Regisseur Kaurismäki: "Wir sind alle mehr oder weniger Idioten"

Aki Kaurismäki

Aki Kaurismäki

Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki hat mit der elegischen Komödie "The Other Side of Hope" den anmutigsten Film im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale inszeniert. Ein Gespräch über die Flüchtlingskrise, Geld, Gier und Gartenarbeit im Ruhestand.

Aki Kaurismäki, der im April seinen 60. Geburtstag feiern wird, träumt schon wieder vom Ende. Er wolle endlich sein eigenes Leben führen, erklärte er am Donnerstag vergangener Woche überraschend im finnischen Fernsehen, und diesmal sei wirklich Schluss, nicht so wie 1994, als er dasselbe schon einmal verkündet hatte. Seit den frühen 1980er-Jahren dreht Kaurismäki extra-lakonische Filme, in denen die Farben und das Licht so matt sind wie die Menschen, die hier niemals lächeln, dafür sehr viel rauchen und noch mehr trinken. Mit Werken wie "Schatten im Paradies" (1986), "Ariel" (1988), "Leningrad Cowboys Go America" (1989) und "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" (1989) wurde Kaurismäki international zur Größe der Arthouse-Kinoszene, mit "I Hired a Contract Killer" (1990),"Der Mann ohne Vergangenheit" (2002) und "Le Havre" (2011) zu ihrem Fixstern. Seit bald drei Jahrzehnten lebt er mit seiner Frau, der Künstlerin Paula Oinonen, in Portugal.

Kaurismäkis jüngster Film trägt einen mehrdeutigen Titel: "The Other Side of Hope". Auf der anderen Seite der Hoffnung liegt entweder die Resignation - oder der Horizont, der einen Ausweg verheißt. Auf einem Kohlefrachter, bedeckt von Ruß, kommt Khaled, der junge Held dieser Erzählung, an. In Helsinki stellt er sich, geflüchtet aus dem tobenden Krieg in Aleppo, mutig den Behörden, die an einen wie ihn aber keinerlei Gefühl verschwenden. Der gute Rat, den er von einem Freund aus dem Irak erhält, lautet, möglichst glücklich dreinzuschauen, "weil die Melancholiker immer die Ersten sind, die man deportiert". Khaled beantragt Asyl -und erhält erst die Aufenthaltsgenehmigung in einem Flüchtlingsheim und anschließend den Abschiebungsbescheid. Syrien sei recht stabil, heißt es in seinem Ausweisungspapier sinngemäß, Gefahr für Leib und Leben bestehe deshalb naturgemäß nicht.

The Other Side of Hope - Trailer

Aber Khaled lässt sich nicht einfach ausweisen, er taucht, auch auf der Suche nach seiner abgängigen Schwester, in der finnischen Hauptstadt unter und hat das Glück, auf einen Unternehmer zu stoßen, der so tief in der Midlife-Krise steckt, dass er weniger wirtschaftlich als menschlich handelt: Er stellt Khaled illegal in dem heruntergekommenen Restaurant ein, das er mit seinen Pokergewinnen gerade erworben hat, und lässt sich auf das Himmelfahrtskommando ein, mit einer Truppe knurriger Außenseiter einen profitablen Gastronomiebetrieb aufzuziehen. Der Versuch, im Handumdrehen einen japanischen Gourmet-Tempel zu etablieren, scheitert jedoch heftig - nicht zuletzt am allzu freigiebigen Gebrauch von Wasabi. Aber wer würde wegen solcher Kleinigkeiten denn gleich aufgeben?

An-und Wehmut liegen im Werk dieses Filmemachers nah beieinander. Allein mit dem Augenblick, in dem sein syrischer Protagonist zu einer traditionellen Laute, der Saz greift, um darauf ein herzzerreißendes Stück zu spielen, konnte es bei der diesjährigen Berlinale in Sachen Transzendenz und Schönheit kein anderer Film aufnehmen. Die trockene Komödie, die man mit Aki Kaurismäki verbindet, ist angesichts des Themas, das er hier behandelt, zwar praktisch zum Erliegen gebracht. Aber Kaurismäkis Traum von einer solidarischen Welt, in der neben viel altem Rock'n'Roll und Schlagerpatina auch Neonazis existieren, ist nicht naiv, sondern notwendig und damit letztlich erhebend. Denn auf der anderen Seite der Hoffnung gibt es eben viel Raum für persönliche Gestaltung.

Im profil-Gespräch zieht der Chefmelancholiker des europäischen Kinos noch einmal Bilanz. Kaurismäki wirkt schwer angeschlagen, spricht langsam, blickt einen mit blutunterlaufenen Augen an und zieht an seiner E-Zigarette. "Bronchitis", murmelt er leise, mit sonorer Stimme, in finnisch gebrochenem Englisch.

profil: Sie haben Ihren neuen Film "The Other Side of Hope" selbst "tendenziös" genannt. Ist es ein Propagandafilm geworden?
Aki Kaurismäki: Ja, so wie die sowjetischen Filme der 1920er-Jahre. Allerdings spielt er im Europa der Gegenwart. Und da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Schießerei beginnt.

profil: Sie gehen von organisierter Gewalt gegen Geflüchtete aus?
Kaurismäki: Ich hoffe nicht. Aber es sieht so aus. Die Flüchtlinge sind doch nur eine Ausrede, um unsere eigene Situation weiter missverstehen zu können. Wir sind alle mehr oder weniger Idioten, begreifen nichts, sind bloß umgeben von Geld. Also haben wir beschlossen, in Asylwerbern das eigentliche Problem zu sehen. Das sind sie aber nicht, die europäische Identität ist das Problem.

profil: Diese Identität zerfällt doch gerade vor unseren Augen.
Kaurismäki: Ja, das Geld hat die Herrschaft übernommen.

profil: Und was kann das Kino daran ändern?
Kaurismäki: Nichts. Aber es ist meine Verantwortung als Filmemacher und Mensch. Jean Renoir versuchte mit seinem Film "Die große Illusion" ja auch, den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Aber das Kino ist immer noch nichts anderes als Unterhaltung. Damit lässt sich keine Politik machen. Es wäre auch erschreckend, wenn das ginge.

profil: Wie reagieren Sie, wenn man Ihren Film naiv nennt?
Kaurismäki: Wer mein Porträt eines Flüchtlings als naiv bezeichnet, hat offenbar zu viel Prada-Parfüm aufgetragen.

profil: Ihr visueller Stil ist auf den ersten Blick erkennbar, Sie müssten ihn nicht einmal mehr mit Ihrem Namen zeichnen. Kommunizieren Sie mit Ihrem Kameramann Timo Salminen überhaupt noch?
Kaurismäki: Nach 36 Jahren nicht mehr. Wir haben gemeinsam begonnen. Für die ersten beiden Filme erstellten wir noch Pläne und Storyboards, kamen dann aber überein, dass das so nicht funktioniert. Denn er hatte jede Menge Arbeit mit dem Licht, ich mit dem Geschichtenerzählen. Also beschlossen wir stumm, dass er sich um Kamera, Objektiv und Licht kümmern sollte -und ich mich um die Story. So ist das bis heute geblieben.

profil: Das Licht in Ihren Filmen ist allerdings auch sehr speziell.
Kaurismäki: Manchmal trete ich einen Scheinwerfer, um ihn in eine andere Position zu bringen.

profil: Halten Sie sich tatsächlich, wie Sie oft sagten, für einen Realisten? Ihre Filme sind doch sehr stilisiert.
Kaurismäki: Wir stellen die Wirklichkeit eben durch unsere Illusionen dar. Es geht gar nicht anders.


Niemand in diesem Universum hat Geld jemals so sehr gehasst wie ich.

profil: Sie gelten als einer der letzten integren Filmemacher. Es ist schwer vorzustellen, dass Sie sich jemals verkaufen würden.
Kaurismäki: Ich hasse Geld.

profil: Wovon leben Sie denn? Sie machen doch nur noch alle fünf oder sechs Jahre einen Film.
Kaurismäki: Schauen Sie sich meine Jacke an. Die trage ich eben fünf Jahre lang. Und meine Hose löst sich auch schon auf. Niemand in diesem Universum hat Geld jemals so sehr gehasst wie ich.

profil: Weil es zerstörerisch wirkt?
Kaurismäki: Weil es die Menschheit umbringen wird. Die Gier wird uns alle töten.

profil: Sie haben vor ein paar Jahren eine Trilogie der Hafenstädte angekündigt. "Le Havre" und "The Other Side of Hope" wurden abgedreht. Nun haben Sie Ihren Rückzug vom Kino angekündigt. Sie wollen die Trilogie unvollendet belassen?
Kaurismäki: Ich habe von Chaplin gelernt, dass es lustiger ist, eine Trilogie aus nur zwei Teilen zu bauen.

profil: Ist dieser neue Film also tatsächlich Ihr letzter?
Kaurismäki: C'est la vie.

profil: Was wollen Sie, wenn Sie keine Filme mehr drehen, denn sonst machen?
Kaurismäki: Ich schneide statt Filmen eben Bäume in meinem Garten. Die Blumen überlasse ich meiner Frau. Die Bäume sind meine, ich bin ja auch größer. Nach 40 Jahren in diesem Geschäft wäre es schön, ein paar Momente noch für mich zu haben. Ich weiß nicht, was ich tun werde. Ich besitze vier Restaurants und Hotels. Ich habe 50 Filme produziert, bald werde ich 60, da ist es vielleicht an der Zeit, einmal nur einen Augenblick zu leben. Ich mag das Leben, aber das Kino langweilt mich ein wenig, seit das Publikum kaum noch Interesse daran hat, die Filme so zu sehen, wie sie gemacht wurden. Und ich dachte unlängst an den japanischen Filmemacher Yasujiro Ozu. Er starb mit 60, in meinem Alter. Wenn ich nun beten dürfte, zu irgendeinem Buddha, dann hätte ich gerne nur vier oder fünf Jahre noch, ganz für mich selbst - um den Vögeln beim Fliegen zuzusehen. Ich habe im Kino alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Warum also nicht?


Sollte ich tatsächlich irgendwann noch einmal einen Film drehen, wird er "Adios" heißen.

profil: Ozu ist immer noch Ihr Vorbild?
Kaurismäki: Nein. Er ist mein Guru.

profil: Ist Ihnen Robert Bresson nicht näher?
Kaurismäki: Ich mag Bresson. Aber Ozu hatte mehr Humor. Auch Melville und Kurosawa sind meine Gurus. Und natürlich Luis Buñuel, denn ich bin Surrealist. Der Surrealismus schlägt den Realismus um Längen.

profil: Ihre Filme handeln stets von Außenseitern. Halten Sie sich selbst für einen?
Kaurismäki: Natürlich, immer schon. Aber ich konnte mich, im Gegensatz zu den Flüchtlingen, dazu frei entscheiden. Meine Familie wurde im Zweiten Weltkrieg aus Ihrer Heimat vertrieben, offenbar ist mir das immer im Kopf geblieben.

profil: Haben Sie mit dem Alter auch Ihre Themen verändert?
Kaurismäki: Nein, nur meine Filme wurden immer lausiger.

profil: Ernsthaft?
Kaurismäki: Jetzt wären Sie an der Reihe, mir zu versichern, dass sie immer besser werden. Ich finde eigentlich, dass ich heute so fähig bin wie nie zuvor, Filme zu machen. Diese Fähigkeit war nie sehr hoch, aber inzwischen verstehe ich meinen Beruf ganz gut. Ich könnte also inszenieren, was ich wollte. Die Sache ist nur: Ich will nicht mehr. Sollte ich tatsächlich irgendwann noch einmal einen Film drehen, wird er "Adios" heißen.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 8 vom 20.2.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.