© DANIELA MATEJSCHEK

Kultur
05/29/2020

Strauss, Molden und die Wildnis der Herzen

Unerhört #30: Philip Dulle findet Musik für neue Zeiten.

von Philip Dulle

Zugegeben: Für „Wüdnis“, das Debütalbum von Ursula Strauss und Ernst Molden, sollte man schon in Stimmung sein – oder sich zumindest an einem passenden Ort befinden. Am besten sitzt man für die Kopfkinobilder, die hier bei den ersten Tönen entstehen, in einem kleinen Beisl – dunkle Wandvertäfelung, Kerzenschein, nette Begleitung, andächtige Stimmung. Weil die Dinge aber nun mal kompliziert sind und das Im-Gasthaus-Sitzen im Jahr der Maske auch nicht mehr das ist, was es vielleicht einmal war, funktionieren die zwölf Gitarrenminiaturen auch ohne Brimborium.

Die niederösterreichische Schauspielerin und der Singer-Songwriter aus Wien-Landstraße, die seit ein paar Jahren regelmäßig gemeinsam musizieren, erzählen, changierend zwischen Melancholie und feinem Witz, von Herzensangelegenheiten („Woedliad“) und vom dummen Augustin („Ollas is hi“), vom Wegziehen und Loslassen („Siedlung“), vom Schicksal und Scheitern – vom Leben eben. Denn, so die Essenz der Songsammlung, erst das Vorhandensein von Traurigkeit ist die Voraussetzung für einen guten Schmäh.

Die Wildnis, die auf dem Album besungen wird, findet man nicht nur in der „Hainbuaga Schdrossn“ oder auf dem namenlosen Flecken zwischen Margaretengürtel und Längenfeldgasse, sondern vor allem in den Herzen und zwischen den Menschen. Da hilft, so Strauss und Molden, eben nur die Flucht – raus in die Nacht, in den Wald, in die Liebe.

 

 

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