Angelika Hager: "Fifty Shades of Grey" und fehlende Moral

Angelika Hager: "Fifty Shades of Grey" und fehlende Moral

#hektischeluft: Frauen, die aus inszenierten Schmerzen Lust gewinnen, sind weder krank noch Opfer. Aller politisch-korrekten Erregung zum Trotz.

"Mein Unterbewusstsein fächert sich hektisch Luft zu, während meine innere Göttin in einem lustvollen Rhythmus zu zucken beginnt.“ Eine allerletzte Kostprobe aus "Fifty Shades of Grey“; der Romanvorlage zum Film. Aber wir sind uns ohnehin einig, dass die Literaturvorlage zum Blockbuster grottenschlecht geschrieben und entsetzlich langweilig ist. Letzteres gilt natürlich auch für den Film. Und dennoch ist es völlig legitim für ein Nachrichtenmagazin, ein Phänomen zu untersuchen, das in seiner kommerziellen und popkulturellen Breitenwirksamkeit sogar Harry Potter übertrifft und eine harte Genderschieflage im Konsumverhalten aufweist: Umfragen sprechen von 80 Prozent und mehr Käuferinnen.

profil titelte vergangene Woche "Die Lust an der Unterwerfung“; am Cover war in Schwarzweiß die Rückenansicht einer Frau zu sehen, deren Hände in Handschellen gelegt sind. Mit ähnlichen Bildern haben es Künstler wie Robert Mapplethorpe oder Helmut Newton in die Fotosammlungen der besten Museen der Welt gebracht.

Die Überzeile lautete: "Brauchen Frauen eine strenge Hand?“ Sie war selbstverständlich ironisch gemeint und spielte mit einer schwarzpädagogischen Phrase, die in jener Rubrik einzuordnen ist, in der auch Redensarten wie die von der "g’sunden Watschen, die noch niemandem geschadet hat“ oder jener von "Frauen, die an den Herd gehören“ beheimatet sind. Provokative Coverzeilen, die Stammtisch-kompatible Klischees strapazieren, um zum Nachdenken anzuregen, haben in diesem Magazin Tradition. Anlässlich der Bestellung der ersten britischen Premierministerin 1979 stand auf dem profil-Titelblatt zu lesen "Ist Margaret Thatcher eine Frau?“.

Im selben Jahr, nachdem Bruno Kreisky mehrere Staatssekräterinnen in seine Regierung geholt hatte, folgte "Wozu Frauen in der Politik?“ Man kann sich sicher sein, dass in dieser hitzigen Phase der Frauenbewegung ein liberales Leitmedium wie profil nicht zur Frauendiskriminierung aufrief, sondern die Flagge der Gleichberechtigung hochhielt. Damals konnte jedoch ein Satz, vergleichbar mit der Cover-Frage "nach der strengen Hand“ in der vergangenen Woche, noch nicht kontextfrei seine Reise durch das Netz antreten; Empörungsmultiplikatoren wie Twitter und Facebook existierten nicht. Danke aber, geschätzter @arminwolf, dass Sie besorgt zwitscherten, wie meine Kolleginnen und ich eine solche Titelblatt-Textierung wohl finden, aber ich muss Sie enttäuschen: Sie stammt nicht von der Boygroup aus unserer Chefetage, sondern aus meiner Computertastatur. Doch die Erkenntnis aus der Twitter-Aufregung ist: Ironie funktioniert im Netz nur im deklariert humoristischen Gebiet. Und die Community ist generell für jeden Trigger dankbar, der, egal wie zusammenhanglos auch immer, Erregung zu simulieren imstande ist.

"Falter“-Chefredakteur Florian Klenk postete unsere Covergeschichte "Die Lust an der Unterwerfung“ zuerst mit dem lapidaren Kommentar "Ohne Worte“, wollte die Gelegenheit dann aber doch nicht ungenützt an sich vorüberziehen lassen, jene, denen "das zu tief ist“, auf ein Abo-Angebot seines Periodikums aufmerksam zu machen. Nicht unkomisch, denn schließlich verfasst Hermes Phettberg, Gründer einer sadomasochistischen Initiative, der seine Neigung zur sexuellen Erniedrigung immer wieder auch öffentlich machte, seit Jahrzehnten im "Falter“ eine regelmäßige Kolumne. Aber vielleicht kommt er damit so reibungslos durch, weil er ein Mann ist?


In der Sexualität haben Moral und soziale Verträglichkeit keinen Auftrag.

Dass in der Sexualität und den damit verbundenen Fantasien Kategorien wie Moral und soziale Verträglichkeit keinen Auftrag haben, ist spätestens seit Sigmund Freud ein bekanntes Faktum, das man auch durch politisch-korrekte Ordnungsrufe nicht ändern kann. Dass die profil-Geschichte über kulturhistorische, evolutionsbiologische, psychoanalytische und sexualtherapeutische Erklärungsmodelle zum Thema weiblicher Masochismus "eine ordentliche Portion Misogynie“ in sich trage, wie die Vorsitzende des österreichischen Frauenrings Christa Pölzlbauer anmerkte, ist ein ungerechtfertigter Vorwurf. Denn Sadomasochismus präsentiert eine erotische Kulturnische, in der das Rollenspiel von Unterwerfung und Dominanz klar festgelegt wird und auf Freiwilligkeit basiert. Und nein, Frauen, die aus formalen Erniedrigungsritualen Lust gewinnen, sind weder krank noch Opfer und müssen auch nicht von Frauenbeauftragten gerettet und umerzogen werden. Sie leben durchaus auch ein emanzipiertes, selbstbestimmtes Leben. "Es ist nur plausibel“, schreibt Nina Pauer in der "Zeit“, dass "sich heute, wo Frauen Männer in Ausbildung und Arbeitspensum abhängen und Familien ernähren, der Topos des ausgepeitschten Managers um den der ausgepeitschten Managerin erweitert“.

Die Berichterstattung über jene Frauen, die für sich den inszenierten Schmerz entdeckt haben, hat auch wirklich gar nichts "mit einem Affront gegenüber allen jenen“ zu tun, "die sich um ein faires Verhältnis der Geschlechter und um eine gewaltfreie Gesellschaft bemühen“, wie Andrea Brunner, SPÖ-Bundesfrauengeschäftsführerin, in einem Leserbrief schreibt. Es ist ein statistisch nachweisbar wachsendes Phänomen, das auch dann existiert, wenn man davor die Augen verschließt.

In der Sexualität und all ihren möglichen Spielarten stehen Adjektive wie "fair“ und "gewaltfrei“ häufig auf verlorenem Posten. Unangefochten und unter allen Umständen zu verteidigen müssen jedoch Kategorien wie "einvernehmlich“ und "selbstbestimmt“ bleiben.