Sexy. Cool. Laut. Fies. Der Mythos Rolling Stones

Sexy. Cool. Laut. Fies. Der Mythos Rolling Stones

Ein opulenter Fotoband feiert die Rolling Stones im edlen Großformat. Stefan Grissemann über einen Mythos, der sich seit Jahrzehnten selbst genügt.

Die Rolling Stones haben den Moment, um den sich in der Popmusik bekanntlich alles dreht, dramatisch ausgedehnt. Ihr persönlicher Augenblick dauert mittlerweile gut 52 Jahre. Sie sind der Beweis dafür, dass sich Starruhm effizienter einfrieren lässt als Eizellen in flüssigem Stickstoff. Man sieht die Gesichter altern, aber die Körper machen weiter mit, und die Musik bleibt, was sie immer war. Sie braucht keine Neumischungen, keine Dubstep-, Grime- und Jungle-Interventionen. Die Stones spielen, was nicht zu ändern ist. Forever Rock’n’Roll.

Sir Michael Philip Jagger, 71, schwingt im schwarzen Glitzerjackett spastisch und gertenschlank wie eh die Hüften, zuckt stimmsicher über jede Rampe. Charlie Watts hält stoisch den Beat, quittiert mit leise-ironischer Verachtung die Possen seiner Bandkollegen. Aber Keith Richards kann keine Kokosnuss dieser Welt noch davon abhalten, seine legendären Riffs aus den Verstärkertürmen von den Stadionbühnen zu blasen. Der Drogenabusus der frühen Jahre ist bei ihm in ein natural high übergegangen, in eine Art Tiefenentspannung, die vom seligen Lächeln bis in die in alle Himmelsrichtungen weisenden Haarsträhnen reicht.

Sexy. Cool. Laut. Fies.
Seit Februar sind die Stones wieder auf Tour, im Sommer gastierte man auch in der Wiener Ernst-Happel-Arena, derzeit weilt die britische Band in Australien. Der Kritiker des "Sydney Morning Herald“ setzte unter dem Eindruck ihres Konzerts in Melbourne eine rhetorische Frage in die Schlagzeile: "Wie bringen es diese ältlichen Gentlemen zuwege, derart sexy, cool, laut und fies zu klingen?“ Die Frage ist, auch wenn sie seit zwei, drei Dekaden nicht mehr originell erscheint, berechtigt. Die Rolling Stones betreiben, vor allem live, längst das Museum ihrer eigenen Geschichte, vermitteln ein klingendes und bewegtes Bild ihrer seit Jahrzehnten konservierten Trademark-Posen und Charisma-Angebote.

Eine neue Publikation des Taschen Verlags versucht nun, den Mythos, die pophistorische Gewichtigkeit der Rolling Stones in ein neues Druckwerk zu übersetzen. Tatsächlich ist der opulent gestaltete Bildband eine Augenweide, wenn sich auch inhaltlich darin nichts Neues findet. Dafür hat man ein (so knappes wie nichtssagendes) Vorwort des US-Ex-Präsidenten Bill Clinton zu bieten, dazu ein paar kleine Essays, vor allem aber großartige, teilweise bislang unveröffentlichte Fotografien, die alle Phasen der Stones-Karriere betreffen - und von den Sixties-Porträts David Baileys und Norman Parkinsons bis in die jüngste Vergangenheit und etwa zu den Bildern Anton Corbijns reichen, von Session-, Konzert- und Promotion-Fotos bis zu Dokumenten des Freizeitverhaltens der Musiker und der Hysterie ihrer Fans.

Vor der Ära des Musikvideos war die Fotografie das zentrale visuelle Medium im Pop. Magazinbildstrecken und die Gestaltung der Alben und der Singles unterrichteten den zahlenden Popkonsumenten von den Assoziationsspielräumen, die sich die Musiker offenhielten. Die Rolling Stones waren von Anfang an perfekte Selbstdarsteller - und sie boten sich als Speerspitze einer Jugendbewegung, die von den verhältnismäßig sauberen Pop-Profilen der frühen 1960er-Jahre genug hatte, idealtypisch an. Neben den songschreibenden Glimmer Twins Mick Jagger und Keith Richards und Drummer Charlie Watts gehörten Brian Jones (bis 1969) und Bill Wyman (bis 1993) zur Band - der heute noch in der Band aktive Ronnie Wood stieß erst 1975 dazu. Die jungen Stones orientierten sich an den Klangsümpfen des Blues, des Rock’n’Roll und des R&B Chicagoer Prägung: Chuck Berry und Muddy Waters waren ihre Säulenheiligen, im Umfeld Alexis Korners sammelten die späteren Mitglieder der Band erste praktische Erfahrungen.

Die Urszene der Stones aber findet 1961 statt. Im Zug von Dartford nach London spricht der gerade 18-jährige Keith Richards den 17-jährigen Jagger an, weil dieser einschlägiges Vinyl unterm Arm trägt. Man beschließt, gemeinsam Musik zu machen, traditionelle Blues- und Rock-Muster nachzuspielen. Brian Jones und Charlie Watts spielen bereits in Alexis Korners Band. Man wagt das Live-Debüt im Juli 1962 im Londoner Marquee Club, 1963 unterschreibt die Band ihren ersten Vertrag; das Management betont die "Hässlichkeit“ der Band, die sich neo-proletarisch, schmutzig, böse und aggressiv gibt. Der Aufstieg erfolgt schnell: Im Jänner 1964 sind die Stones bereits Tour-Headliner. Das Bad-Boys-Image wird strapaziert: Neandertaler als Sex-Ikonen. Dabei zeigen schon die frühen Fotos fünf durchaus freundliche junge Männer mit Schmollmund (Jagger) und entschiedener Kinnpartie (Richards). Auf dem Cover des LP-Erstlings posiert die Band in Anzug und Krawatte.

Tradition wird hier groß geschrieben: Unter den zwölf Songs des Debütalbums findet sich ein einziger selbst verfasster Track ("Good Times, Bad Times“), der Rest sind Coverversionen - Songs von Muddy Waters, Chuck Berry, Tim Hardin und Bobby Womack. Mit der Aura der Rebellion setzen sich die Rolling Stones von den harmonischer klingenden Beatles ab. Das Negative wird bald zur Signatur der Rolling Stones, Zorn und Frustration imprägnieren ihre Hits: "(I Can’t Get No) Satisfaction“ und "Get Off of My Cloud“, "19th Nervous Breakdown“ und "Paint it Black“. Aber die Band changiert auch zwischen Zartgefühl und Härtetest, zwischen "Ruby Tuesday“ und "Jumping Jack Flash“, zwischen "As Tears Go By“ und "Honky Tonk Woman“. 1969 nimmt die Karriere der Stones albtraumhafte Züge an: Brian Jones ertrinkt kurz nach seinem Ausstieg aus der Band in einem Pool, und bei einem Konzert im kalifornischen Altamont bei gewalttätigen Ausschreitungen kommt ein 18-Jähriger zu Tode. Das starke Songwriting des Duos Jagger/Richards hält an. Eine Weile. "Exile on Main Street“ (1972) ist das letzte große Werk der Stones.

Martin Scorseses High-Tech-Konzertfilm "Shine a Light“ setzte noch 2006 der ungebrochenen Energie dieser Band ein Denkmal. Auch wenn ihre Songs seit 40 Jahren zu wünschen übrig lassen. Das Brennen des frühen Teenager-Daseins haben sich die Rolling Stones bis heute jedenfalls bewahrt. Ihre aktuelle Tour heißt übrigens "14 on Fire“.