"Phoenix": Christian Petzolds verstörender neuer Film

"Phoenix": Christian Petzolds verstörender neuer Film

Der Berliner Filmemacher Christian Petzold hat das deutsche Kino neu definiert. Mit „Phoenix“ legt er nun seinen bislang gewagtesten Film vor.

Sie ist nicht mehr, was sie einmal war. Ihr einstiges Selbst ist nur noch zu erahnen; es blieb in Auschwitz auf der Strecke.

Eine lebende Tote erreicht 1945 mit zerstörtem, zerschossenem Gesicht ihre Heimatstadt Berlin. Sie wünscht sich ihr altes Leben zurück, bittet einen Chirurgen um Wiederherstellung ihres Aussehens. Danach sucht sie den Mann auf, den sie liebt. Sie ignoriert, von ihm besessen, die Wahrscheinlichkeit, dass er sie an die Nazis verraten hat. Er erkennt sie nicht wieder, bemerkt nur ihre große Ähnlichkeit mit der Frau, die er für tot hält. Um sich deren Erbe zu verschaffen, fordert er die ihm Fremde auf, die Frau von damals darzustellen – so zu tun, als habe sie überlebt. Den Profit könnten sie sich teilen. Sie willigt – wie in Hitchcocks „Vertigo“ – ein, ihre eigene Doppelgängerin zu mimen, weil sie meint, es sei der einzige Weg, ihre alte Identität wiederzuerlangen.

Nina Hoss spielt in „Phoenix“ die innen und außen, an Leib und Seele beschädigte Auschwitz-Heimkehrerin Nelly. Hoss wagt mit dieser Figur Immenses, veräußert das Trauma, das sie zu spielen hat, konsequent: Ihre Bewegungen sind linkisch, der Körper verweigert den Dienst. Nellys Freundin Lene (Nina Kunzendorf) plant die gemeinsame Emigration nach Palästina, aber es gelingt ihr nicht, die Geliebte von Johnny (Ronald Zehrfeld) fernzuhalten. Ein Melodram entwickelt sich, im Stil eines Albtraums, im Spannungsfeld von Selbstsuche und Selbstbetrug.

Der Regisseur und Autor Christian Petzold, 54, bewegt sich immer tiefer, gleichsam im Rückwärtsgang, in die deutsche Geschichte hinein. Nach „Barbara“, einem Melodram, das in der DDR der frühen 1980er-Jahre spielte, hat er sich nun an „Phoenix“ gewagt, eine Studie der Folgen der Shoah auf die Körper und die Psychen der überlebenden Täter und Opfer. Petzolds siebenter Kinofilm (und seine sechste Zusammenarbeit mit Nina Hoss) basiert zum Teil auf Hubert Monteilhets Tagebuchroman „Der Asche entstiegen“ („Le retour des cendres“, 1961), aber ebenso sehr auf den Geschichten, die das Kino der 1940er-Jahre in heftiger Reaktion auf den Faschismus erdachte. So gelingt es Petzold, das Irreale seines Unterfangens zu betonen, von Auschwitz indirekt zu berichten, die Obszönität der Direktheit zu vermeiden, die sich bei diesem Thema verbietet. Er bezieht die hohe psychologische, moralische und politische Komplexität dieser Inszenierung aus einer Story, die als groß angelegte Metapher erscheint: Wie konnte man nach dem Ende des nationalsozialistischen Terrors zu einer Identität kommen, den Übergang in eine Zeit des Misstrauens, der Denunziation, der Lüge, des Verrats bewerkstelligen, sich im Kräftespiel aus Hass, Wut und Verdrängung selbst finden?

Gemeinsam mit dem – im vergangenen Sommer überraschend verstorbenen – Künstler und Video-Essayisten Harun Farocki hat Petzold alle bisherigen Filme erarbeitet, auch „Phoenix“. Die Idee, aus diesem Stoff einen Film zu machen, geht weit zurück, in das Jahr 1985 nämlich, als Farocki seinem Freund Petzold eine zerfledderte Rowohlt-Ausgabe des Monteilhet-Romans schenkte, von dessen spekulativem Cover tatsächlich die toten Augen Janet Leighs starrten, in einem Foto aus der „Psycho“-Dusche Hitchcocks.

Seit seinem RAF-Drama „Die innere Sicherheit“ (2000) gehört Petzold zu den maßgeblichen Stilisten des deutschen Films. Derzeit absolviert er (mit dem Darstellerduo Matthias Brandt und Barbara Auer) die letzte Drehwoche seiner ersten Regiearbeit für die Krimiserie „Polizeiruf 110“, die er noch mit Farocki geschrieben hatte. Die Arbeit macht ihm Spaß, berichtet er am Rande des profil-Gesprächs. Das entspannte tägliche Proben und anschließende geordnete Herunterkurbeln stellt er sich ein wenig so vor wie das Glück der B-Movie-Produktionen, die Leute wie Robert Siodmak, Max Ophüls und Douglas Sirk einst in Hollywood spürten.

Christian Petzold ist ein cinephiler Regisseur, er vergewissert sich, ähnlich wie Nelly, seiner Identität über die Liebe: Sie gilt einem fernen Kino, den Werken Franjus, Ozus, Fords, Hitchcocks. Auch deshalb sehen seine Filme so anders aus als jene der meisten seiner Kollegen, die nicht weiter zurückblicken können als zu Woody Allen und Quentin Tarantino. Petzolds Nelly ist ein Phantom, eine Untote, genau wie die junge, von Hoss dargestellte Yella in dem gleichnamigen Petzold-Drama von 2007 – und wie die „Phantom Lady“ 1944 in dem Film Noir des vor den Nazis nach Hollywood geflohenen Robert Siodmak.

Als „Phoenix“ im September 2014 beim Filmfest in Toronto seine Premiere erlebte, zeichnete sich Ratlosigkeit in weiten Teilen der deutschen Filmkritik ab. Ihr „Unbehagen“ angesichts des Films äußerte etwa Verena Lueken in der „FAZ“, konstatierte „die Unsicherheit der Darsteller, die Brüchigkeit des Ganzen“. Auschwitz sei Teil unserer Unterhaltungsindustrie geworden, so Lueken; trotzdem stelle sich „gerade bei Filmen, die es wert seien, noch einmal die Frage, die seit einem Vierteljahrhundert beantwortet scheint: Geht das? Ist eine dem Lager Entkommene eine Filmfigur wie jede andere? Ihre Geschichte eine, die mit den Mitteln von Genre und Suspense erzählt werden kann? Zu welchem Ziel?“

Natürlich ist es legitim, solche Fragen zu stellen, sie gehen nur im Fall von „Phoenix“ ins Leere, denn Petzold verschneidet die Geschichte des Holocaust nicht mit Kolportage und Billig-Melodram, sondern mit dem amerikanischen Exilkino um 1945; er nimmt kompromisslos ernst, was andere bloß als Zerstreuungsmaterial, als Unterhaltungsware sehen, erkennt in den finsteren Werken von Billy Wilder, Robert Siodmak, Jacques Tourneur und Edgar G. Ulmer nicht das Triviale, sondern das radikal Persönliche, das gesellschaftspolitisch Akute, den tödlichen Kern des Film Noir.

Zu den Texten, die in der Vorbereitung von „Phoenix“ für Petzold und sein Team zentral wurden, gehört Alexander Kluges berühmte Kurzgeschichte „Ein Liebesversuch“ (1962), in der es um ein Sexualexperiment geht, das in einem Vernichtungslager an zwei Gefangenen vollzogen wird. Das Häftlingspaar vermeidet in seiner präparierten Zelle jedoch jeden Kontakt zueinander, leistet Widerstand gegen die NS-Ärzte, schützt seine Sexualität vor dem Zugriff der Mörder. Eine Verbindung zu „Phoenix“ stellt dieser beunruhigende Text nur assoziativ her. Aber er zeigt die Tiefe an, mit der Petzold die Implikationen seiner Erzählungen durchdenkt, ehe er sie filmt.
Wie sehr der Film zunächst auch internationale Betrachter verstört haben muss, mag man dem Umstand entnehmen, dass „Phoenix“ von den Programmmachern in Cannes und Venedig abgelehnt wurde, ehe das Festival in Toronto diesen in sein Programm einplante. „Wir hatten Angst, dass uns der Film um die Ohren fliegt“, meinte Petzold unlängst in einem Interview. Die befürchtete Explosion ist nicht eingetreten. Die angloamerikanische Kritik feiert Petzolds Film, und im Januar wird „Phoenix“ flächendeckend auch in Frankreich starten. Seine Heldin hat ein Leben nach dem Tod. Nelly ist unter uns.