Zentrum für Politische Schönheit: Eskalation jetzt!

Tiger im Container. Die an Christoph Schliengensief erinnernde Aktion "Flüchtlinge fressen"

Tiger im Container. Die an Christoph Schliengensief erinnernde Aktion "Flüchtlinge fressen"

Im Zusammenhang mit dem Ibiza-Video wird nun auch das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ins Spiel gebracht. Zwar deutet derzeit wenig auf eine Beteiligung des deutschen Kunstkollektivs hin, doch mit vergleichbaren Aktionen reizt es das Spannungsfeld zwischen Utopie und Realität aus.

Sie sprechen von „radikaler Humanität“, die ihre Arbeit antreibe, und von der Herstellung „moralischer Hochdruckkammern“. Tatsächlich gehört das deutsche Aktionskunstkollektiv, das sich Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) nennt, zu den spannendsten Erscheinungen im gegenwärtigen Kulturbetrieb. Seit über zehn Jahren realisiert die Gruppe erstaunlich kompromisslose, daher zuverlässig aufsehenerregende öffentliche Performances, die von Mahnmalprojekten über die symbolische Aushebung von Flüchtlingsgräbern vor dem Berliner Reichstagsgebäude bis zu Ideen wie der geplanten eBay-Versteigerung der deutschen Kanzlerin reichen. Die favorisierten Angriffsziele des ZPS: rechtspopulistische und rechtsextreme Politik, schlampiger Umgang mit dem Holocaust, politische Hetze gegen Geflüchtete.

Puls der Zeit

Die Zeiten erfordern härtere Taktiken und beißenden Witz – so sieht es jedenfalls das ZPS. Mit gutem Willen, sozial wertvollen Ideen und verbindlichen Ansagen richtet man gegen die Rechts-Bewegungen, die weltweit expandieren, nicht mehr viel aus. Seit das Ibiza-Video vor zwei Wochen wie eine Bombe hochging, kommt das ZPS nicht aus den Schlagzeilen heraus. Es habe das Video „erworben“ und weiterverbreitet, behaupteten ZDF und „Frankfurter Allgemeine“; es zumindest vorab erhalten, mutmaßte „Die Presse“ – und auch aus dem weiteren Umfeld der Gruppe hört man, dass ZPS-Aktivisten in privater Runde durchaus Wert darauf legen, an Straches Ibizagate beteiligt gewesen zu sein. Offiziell freilich dementiert das Zentrum vehement jede Mitwirkung an der Distribution des belastenden Videomaterials. Weil das ZPS aber bereits kurz vor der Veröffentlichung dieser Bilder durch „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ Hinweise auf das Ibiza-Video twitterte, liegt der Verdacht nahe, es könnte mehr damit zu tun haben, als es selbst (derzeit) zugibt.

Brücke zwischen Afrika und Europa. Werbespot zur "Rettungsinitiative" 2015

Brücke zwischen Afrika und Europa. Werbespot zur "Rettungsinitiative" 2015

Die Kunstaktionen dieser Künstlergruppe messen den Puls der Zeit. ZPS beschäftigt sich mit den großen Übeln der Gegenwart: dem Sterben im Mittelmeer, Rüstungsexporten und dem neuen Faschismus. „Haltung als Handlung“ ist die Devise der selbst ernannten Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Toleranz. Das Material ihrer Kunst sind die sozialen Zustände, das ästhetische Verfahren ist politisches Handeln. Die Vorgangsweise des Zentrums ist performativ und interventionistisch. Philipp Ruch, Chefgesandter des ZPS, geißelt die Unfähigkeit der Demokratie, große Menschenrechtler hervorzubringen.

Finanziert wird das ZPS gegenwärtig von 2500 „Komplizen“, fördernden Privatpersonen, die sich für die „Erregung öffentlicher Unruhe“, für „Aufruhr und Dissens“ interessieren und „Eskalation möglich machen“, wie es auf der Website der Gruppe heißt. Ihr innerer Kreis umfasst weit über 100 Aktivisten.

Die Kunst ist frei

Als eine spezielle Spielart des Enthüllungsjournalismus verstehen die mittlerweile enttarnten Hersteller des Videos ihre Arbeit: Der Wiener Anwalt M. nennt die heimlichen Aufnahmen ein „zivilgesellschaftlich motiviertes Projekt“. Genau dies beansprucht aber auch das ZPS für seine Arbeit. Philipp Ruch beantwortet die Frage, wie man als Kunstschaffender Europas Rechtspopulisten zu Leibe rücken soll oder kann, im profil-Interview so: „Das Strache-Video macht das schon recht deutlich: Man sollte mit Nazis reden, aber mit versteckter Kamera.“

Kunstpolitischer Aktivismus darf – und muss – weit gehen, so Ruch. Sieht er sich verpflichtet, wenigstens die Grenzen des Strafrechts einzuhalten? „Beim Verhältnis von Kunst und Gesellschaft geht es immer um die Kollisionen verschiedener Rechte. Die Gerichte müssen da abwägen. Die Kunst ist frei. Diese Wertschätzung haben die Väter (und vier Mütter) der deutschen Verfassung unmissverständlich garantiert.“

ZPS-Sensenmann vor dem deutschen Bundestag 2015

ZPS-Sensenmann vor dem deutschen Bundestag 2015

Wären die Drahtzieher der Ibiza-Aktion tatsächlich Künstler, wie würde das Gericht im Falle einer Verhandlung wohl entscheiden? Die Projekte des ZPS reizen immer wieder die Grauzonen der Legalität aus, was auch schon mal den deutschen Verfassungsschutz auf den Plan ruft. Die Freiheit der Kunst sei nicht nur „ein netter Zusatz einer funktionierenden Demokratie“, hält Ruch fest: „Sie ist ihr Lackmustest. Fällt sie aus, fehlt uns die einzige kritische Instanz neben der vierten Gewalt gegen die Macht. Je zahmer die Kunst ist, desto lahmer und unattraktiver ist die Demokratie.“ Die von Kunstschaffenden begangenen Straftaten „müssen schon erheblich sein, um die Verfassungsgarantie auszuhebeln“, so Ruch weiter: „Christoph Schlingensief hat Anfang des Jahrtausends zur Tötung von Jürgen Möllemann nach dessen antisemitischen Ausfällen aufgerufen. Auch dieser Aufruf war von der Kunstfreiheit gedeckt.“

Politische Kunst will in die außerkünstlerische Wirklichkeit eingreifen und stellt meist das Kollektiv über das Individuelle. Die US-Aktivistengruppe „The Yes Men“, die 1999 mit einer Fake-Website der Welthandelsorganisation bekannt wurde, ist ein Beispiel dafür; aber auch die österreichische „Wochenklausur“ oder die Berliner Politaktivistengruppe „Peng!“ arbeiten aktuell an künstlerischen Interventionen. Der praktische Lebensbezug hat Vorrang gegenüber ästhetischen Fragestellungen, und die Reaktionen auf öffentliche Fehltritte und politische Übergriffe können sehr direkt ausfallen. Als Antwort auf eine Rede von Björn Höcke, in welcher der AfD-Politiker 2017 das Berliner Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman bewusst doppeldeutig als „Denkmal der Schande“ bezeichnete, mietete das ZPS ein Grundstück im thüringischen Bornhagen und reinszenierte die Gedenkstätte aus der deutschen Bundeshauptstadt in kleinem Rahmen vor dem Wohnhaus von Höcke: Tagein, tagaus muss er nun auf ein Stelenfeld blicken.

Mahnmal vor Augen. Nachbau des Berliner Shoa-Denkmals vor dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke.

Mahnmal vor Augen. Nachbau des Berliner Shoa-Denkmals vor dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke.

Mit der Grundüberzeugung gegründet, aus der Geschichte des Holocaust nicht nur zu lernen, sondern auch nach ihr zu handeln, will das ZPS wachrütteln: Es „bringt die Toten von unseren Außengrenzen, für die wir Verantwortung tragen, vor unsere Haustüre, auf unsere Friedhöfe – und holt viele aus der Ohnmacht der Überforderung, als Einzelner nichts machen zu können“, erklärt der Kunstpublizist Raimar Stange. Das ZPS setzt dort an, wo Verantwortliche aussetzen. „Sollten nicht Politiker wieder zu Künstlern werden?“, fragt das ZPS keck. „Oder gleich die Künstler zu Politikern?“

Außerhalb ausgetretener Pfade zu denken und zu handeln, ist seit jeher ein Kennzeichen der Avantgarde. „Bestimmten Verhältnissen dem Leben gegenüber ist Radikalität das einzig Vernünftige, was Humanität noch rettet“, meinte der 2016 verstorbene TV-Schaffende und Intellektuelle Roger Willemsen.

Das Grab einer ertrunkenen Syrerin: Bestattungsaktion als Protest gegen die Asylpolitik der EU

Das Grab einer ertrunkenen Syrerin: Bestattungsaktion als Protest gegen die Asylpolitik der EU

Kunst und Politik sind einander in Österreich selten näher gekommen als in den vergangenen Wochen. Die Ibiza-Aktion bestach in Planung, Realisierung und Veröffentlichung durch Mut, Kreativität und Subversion. In einer Publikation des ZPS, die 2018 erschien, heißt es: „Politische Schönheit sucht das Zentrum vergeblich, schafft es aber, durch Entblößung politischer Logik und die Selbstentlarvung menschenverachtender Taten politisch Handelnder eine Form der moralischen Schönheit heraufzubeschwören.“ Auch in Ibiza fand eine fatale Art der Selbstsabotage statt. Der Versuch einer Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses in Straches Rücktrittsrede setzte die Demaskierung einer Charakterstruktur fort, die in der Videodokumentation jener Nacht begonnen hatte.

War das ZPS also an der Aktion entscheidend beteiligt? Es spricht einiges dagegen. Denn erstens hat die Gruppe, so sehr ihre Aktionen auch im Geheimen geplant sein mögen, bislang stets offen die Autorenschaft beansprucht. Zweitens erschöpfen sich ihre Arbeiten nicht in Konzeption, Ausführung und Veröffentlichung, sondern haben – wie etwa die Inseln, die im Mittelmeer gekenterte Flüchtlinge vor dem Ertrinken hätten retten sollen – immer auch ein visuelles, performatives oder theatralisches Moment. Die künstlerischen Eingriffe des ZPS wollen mehr sein als eine Arbeit aus dem Off: Man löst emotionale Betroffenheit aus, klärt auf und mahnt zum Handeln. Es geht um eine Transformation der Wirklichkeit, um die Utopie, einen Beitrag zu einer pluralistischen Gesellschaft zu leisten.

Aufstehen, Herr Kurz! Schweigeminuten für die Toten im Mitelmeer: ZPS-Performance beim Forum Alpbach 2015

Aufstehen, Herr Kurz! Schweigeminuten für die Toten im Mitelmeer: ZPS-Performance beim Forum Alpbach 2015

Die Politprovokationen des ZPS gehen über Deutschland inzwischen weit hinaus: Eine brisante, gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan gerichtete Flugblattaktion wurde 2017 in Erinnerung an die Zivilcourage der Geschwister Scholl konzipiert und ausgeführt. 2015 stellte man die (natürlich fiktionale) Errichtung einer vierspurigen Autobahnbrücke in Aussicht, die – als „Rettungsinitiative der Republik Österreich“ – Afrika mit Europa verbinden sollte. Und auch zur Eröffnung des Forums Alpbach 2015 trat das ZPS an – mit einer kleiner dimensionierten, aber nicht weniger griffigen Idee: Man ließ den damaligen Außenminister Sebastian Kurz, der im Publikum saß, fünf Mal aufstehen und je eine Gedenkminute für die Toten im Mittelmeer abhalten. Kurz soll, so Ruch sarkastisch, „deswegen heute noch verärgert sein“.

Auf Twitter kommentierte das ZPS im Juni 2018 einen Tweet des Kanzlers, in dem er die dringend nötige Schließung der „Albanien-Route“ betonte: „Wir hätten Dich damals in Alpbach noch öfters aufstehen lassen müssen.“

* Angela Stief, Co-Autorin dieses Artikels, die neben ihrer kunstkritischen Tätigkeit auch als Kuratorin arbeitet, hat das Zentrum für Politische Schönheit – lange vor Bekanntwerden des Ibiza-Videos – zur kommenden Vienna Art Week eingeladen. Zum Motto des diesjährigen Festivals, „Making Truth“, wird das ZPS ab 15. November einiges beizutragen haben.