Viennale 2014: 14 Tage Dauerlichtbeschuss

Viennale 2014: 14 Tage Dauerlichtbeschuss

Kinogeschichte und Filmaktualitäten gehen hier locker ineinander über.

Feuer und Zeit: Die züngelnden Flammen am Plakat zur diesjährigen Viennale nehmen sich zwar vergleichsweise unoriginell aus, gemeinsam mit dem meditativen Trailer aber, den der 105-jährige Portugiese Manoel de Oliveira gestaltet hat, ergeben sie aber Sinn: Um das Verrinnen der Zeit, in dem 66-Sekunden-Film an einem Brunnen augenfällig gemacht, im Kino wahrnehmen zu können, ist Licht unabdingbar, besser noch: das weiterzutragende Feuer der Leidenschaft für die siebente Kunst.

Schwindlig könnte einem werden bei der Vorstellung, man müsste jeden der rund 300 Filme, die im Rahmen der Viennale nun zwischen 23.10. und 6.11. zur Österreich-Premiere kommen, vorab systematisch auf seine mutmaßlichen Qualitäten prüfen. Wie jedes Jahr wird man auch heuer nicht umhinkommen, das Risiko auf sich zu nehmen, den falschen Film gewählt zu haben - aber eben auch das Hochgefühl erleben können, in Vorführungen, in die man eher zufällig, wegen eines Fotos oder eines flüchtigen, aufgeschnappten Ratschlags, geraten sein mag, etwas Ungeheuerliches, Unwiederholbares zu entdecken.

So ist das gewohnt hochklassige Programm der Viennale auch heuer: ein wilder Mix aus angewandter Kinophilosophie und klugem Entertainment, aus politischem Bildungsprogramm und ästhetischer Überforderung, ein Bas-tard der Stile, Ideen und Geschichten. Neben dem üblichen Best-of an Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilmen (darunter Neues von Christian Petzold, Lisandro Alonso, Olivier Assayas, Pascale Ferran, Fred Wiseman, James Benning und Thomas Heise, von Mara Mattuschka, Dietmar Brehm, Johann Lurf und Dorit Margreiter) widmet sich ein fein kuratiertes Spezialprogramm Avantgarde- und Semi-Amateurfilmen, die im 16mm-Format entstanden sind. Den ideologisch wachsamen Filmen des Algeriers Tariq Teguia gilt eine Hommage; eine Werkschau zur Arbeit des im Juli verstorbenen Kunst-und Kinoessayisten Harun Farocki verleiht der Viennale zusätzliche Trennschärfe. Das Filmarchiv Austria steuert eine Personale des Wiener Schauspielers und Regisseurs Fritz Kortner bei.

Die bereits laufende Viennale-Retrospektive zur Arbeit des irischstämmigen US-Visionärs John Ford (1894-1973) bietet zwischendurch (bis 30.11.) die Gelegenheit, sich vom Assoziationsstrom der Gegenwärtigkeiten in den großen Fluss der Kinohistorie zurückzuziehen. Mit seinen Western (Hauptwerke: "The Searchers“, 1956; "Stagecoach“, 1939; "My Darling Clementine“, 1946; "The Man Who Shot Liberty Valance“, 1962) wurde Ford weltberühmt, aber viele seine Kriegsfilme ("They Were Expendable“, 1945) oder Biopics ("Young Mr. Lincoln“, 1939) sind den Western ebenbürtig. Regieführen sei keine Kunst, stellte Ford einst trocken fest, das könne jeder, der das Handwerk gelernt habe - und letztlich gehe es ohnehin nur um eines: die Augen der Menschen zu fotografieren. Das Feuer, das darin lodert, kann nur die Zeit ersticken.

Foto: "Zwei Tage, eine Nacht" (Marion Cotillard)