Udo Kier: "Hollywood ist auf Sand und Titten gebaut"

Udo Kier

Udo Kier

Hitler-Komödien und Kino-Mordmethoden, Madonnas Respekt und Dracula im Rollstuhl: ein Gespräch mit Schauspielerlegende Udo Kier.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Sind Sie Frühaufsteher? Als Sie mir heute erstmals geschrieben haben, muss es bei Ihnen in Kalifornien sechs Uhr morgens gewesen sein.
Kier: Ja, meine Hündin Liza will um diese Uhrzeit üblicherweise in den Park gegenüber, zu den vielen Olivenbäumen, die da stehen. Gegen 6:15 Uhr, wenn wir zurückkehren, mache ich mir Kaffee und überlege, was der Tag bringen wird. Dabei blicke ich auf meine Wände, an denen Bilder von Sigmar Polke, Raymond Pettibon und Andy Warhol hängen, und freue mich darüber, einen derart schönen Ort besitzen zu dürfen, mit einem Swimmingpool, der kein Planschbecken ist, sondern lang genug, dass man auch wirklich in ihm schwimmen kann.

profil: Sie leben inzwischen nicht mehr in Hollywood, sondern in der kleinen Stadt Palm Springs.
Kier: Ein toller Ort, ohne Parkuhren. Frank Sinatra und Lucille Ball machten die Stadt berühmt, kauften in den 1940er-Jahren hier Häuser, um im Winter, wenn es in Los Angeles ein bisschen kühler wird, schön Party zu machen.

profil: In der Senioren-Enklave dürften Sie einer der Jüngsten sein.
Kier: Nicht ganz, aber wenn ich abends essen gehe, kommt es schon vor, dass mich Leute, denen ich das Salz weiterreichen soll, mit "young man" ansprechen. Mit bald 74 Jahren hört man das doch gern.

profil: Palm Springs wird Ihnen nicht langweilig?
Kier: Keineswegs. 20 Minuten von hier entfernt liegt eine kleine Ranch, die mir gehört, auf 20.000 Quadratmetern Land: ein echtes Paradies. Dort habe ich unzählige Palmen gepflanzt und mir ein lebensgroßes Pferd aus Plastik gekauft, da ich leider nicht die Zeit habe, mich um ein lebendes zu kümmern. Ich habe es Max von Sydow genannt, weil es so stark wirkt. Bei Fototerminen setze ich den Cowboyhut auf, trage Stiefel und ein wenig Heu in der Hand, während Max im Hintergrund posiert. Er sieht wirklich echt aus.

profil: Das klingt, als hätten Sie nichts als Freizeit. Dabei scheinen Sie unentwegt zu arbeiten. Ein Dutzend Filme im Jahr sind bei Ihnen keine Seltenheit.
Kier: Offenbar denken viele Regisseure inzwischen, sie müssten mich aufgrund meines fortgeschrittenen Alters schnell noch besetzen.

profil: Sie waren gerade mit zwei Filmen bei den Festspielen in Venedig, nun kommen Sie diese Woche für eine kleine Werkschau zum "/slash"-Festival nach Wien. Danach reisen Sie gleich wieder zu Dreharbeiten?
Kier: Ja, weiter nach Kroatien, wo ich mit Geraldine Chaplin einen Film über den untergetauchten belgischen König drehe - drei Wochen wird das dauern, dann geht es ab nach Luxemburg, wo ich sechs Wochen lang in einer Produktion namens "The Skinwalker" auftreten werde. Ende November geht es endlich wieder nach Hause, zurück zu Plastikpferd und Swimmingpool. Aber zuerst komme ich endlich wieder nach Wien und checke gleich im Sacher ein, meinem Lieblingshotel, wo ich Nusskuchen schon zum Frühstück essen kann.


Ich wurde nicht mit dem silbernen Löffel im Mund großgezogen, wuchs in einem Kölner Vorort in einfachen Verhältnissen auf.

profil: Ihre Viennale-Aufenthalte sind legendär. Woher rührt das gute Verhältnis zu Wien?
Kier: Tatsächlich ist Wien einer der wichtigsten Orte meines Lebens, ich habe hier "Schamlos" gedreht, meinen ersten Spielfilm, der vor genau 50 Jahren in die Kinos kam. Ich wollte immer in der Blutgasse leben. Dort klingt es am schönsten, wenn nachts die Fledermäuse fliegen. Ich wurde nicht mit dem silbernen Löffel im Mund großgezogen, wuchs in einem Kölner Vorort in einfachen Verhältnissen auf. Für die Hochschule hatte meine Mutter kein Geld, also machte ich eine kaufmännische Lehre, verschwendete drei Jahre meines Lebens, ging aber dann nach England. In London wurde ich entdeckt, hatte natürlich keine Ahnung und keinerlei Ambition, Schauspieler zu werden, ließ mich trotzdem überreden, in einem Kurzfilm mitzuwirken. Kurz danach nahm mich die Künstleragentur William Morris unter Vertrag. In "Schamlos" spielte ich, mit 23, einen Gangsterboss in der Wiener Unterwelt. Gleich der nächste Film, mein erster in Farbe, wurde wieder in Österreich gedreht, in Mauterndorf im Lungau - der Horrorfilm "Hexen bis aufs Blut gequält".

Udo Kier in "Schamlos" (1968)

profil: Hat da nicht der Ex-Heimatfilm-Star Adrian Hoven, der später in Fassbinders innerem Kreis landete, Regie geführt?
Kier: Adrian übernahm die Inszenierung irgendwann von einem Briten, der das Handtuch geworfen hatte. "Hexen bis aufs Blut gequält" avancierte zum Kultfilm - auch weil er über exzellentes Marketing verfügte. Draußen stand zu lesen: "Nichts für schwache Herzen!" Und mit der Eintrittskarte bekam man eine Kotztüte ausgehändigt. Ein paar Exemplare haben sich erhalten, die kann man heute um 300 Euro im Internet ersteigern.

profil: Hatten Sie in dem Film nicht eigentlich eine romantische Rolle?
Kier: Ja, ich hieß Graf Christian von Meruh, war der Assistent des Hexenjägers und verliebte mich leider in die Chefhexe. Aber Wien ist für mich wichtig geblieben. Mit David Schalko drehte ich 2014 "Altes Geld", sprang für den schwerkranken Gert Voss ein. Erst wollte ich nicht - ich traute mir einfach nicht zu, den König des Burgtheaters zu ersetzen. Aber David überzeugte mich. Mit ihm machte ich im vergangenen Winter die Serie "M -Eine Stadt sucht einen Mörder": Ich spiele einen Mann im Pelzmantel, der durch den Schnee stapft und unwissentlich den Serienmörder fotografiert, der Wien terrorisiert.


Irgendwann hab ich mich einfach geweigert, Mengele oder Eichmann zu spielen.

profil: Warum werden Sie eigentlich so oft in Schockern besetzt? So diabolisch sehen Sie eigentlich gar nicht aus.
Kier: Eben deshalb. Wenn jemand ein sehr brutales Gesicht hat, erwartet doch jeder, dass er den Mörder spielt. Bei mir ist das anders. Sehen Sie, es gibt zwei Wege, im Kino jemanden zu erschießen: Man kann den Revolver nehmen und brüllen "Ich werde dich töten", dann schießen. Öde. Oder man sitzt an einem Tisch, die Waffe liegt vor einem, und man reinigt sich erst noch in aller Ruhe die Fingernägel, ehe man sein Gegenüber kaltblütig tötet. Das findet man viel fieser. Deshalb liebe ich beispielsweise Christoph Waltz so, mit dem ich unlängst "Downsizing" gedreht habe.

profil: Wird man als Deutscher in Amerika nicht oft als Nazi besetzt?
Kier: Das hat sich ein bisschen gebessert. Irgendwann hab ich mich einfach geweigert, Mengele oder Eichmann zu spielen.

profil: Adolf Hitler stellen Sie aber nach wie vor gern dar.
Kier: Na gut, aber nur, wenn er, wie in "Iron Sky: The Coming Race", auf dem Mond einen Dinosaurier reitet und Wolfgang Kortzfleisch genannt wird. Das ist ja Comedy.

profil: Sie haben den Diktator schon 1989 für Christoph Schlingensief verkörpert, in "100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker".
Kier: Ja, das war auch schön, den alten Hitler zu spielen, der den Rotwein aus dem Keller holt und die großdeutsche Landkarte umarmt. Christoph liebte ich sehr; nachdem Fassbinder 1982 gestorben war, blieb er als einziger wunderschön Wahnsinniger des deutschen Films zurück. Mitte der 1980er-Jahre lernte ich ihn in einer Bar in Berlin kennen, da saß er mit einer jungen Frau. Es war so voll, dass wir mit unseren Weingläsern zu dritt unter den Tisch gingen, um uns dort weiter zu unterhalten. Später fand ich heraus, dass die Frau Tilda Swinton war - und wir beschlossen, gemeinsam einen Film zu drehen; daraus wurde "Egomania". Mit Schlingensief drehte ich danach weitere sechs Filme. Inzwischen war ich aber auch Lars von Trier über den Weg gelaufen, dessen Film "Element of Crime" mich zutiefst beeindruckt hatte. Ich erwartete eigentlich jemanden in Leder oder streng schwarz gekleidet, wie Kubrick oder Fassbinder, sich kratzend und schlecht gelaunt. Stattdessen kam ein junger Mann an, der aussah wie ein Student - das war Lars von Trier.

Tilda Swinton und Udo Kier in Christoph Schlingensiefs EGOMANIA

profil: In den frühen 1990er-Jahren hatten Sie einige Projekte mit Madonna. Sie wirkten an ihrem berüchtigten "SEX"- Bildband mit, traten 1992 auch in ihrem Video "Deeper and Deeper" auf. Haben Sie noch Kontakt?
Kier: Nein, aber ich hab ihr vor ein paar Wochen zu ihrem 60. Geburtstag gratuliert. Madonna lernte ich in New York kennen, gemeinsam mit dem Fotografen Steven Meisel. Es ging um ein gewagtes Fotobuch, in dem ich Madonnas dekadenten Ehemann darstellen sollte, der in Sexclubs verkehrt. Sie fragte mich, ob ich auch für Hardcore-Fotos zur Verfügung stehen würde. Ich sagte: "Ja natürlich, gerne." Die Fotosession fand statt, und wenig später spielte ich in einem Musikvideo ihren Guru. Danach schickte Sie mir eine Ansichtskarte, in der sie sich für meine Performance mit den Worten "You are a madman!" bedankte.


Ich habe niemals einen berühmten Regisseur darum gebeten, mich zu besetzen. Wäre ich ehrgeizig, wäre ich schon tot.

profil: Eine Auszeichnung.
Kier: Ja. Wenn Madonna das sagt, wird wohl was dran sein.

profil: Sie scheinen im Kino zu allem fähig zu sein: Sie haben Vampire und Transvestiten, Dr. Jekyll, Jack the Ripper und Papst Innozenz VIII. gespielt.
Kier: Mir macht das Spaß. Ich habe diesen Beruf ja im üblichen Sinne nie erlernt. Ich liebe Film, aber wäre ich nicht Schauspieler geworden, hätte ich den Beruf des Gärtners gewählt. Gartenarbeit finde ich extrem befriedigend. Vor ein paar Tagen habe ich übrigens eine 150 Pfund schwere Schildkröte geschenkt bekommen, die ich jetzt versorgen muss. Sie heißt Hans und überprüft gerade mein Grundstück, sucht vor allem nach Fluchtmöglichkeiten. Aber Hans mag die Kakteenblätter, die ich ihm gebe.

profil: Sie sagten kürzlich, dass Sie schon den Begriff "Hollywood" nicht mögen, den Ort selbst noch viel weniger. Warum arbeiten Sie dann dort?
Kier: Hollywood ist auf Sand und Titten gebaut. Der Sand war schon da, als die Herren kamen, um die Filmstudios zu gründen. Dann kamen die Titten. Einige der großen Stars wurden in Puffs entdeckt.

profil: Klingt nach einem perfekten Ort für Sie.
Kier: Ich bin eben Arbeiter in einer Fabrik. Da geht es leider nur um Geld.

profil: Sie haben einmal gemeint, Sie seien überhaupt nicht ehrgeizig.
Kier: Nein, bin ich auch nicht. Ich habe niemals einen berühmten Regisseur darum gebeten, mich zu besetzen. Wäre ich ehrgeizig, wäre ich schon tot.

profil: Tot?
Kier: Wenn ich Ehrgeiz gehabt hätte, wäre ich schon in frühen Jahren berühmt gewesen - ich war ja sehr fotogen. Dann wäre ich sehr wahrscheinlich drogenabhängig geworden, damit hätte ich mich früher oder später umgebracht.

profil: Tatsächlich begann Ihre Karriere 1973, als Sie für Andy Warhols Hausregisseur Paul Morrissey erst Baron Frankenstein, dann Graf Dracula darstellten. Wie erlebten Sie Warhol?
Kier: Wir drehten in Rom, und Andy kam für ein paar Pressefotos zu uns, mit seinem Dackel auf dem Arm. So rutschte mein Gesicht in Hochglanzmagazine, in die "Vogue" etwa. Ich hatte erst nur einen Vertrag für "Flesh for Frankenstein", saß nach den Dreharbeiten in der Kantine der Cinecittá-Studios. Fellini drehte nebenan, seine skurrilen Gestalten schwirrten durch die Räume. Warhol hatte bekanntlich proklamiert, jeder sei 15 Minuten lang berühmt -und der Frankenstein-Film seien eben meine 15 Minuten gewesen. Aber Morrissey wollte mich auch als Dracula haben; ein deutscher Vampir, das fand er gut. Einzige Bedingung: Ich musste fünf Kilo in einer Woche abnehmen. Also hab ich bis zum ersten Drehtag nichts mehr gegessen, war dann aber so schwach, dass ich im Rollstuhl sitzen musste. Das sah dann natürlich großartig aus: ein Vampir im Rollstuhl! Sie sehen: Nicht nur Robert De Niro bereitet sich physisch auf seine Rollen vor, auch Udo Kier tut das!