© Ulrich Seidl Film

Kino
04/03/2022

Ulrich Seidls "Rimini": Eine Winterreise

Ulrich Seidls jüngste Existenzstudie kreist um Familie, Rache, Sex – und Schlagermusik. Ein Gespräch mit dem Regisseur und den Komponisten des Films.

von Stefan Grissemann

Die Lebenslinien eines Brüderpaars (gespielt von Michael Thomas und Georg Friedrich) bilden den Kern der neuen Doppelarbeit des Wiener Filmemachers Ulrich Seidl. „Rimini“, der erste der beiden Filme, macht nun, neun Jahre nach seinem letzten Spielfilm („Paradies: Hoffnung“), den Anfang (Ö-Kinostart: 8. April): In der Trostlosigkeit der winterlichen Adriaküste geht ein alternder Schlagersänger seinem Gewerbe nach und verdient sich mit Liebesdiensten und Betrügereien seinen Lebensunterhalt, mehr schlecht als recht. Bis ihn seine wütende Tochter (Tessa Göttlicher), die er noch als Kleinkind im Stich gelassen hatte, heimsucht – mit der Forderung nach Geld, das er naturgemäß nicht hat.

Das eigentliche emotionale Zentrum des Films aber liegt im letzten Kinoauftritt des Schauspielers Hans-Michael Rehberg, der in der Rahmenhandlung den dementen, in seiner NS-Vergangenheit isolierten Vater der Brüder spielt. Die gewaltige Finalsequenz in „Rimini“ bewegt sich von den Schlageridyllen weg zum Drama in Richard Taubers Interpretation der „Winterreise“ Schuberts. Die Musik spielt in „Rimini“ also die Hauptrolle, das Album zum Film soll am 20. April in der Wiener Eden-Bar präsentiert werden. Im profil-Interview geben neben Seidl selbst nun Fritz Ostermayer und Naked-Lunch-Mitgründer Herwig Zamernik (auch bekannt als Fuzzman), die Komponisten der Schlager, die Michael Thomas so stilecht über die Bühne bringt, Auskunft über die Kooperation und ihre Liebe zu den Glücksversprechen des deutschen Schlagers.

profil: Gab der Schauspieler Michael Thomas, der ja ein bestechender Amateur-Crooner ist, den Anstoß für die Konzeption von „Rimini“?

Ulrich Seidl: Die Idee dieses Films und dieser Figur war immer Michael Thomas.

profil: Schon in Ihren frühen Filmen findet sich viel Schlagermusik. Was genau sehen Sie darin?

Seidl: In meinem Elternhaus hörten die Dienstmädchen während der Hausarbeit gern Schlagermusik. In den 1970er-Jahren dann lauschten wir Samstagabend natürlich der Hitparade, dort tauchten neben der Popmusik auch deutsche Schlager auf. Das hat mich also immer begleitet. Und ich war dabei, als Michael Thomas erstmals öffentlich sang; wir saßen, als wir „Import Export“ vorbereiteten, eines Abends in Ushgorod in der Ukraine in einer Bar, da spielte eine Zweimannband und berieselte die Leute. Michael stand plötzlich ungefragt auf, nahm sich das Mikrofon und fing an, Songs wie Sinatras „My Way“ zu singen. Es war faszinierend zu sehen, wie er in Sekundenschnelle das Publikum fesseln konnte. Das war mein Ur-Erlebnis zu dieser Idee. Von da an wollte ich Michael Thomas und seine Art zu leben mit der Biografie eines Schlager singenden Entertainers verbinden. Zunächst planten Veronika Franz und ich diese Geschichte für einen Episodenfilm über Massentourismus, der aber unrealisiert blieb. Richie Bravo wäre da in einem Ferienresort, einem All-Inclusive-Club, der Entertainer gewesen. Jahre später fiel mir diese Geschichte wieder ein.

profil: Sehen Sie die Schlagermusik, die er singt, als abgründig?

Seidl: Im Gegenteil. Menschen, die Schlager hören, identifizieren sich mit den Inhalten. Es geht immer um die Liebe, die Sehnsucht danach, um die Unvollkommenheit, um den Schmerz des Verlassenwerdens, um die Melancholie und die Sentimentalität. Schlagermusik macht glücklich und lässt leiden. Das ist natürlich Geschmackssache. Viele machen sich darüber lustig, weil sie das alles kitschig finden, ich habe aber Achtung vor einer so gefühlsintensiven Musik.

profil: Fritz Ostermayer setzt sich bereits seit Jahrzehnten mit Schlagern auseinander, Sie auch, Herr Zamernik?

Herwig Zamernik: Ich bin, ähnlich wie Ulrich Seidl, mit Schlagermusik aufgewachsen, weil mein Vater sie liebte; meine Mutter dagegen hasste sie, hörte lieber Free Jazz. Die Beziehung meiner Eltern ging daher irgendwann mit einem lauten Knall in die Brüche. Dann hab ich mich vom Schlager allerdings abgewendet, lieber extremen Metal, Grindcore gemacht. Da gibt es durchaus eine Verwandtschaft: Es sind zwei vollkommen unironische Musikrichtungen. Ich liebte es als Kind, beim Autofahren Schlager zu hören. Das sitzt dann im Herzen. Viele Jahre lang habe ich diese Musik verleugnet, aber inzwischen kann ich mich dieser Liebe wieder ganz frei hingeben.

profil: Sie sehen auch nichts Verstörendes in der Schlagermusik, Herr Ostermayer?  

Fritz Ostermayer: Abgründig wird ein Schlager erst, wenn der richtige Regisseur diese Songs in ein gegenteiliges Setting setzt: Dann wird es dämonisch. David Lynch lässt den großartigen Roy Orbison in „Blue Velvet“ teuflisch klingen. Das ist aber speziell aufgeladen. Stell’ das kleine Schlagerding in den richtigen Kontext, und es wird monströs.

profil: Die Musik musste ja, anders als bei Filmproduktionen üblich, in Ihrem Fall schon fertig sein, ehe gedreht wurde. Wie lief die Arbeit?

Seidl: Fritz und Herwig machten das, ohne dass ich mich einmischen musste. Sie haben zudem das große Kunststück zustande gebracht, diese Musik mit Michael Thomas einzustudieren. Denn er hatte sich dagegen ja von Anfang an gewehrt – er wollte nicht zum deutschen Schlagersänger werden. Er sah sich anders.

profil: Als Crooner eher.

Ostermayer: Als spätes Ehrenmitglied des Rat Pack.

Zamernik: Der Michael ist ein starker, stolzer Mann. Er hat auch ein großes Herz, so merkte er bald, dass wir weder ihn noch die Musik verarschen wollten. Dass uns wahrer, echter Schlager am Herzen liegt. Und dann war es auch sehr schön, mit ihm daran zu arbeiten. Er ruft mich seither immer wieder an, zu welcher Tages- oder Nachtzeit auch immer, um mir zu sagen, wie wunderschön die Lieder seien, die wir ihm da komponiert hätten. 

Seidl: Michael hat stets eine Art Außenblick, auch als Schauspieler. Er wollte einfach dieses Bild nicht, von dem er fürchtete, es vor der Welt abzugeben: einen Sänger deutscher Schlager darzustellen.

Zamernik: Ja, da brauchte er ein bisschen Zeit. Aber irgendwann vertraute er uns, und er fand heraus, dass er damit auch als Sänger brillieren konnte, das war ihm wichtig, und ab dann floss es reibungslos. Wir schrieben für ihn also eine Art musikalischer Biografie, gaben ihm diesen Halt.

Ostermayer: Wir erzählten über die Songs von seinem Leben: Natürlich musste es auch für ihn, wie bei Udo Jürgens, einen Trinkschlager geben. Und nach Herz und Schmerz musste unweigerlich der Tanz in einer Kaschemme kommen.

profil: Sie komponierten eher getrennt, schrieben nur einen Song gemeinsam?

Zamernik: Wir haben schon immer wieder auch darüber debattiert und an Texten gefeilt.

Ostermayer: Jeder von uns hatte eine Strophe oder den Teil eines Refrains, und dann saßen wir oft da und überlegten gemeinsam, wie die nächste Zeile lauten könnte. Manchmal ging das ruckzuck, manchmal musste man es vertagen oder den Geistesblitz eben zuhause, am Klo oder im Bett, erwarten.

Zamernik: Wichtig war auf jeden Fall, gemeinsam den einen oder anderen Doppelliter Wein zu konsumieren. Dies erleichterte es einem sehr, das richtige Feeling für den Schlager zu mobilisieren.

Seidl: Das war allerdings zu merken. Habt ihr wirklich aus Dopplern getrunken?

Ostermayer: Nein, nein, das war nur eine Metapher! Ulrich Seidl kam doch ein paarmal vorbei, um zu hören, in welche Richtung sich die Songs entwickelten. Das war wie Rotkäppchen, das zur Großmutter kam: In seinem Weidenkörbchen lagen exquisite Weine, feiner Speck und bester Käse sowie pralle Brotlaibe. Seidl saß da und schnitt die Ware auf, als wären wir bei einer Bergjause. Das war dermaßen rührend. So etwas lasse ich mir von einem Produzenten gern gefallen.

profil: Sie beschwören das Große des scheinbar richtigen Gefühls im ganz falschen, synthetischen Rahmen des Schlagers. In dessen Worthülsen – „Träum ich Träume aus Gold“ und „bis ans Ende der Zeit“ – verbergen sich doch kaum authentische Gefühle.

Zamernik: Was soll an solchen Phrasen denn unauthentisch sein? Wenn man „Nur mit dir will ich sein, bis ans Ende der Zeit“ singt, sind das keine leeren Worthülsen. Wer bis über beide Ohren verliebt ist, denkt in genau diesen Begriffen. Ich jedenfalls. Warum also sollte man sie in einem Liebeslied nicht einsetzen?

Ostermayer: Da stimme ich dir schon zu, aber die Metaphern sind seit Anbeginn des Schlagers sehr ähnlich. Eine Phrase wie „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ war deshalb schon sehr avanciert, das war neu. Auch weil sie das Unendliche der Liebe ins Universum ausdehnt. Der Schlager ist genau so authentisch, wie Method Acting authentisch ist: Man arbeitet mit Versatzstücken, die in Summe und im besten Fall etwas sehr Genuines ergeben können. Aber natürlich hat ein Schlager seine Begrenzungen, er ist ein Käfig. Wer ihn verlässt, produziert keine Schlager mehr. Herz reimt sich auf Schmerz, das kann man auch paraphrasieren. Aber wenn es sich nicht ständig reimt, haben wir es ohnehin schon mit einem avantgardistischen Schlager, wie Howard Carpendales genialer „Dann geh doch“ einer ist, zu tun.

profil: Spätestens ab den 1970er-Jahren begann man die Schlagermusik zu belächeln.

Ostermayer: Ja, aber in den 1980ern benutzte man sie auch wieder ironisch, als der für mich so hassenswerte New-Wave-Schlager aufkam. Nur Trio waren gut – Stephan Remmler war ein hervorragender Schlagersänger.

profil: Wer stand Pate bei Ihren „Rimini“-Songs?

Ostermayer: Als Herwig mir die fast fertige Komposition „Amore mio“ präsentierte, dachte ich sofort an Drafi Deutscher in seiner „Jenseits von Eden“-Phase.

Zamernik: Ich muss aber  gestehen, dass ich mich in solche Aufträge stürze, ohne an Vorbilder zu denken. Mich hat eher der Mensch Michael Thomas inspiriert, mit dem ich mich im Lauf der Arbeit anfreundete.

profil: Sollten die „Rimini“-Songs versteckt subversiv sein?

Ostermayer: Nein. Subversion wäre ja fast schon Ironie. Richie Bravo Subversion anzudichten liefe erstens den Intentionen des Regisseurs gänzlich zuwider und zweitens auch meinem Verständnis des Genres; mir geht ja schon auf die Nerven, wenn die Schlager sozialkritisch werden: Udo Jürgens’ „5 Minuten vor 12“, das ist schlimm! Ein Schlager hat bei Melancholie, Sentiment, Liebe und Verlust zu bleiben.

profil: Aber ist der Schlager, wenn man ihn ernst nimmt, nicht auch gefährliches Terrain, weil ja auch viel Unbefugtes damit passiert? Er wird doch vielfach belächelt; Heino tritt aus Voyeurismusgründen mit Rammstein auf – und Roberto Blanco mit einer Metal-Band.

Seidl: Für mich ist der Umgang anderer Leute mit der Schlagermusik keine Gefahr. Mir erschien es richtig, sie ernst zu nehmen und korrekt singen zu lassen. Wäre Richie Bravo ein Zyniker, der seine Fans verachtete und nur aufträte, um Geld zu verdienen, dann wäre diese Figur gescheitert. Er ist aber ehrlich.

profil: Kann man ein derart verachtetes Genre vor der Arroganz der Pseudoauskenner und der Geschmackselite retten, die über Leute wie Richie Bravo lachen?

Seidl: Nein.

Zamernik: Muss man auch nicht.

Seidl: Das gilt ja für jede Art von Werk: Man erreicht all jene, die sich dafür nicht interessieren oder es falsch verstehen wollen, eben nicht.

Ostermayer: Zyniker kann man nicht stoppen.

profil: Betrachten Sie den Schlager als Kunst – oder als Kunstgewerbe?

Zamernik: Wo fängt die Kunst an?

Ostermayer: Wer den Schlager von der Kunst ausschließt, schließt auch einen gigantischen Teil des Publikums aus, das dann gleichsam zu blöd wäre, die „richtige“ Kunst zu verstehen. Schon deshalb ist mir dieses Denken so unsympathisch, dass ich schon deshalb den Schlager ganz dringend zur Kunst rechnen will. Ob er vielleicht bloß „abgesunkenes Kulturgut“ sei, wie gern behauptet wird, ist mir dann auch egal. Wer bestimmt das denn? Die Hierarchie-Instanzen haben doch auch keine Ahnung. Zuerst war die sogenannte Weltmusik die populärste Musik überhaupt, die alle Grünen einte – und plötzlich kam sie in Verruf, weil sie nichts anderes ist als cultural appropriation. Jede Zensurstelle hat ihr Ablaufdatum, dann wird sie durch eine andere ersetzt. Alexander Kluge nimmt Schlager so ernst, dass er sie sogar „Dreiminuten-Opern“ nennt.

Zamernik: Schlagersänger, die nicht spüren und fühlen, was sie singen, werden auch niemals erfolgreich sein.

Seidl: Roy Black liebte Schlagermusik allerdings nicht sehr, oder?

Zamernik: Stimmt schon. Er hätte zwar lieber Rock’n’Roll gemacht, hat dann aber doch aus vollem Herzen Schlager gesungen. Roy Black mag ein Gegenargument sein, er ist aber auch die Ausnahme. Es ist ja interessant, dass Leute, die meinen, Schlager seien so leicht zu schreiben, dann eben doch nur Plattheiten hinkriegen.

Ostermayer: Roy Black war ein Zerrissener, er war ein Rock’n’Roller mit einer zu samtenen Stimme. Er wollte eigentlich keine Schlager singen, fand das viele Geld, das er damit machte, dann aber doch verlockend. Ich durfte mich einmal lange mit Roy Black unterhalten, er gastierte in der Spätphase seiner Karriere in einem Bierzelt im burgenländischen Schattendorf, wo ich herkomme. Er fiel von der Bühne, wurde von Verehrerinnen mit Blumen überhäuft, es war irrwitzig. Und er erzählte mir später, dass er die Musik, für die er so geliebt wurde, für Dreck hielt. Viel lieber sprach er über Bands wie Joy Division, Gang of Four und The Human League. Er kannte sich wirklich aus! Aber als Zerrissener ging er dann ja auch zugrunde.

profil: Haben Sie Ihren Musikern mitgeteilt, in welche Richtungen die Texte gehen sollten?

Seidl: Eigentlich nicht, uns war allen klar, worauf wir hinauswollten.

Ostermayer: Stimmt. Wir wussten unausgesprochen, welche Art von Schlager wir meinten.

profil: Wie nennt sich diese Art denn?

Ostermayer: Sehnsuchtsschlager.

profil: Sind nicht alle Schlager Sehnsuchtsschlager?

Ostermayer: Eben nicht. Vom sozialkritischen Schlager haben wir schon gesprochen. Und dann gibt es noch den von mir sehr geliebten Todesschlager, den etwa Christian Anders bestens beherrscht – aber diese Musik kann man einem Richie Bravo nicht unterjubeln.