, die in ihren Heimatländern bereits ausgebeutet wurden, werden dann von der EU-Organisation Frontex nicht gerettet, sondern zurückgeschickt. Und wir Europäer finanzieren das auch noch. Wir sind Schuld am Tod jener, die es nicht geschafft haben.

profil: Zahlen Sie Ihr Ensemble mittlerweile besser?
Kern: Die Schauspieler arbeiten für mich nicht um Ihre üblichen Gagen. Ein Star wie Amira Casar, die in „Der letzte Sommer der Reichen“ die Hauptrolle spielt, verdient sonst ein Vielfaches. Wir hatten für den Film gerade mal ein Budget von 600.000 Euro. Es wollte sich ja niemand auf ihn einlassen. Der ORF lehnt meine Filme grundsätzlich ab. Gezeigt oder gefördert haben sie noch nie einen.

Luxussatire: Amira Casar, Opfer

profil: Sie meinten einmal, noch gefährlicher als der angepasste Kinonormalbetrieb seien nur die Filmfestivals, weil hier Korruption und Machtmissbrauch blühen. Dennoch fahren Sie mit Ihrem Film zur Berlinale.
Kern: Damit meinte ich speziell die österreichischen Filmfestivals. Die Viennale ist für mich das Grauen. Den Filmemachern bringt das nichts, wenn ihre Filme dort gezeigt werden. Sie bekommen nichts für die Vorstellungen, schenken ihre Filme her, und Viennale-Direktor Hans Hurch lebt dann das ganze Jahr davon. Das ist wirklich pervers.


Was wollen Sie von mir? Träumen von der Million? Nein, auch wenn ich die Million hätte, wäre ich unglücklich

profil: Welche Aufgaben sollte Ihrer Ansicht nach ein Filmfestival denn übernehmen?
Kern: Es sollte ein Fest der Kreativität sein, ein Austausch über das Leben und die Zukunft. In Österreich gibt es keine Solidarität unter den Regisseuren. Es gibt nur Hass, tiefen Hass. Wenn man in Österreich eine Filmpremiere feiert, kommt ja auch kaum ein anderer Regisseur ins Kino.

profil: Woher rührt dieses Misstrauen?
Kern: Das scheint ein österreichisches Spezifikum zu sein. In Deutschland nimmt sich die Filmakademie wenigstens ernst. Da gibt es rege Diskussionen. Aus der Akademie des Österreichischen Films bin ich ausgetreten. Für mich ist das ein Schmähtandler-Betrieb, wo man einander die Preise zuschanzt.

Peter Kern im Gespräch mit profil-Redakteur Philip Dulle

Peter Kern im Gespräch mit profil-Redakteur Philip Dulle

profil: Zurück zu Ihrer eigenen Arbeit. Welchen Film würden Sie umsetzen, wenn Sie unbegrenzte finanzielle Mittel hätten?
Kern: Ich lebe im totalen Chaos, wurde delogiert, habe keine eigene Wohnung mehr und wurde von der Stadt Wien abgemeldet. Ich lebe von 333 Euro Pension im Monat und sitze sprichwörtlich auf der Straße. Was wollen Sie von mir? Träumen von der Million? Nein, auch wenn ich die Million hätte, wäre ich unglücklich. Ich beute mich selbst aus. Ich habe und besitze nichts. Ich stecke alles, was ich habe, in meine Vision von Kino. Ohne Kino kann ich nicht leben. Wenn sich ein realer Augenblick mit der Phantasie vereint und dabei etwas Eigenständiges entsteht, ist das die größte Kraft. Das Schwierige ist nur, andere von dieser Vision zu überzeugen.

profil: Hegen Sie die naive Hoffnung, mit Ihren Filmen etwas verändern zu können?
Kern: Die Erkenntnis, nichts zu verändern, ist der Tod. Und auch ich habe lange gedacht, dass ich mit meinen Filmen nichts verändert habe. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir, dass ich zumindest im Kleinen doch etwas verändert habe.

Peter Kern, 66

arbeitet sich seit Jahrzehnten an der bürgerlichen Gesellschaft ab. Seit gut 40 Jahren dreht er Low-Budget-Spielfilme. Für Rainer Werner Fassbinder, Hans-Jürgen Syberberg und Christoph Schlingensief trat Kern als Darsteller auf. Nun hat er bei der Berlinale seinen neuesten Film, die bewusst geschmacklose Satire „Der letzte Sommer der Reichen“, besetzt mit Amira Casar, Nicole Gerdon und Winfried Glatzeder, vorgestellt – und viel Lob für seinen schrillen Stil erhalten.