Regisseur Ari Aster: "Ich würde mich gerne ein wenig lockerer machen“

Ari Aster

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Ein exklusives Interview mit „Midsommar“-Regisseur Ari Aster über drastische Horrorfilme, schwarze Komödien und perfektionistisches Inszenieren.

Der junge New Yorker Genre-Spezialist Ari Aster, 33, lässt auf sein gefeiertes Schauerstück „Hereditary“ (2018) nun eine drastische Horrorkomödie folgen: „Midsommar“ (Österreich-Kinostart: 27.9.) gießt Folklore, Liebesnot und Blutvergießen in ungewöhnlichem Ambiente ineinander: in einer schwedischen Kommune, die in den Weißen Nächten über neun Tage lang ein fiktives Mittsommerfest feiert, das nur alle 90 Jahre abgehalten wird und sich immer bedrohlicher gestaltet. Asters zweiter Film ist aber auch ein etwas aus dem Ruder laufender Trennungsfilm, ein Beziehungsdrama, transponiert in eine Wald- und Wiesen-Sommersonnenwendfeier. Eine Gruppe männlicher Anthropologiestudenten bringt ein fünftes Rad am Wagen mit (Florence Pugh spielt die nach einer Familientragödie schwer traumatisierte Heldin, die unter den Buddies ihres Freundes wenig populär ist). Salbungsvoll erscheinen die schwedischen Gastgeber zunächst, aber sie weisen bereits von Anfang an jenen psychopathologischen Frohsinn auf, der einst auch in der Manson-Family so schwer verdaulich war. Hinter einer Party, in der freie Liebe und Drogenmissbrauch regieren, wird alsbald ein rassistischer Reinheitskult sichtbar, der die ahnungslosen jungen Helden auf dem falschen Fuß erwischt. „Midsommar“ ist nicht allzu glaubwürdig geschrieben und mit 147 Minuten Laufzeit deutlich zu lange, aber die abwegige Fantasie, mit der Ari Aster seinen Film ausgestattet hat, ist doch bemerkenswert. Er zieht in seinem Übertritt von schleichendem Horror zu bizarrer Heiterkeit alle Register abwegiger Kinounterhaltung. Das Finale ist ein Exzess an makabrer Comedy, Todesslapstick der ungekannten Art.

MIDSOMMAR Teaser Trailer German Deutsch (2019) Exklusiv

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Ihr neuer Film setzt stark auf die Originalität des Settings. Aber es gab auch prominente Vorbilder, oder?
Aster: Klar, ich studierte verschiedene spirituelle Bewegungen und Traditionen. Folklore in jeder Form interessierte mich.

profil: Ich meinte eher konkrete filmische Modelle – Folk-Horror-Werke wie den schottischen Seventies-Schocker „The Wicker Man“?
Aster: Wenn man einen Folk-Horrorfilm macht, gibt es natürlich Vorgängerwerke. Aber damit befasste ich mich nur am Rande; ich setzte mich eher mit breakup movies, mit Trennungsfilmen wie Albert Brooks’ „Modern Romance“ (1981) auseinander, vor allem aber mit expressionistischen Beispielen dieses Subgenres, mit Andrzej Żuławskis „Possession“ (1981) etwa. Tatsächlich war ich hauptsächlich damit beschäftigt, Ähnlichkeiten zu anderen Filmen zu vermeiden. Ich arbeitete diesmal eher instinktiv.

profil: Seit Ihrem Kinohit „Hereditary“ gelten Sie als Horrorstilist.
Aster: Ich liebe zwar Horrorfilme, aber ich sehe mich eher als Genre-Regisseur. Ich habe inzwischen wohl so etwas wie einen eigenen Stil entwickelt – der natürlich auf unzähligen Einflüssen aus der Filmgeschichte basiert, wie das eben so ist, wenn man als Cinephiler selbst Filme zu machen beginnt. Man beklaut die Künstler, die man am meisten schätzt, und wenn man das halbwegs geschickt tut, beginnt sich so etwas wie ein eigener Stil auszubilden. Wenn ich als Genrefilmer eine Philosophie habe, dann ist es diese: Ich kann nicht erwarten, dass sich irgendjemand dafür interessiert, was in meinen Filmen passiert, wenn ich nicht überzeugende Figuren erfinde. Und „Midsommar“ ist ziemlich misanthropisch, die Charaktere sind oft unangenehm, aber hoffentlich glaubhaft – in ihrer Welt stimmig. Ich mag immersive Filme.


Meine Freude liegt im Element der Überraschung.

profil: Viele Menschen, die für drastischen Horror zu sensitiv sind, könnten Ihre Filme gar nicht sehen. Was macht Ihnen am Erschrecken Ihres Publikums so großen Spaß?
Aster: Wenn ich einen Horrorfilm inszeniere, habe ich gewisse Pflichten, denn die Leute kommen ja mit der Erwartung, geängstigt zu werden. Das ist wie ein Vertrag zwischen Betrachter und Filmemacher. Der Spaß liegt darin, diesen Vertrag teilweise zu erfüllen, die Erwartungen des Publikums aber auch zu subvertieren. Meine Freude liegt im Element der Überraschung. Aber die sollte auch emotional tragfähig sein.

profil: Neben dem Schrecken, der in „Midsommar“ mobilisiert wird, findet sich in Ihrem Film erstaunlich viel schwarzer Humor. Wollten Sie eine Art Horrorlustspiel drehen?
Aster: Klar, ich sehe den Film als schwarze Komödie.

profil: Aber es ist ambivalent; offen humoristisch ist der Film auch nicht.
Aster: Ich finde schon, an manchen Stellen ist er das. Und er wird immer spaßiger, je weiter er sich entwickelt. Ich halte das Ende, muss ich zugeben, für ziemlich lustig. Aber klar, das wird nicht jeder so sehen: Manche werden sich von der Drastik dieser Erzählung gekitzelt fühlen, andere eher aufgebracht oder verärgert sein.

profil: „Midsommar“ handelt auch von irritierenden nordischen Zuchtritualen. Verstehen Sie Ihren Film auch als Parabel auf die Wirkungsweisen des Faschismus?
Aster: Wir haben in den USA vor wenigen Wochen auch einen Director’s Cut veröffentlicht, eine um 24 Minuten längere, also fast dreistündige Fassung des Films. Darin werden die faschistischen Aspekte deutlicher. Natürlich ging es mir darum, auch über Schwedens dunkle Vergangenheit nachzudenken – und über ein menschenfeindliches Denken, das sich dort wieder auszubreiten scheint. Wie auch in weiten Teilen Europas – und nicht zuletzt in den USA.

profil: Die mehrtägige schwedische Sommersonnwendfeier, die im Zentrum von „Midsommar“ steht, ist ein fiktives Flower-Power-Ritual. Auch Quentin Tarantino hat in „Once Upon a Time ... in Hollywood“ gerade von einem gewalttätigen Hippiekult erzählt. Sehen Sie da einen Zusammenhang?
Aster: Die Welt befindet sich in einer kritischen Übergangsphase, und sie scheint sich nicht zum Besseren zu verändern. Das Kino reagiert auf Krisen auf seine Weise.


Man kann schon sagen, dass meine Filme sehr präzise geplant sind.

profil: Der Sommer 2019 war ja gewissermaßen auch ein „Summer of Hate“, ähnlich jenem, der sich vor einem halben Jahrhundert ereignet hat. Der Menschenhass, der in den Kulten existiert, die Sie und Tarantino zeigen, ist daher leider von einiger Aktualität.
Aster: Ja. Ich hoffe natürlich, dass die Ausbreitung des Bösen noch zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen sein wird, aber wie es aussieht, führt die Reise in die falsche Richtung – und sie wird immer schneller.

profil: Der Brite, der den finsteren Soundtrack zu „Midsommar“ schrieb, heißt Bobby Krlic, bekannter ist sein Pseudonym The Haxan Cloak. Wie gerieten Sie an ihn?
Aster: Ich kontaktierte Bobby bereits vor ein paar Jahren, denn ich schrieb schon das Drehbuch zu „Midsommar“ zu seiner Musik. Ich fragte ihn, ob er darüber nachdenken würde, auch Filmmusik zu komponieren. Er schien mit seiner atmosphärisch und emotional starken Musik dafür absolut geeignet zu sein. Vor allem sein erstes Album, das er 2011 veröffentlicht hatte, klang wie der Soundtrack zu einem nicht existierenden Film. Vor drei Jahren sprachen wir erstmals über eine mögliche Zusammenarbeit, die sich einstellte und als großartig erwies. Bobby ist ein unglaublich netter Typ, ein unkomplizierter und amüsanter Kollaborateur.

profil: Würde man angesichts seiner gespenstischen Drone-Musik nicht unbedingt vermuten.
Aster: Ja, die Finsternis ging glücklicherweise nicht in seine Persönlichkeit über. Ich kann das bezeugen, denn ich hielt mich während der Scoring-Phase über lange Zeit in einem Raum mit ihm auf.

profil: Sie schreiben Ihre Filme ja stets allein. Erdenken Sie die Details und Komplikationen der Form bereits in dieser Phase? Stehen beispielsweise die psychedelischen Effekte, die Sie einsetzen, um ihre unter Drogen stehenden Figuren darzustellen, schon im Script?
Aster: Fast alles steht schon im Drehbuch, spätestens in der Liste der zu drehenden Einstellungen, die ich anschließend anfertige. Aber einiges entsteht auch erst in den Dialogen, die ich darüber mit meinem Ausstatter und meinem Kameramann führe. Man kann schon sagen, dass meine Filme sehr präzise geplant sind. Während des Drehens entdecken wir eigentlich nichts Neues mehr. Ich würde mich in dieser Hinsicht gerne ein wenig lockerer machen, um offener für Improvisationen zu bleiben. Aber so bin ich eben, zu perfektionistisch, leider.