Angelika Hager: Midlife-Mums

Angelika Hager: Midlife-Mums

Zuerst Karriere, dann Kinder – doch das Konzept vom späten Mutterglück ist fehleranfälliger als angenommen. Angelika Hager über die Sturheit der Natur, die sich von gesellschaftlichen Wunschvorstellungen nicht so leicht austricksen lässt.

„Wir haben den jungen Frauen Märchen verkauft“, seufzte Anne-Marie Slaughter, 54. Die Politikprofessorin und zweifache Mutter brachte vor einigen Wochen mit ihrem Essay „Warum Frauen noch immer nicht alles haben können“ im US-Politmagazin „Atlantic Monthly“ die feministische Diskurswippe weltweit zum Rotieren. Slaughter, einst Mitglied des Planungsstabs von Hillary Clinton, hatte kurz zuvor ihren Job im Außenministerium an den Nagel gehängt, weil sie merkte, dass ein Mathetest ihrer pubertierenden Söhne und ein versäumter Elternsprechtag sie mehr belasteten als die eskalierende Syrien-Krise.

Mit dieser deprimierenden Ansage ist Frau Slaughter zur Hassfigur des Schönwetter-Feminismus mutiert. Dennoch muss man ihr mehr als dankbar sein – und zwar nicht deswegen, weil sie es trotz finanzieller Besserstellung und eines linksliberalen Ehemanns, also mehr als glamouröser äußerer Umstände, nicht auf die Reihe kriegt, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen, sondern weil sie mit der Debatte der gesellschaftlichen Idealisierung der späten Mutterschaft einen Reality-Check zugemutet hat.

Der Diskurs war längst überfällig, aber hartnäckig totgeschwiegen worden. Schließlich wurde damit auch eine ganze medizinische Industrie auf Bluttemperatur gehalten. Außerdem hatte sich während der vergangenen 15 Jahre ein extrem beruhigendes Gefühl breitgemacht: Mit mildem Glanz in den Augen lächelten im Wochentakt prominente 40-plus-Mütter wie „Desperate Housewife“ Marcia Cross, Madonna oder Cherie Blair aus sämtlichen Hochglanzpostillen und verkündeten, wie erfüllend es sei, noch einmal diesem Club beitreten zu dürfen.

Soraya Lewe-Tacke, Mutter des deutschen Popsterns Sarah Connor, gebar mit 50 Zwillinge. Die italienische Sängerin Gianna Nannini posierte im Alter von 54 trotzig-stolz mit nacktem Babybauch, das darüber hochgeschobene T-Shirt trug die Aufschrift „God Is A Woman“. Die Message hinter der Inszenierung lautete: „Seht her! Auch wir können jetzt der Natur endlich den Mittelfinger zeigen!“ Nanninis spätes Glück kam übrigens aus der Eprouvette einer Samenbank. Sarah Jessica Parker begab sich mit 44 gar nicht mehr erst in Gefahr, ihre „Size Zero“-Figur den Strapazen einer Schwangerschaft auszusetzen, und beauftragte eine Fortpflanzungs-Subunternehmerin mit dem Austragen ihrer Zwillinge. Die große Ungerechtigkeit, dass der 60-plus-Methusalem-Papa fröhlich mit einem Bagaboo durch die Parkanlagen stolziert und durch sein Pensionsalter naturgemäß seine Zweit- oder auch Drittfamilie viel intensiver genießen kann, schien dank der Entwicklung der pränatalen Diagnostik und der Fertilitätsmedizin nicht aus-, aber zumindest angeglichen. Die Tatsache, dass man sich den passenden Sperminator beim Online-Shopping in der Samenbank besorgen kann, versetzte der emanzipatorischen Freiheitsfantasie einen zusätzlichen Kick. Das Prinzip Midlife-Mum erschien den Frauen, die ihre Karriere- und Familiengestaltung, beschwingt durch den „Women’s Lib“-Wind der 1970er-Jahre, im Pendel-Verfahren erledigt hatten, als verheißungsvolle Option für ihre Töchter – waren sie doch permanent von schlechtem Gewissen und dem Gefühl der Unzulänglichkeit geplagt worden. Den Zustand der Dauererschöpfung, welche die Doppelbelastung für die erste emanzipierte Generation mit sich brachte, hätten sie ihren Mädchen gern erspart.

Die Töchter nahmen die neue Lebensplan-Anregung‚ der Welt ein bis zwei Beine auszureißen, bevor Familie auf der To-do-Liste stand, dankbar an: Das Durchschnittsalter für Erstgebärende ist in Österreich in den vergangenen 15 Jahren von 27 auf knapp 30 Jahre gestiegen. Inzwischen hat fast jedes fünfte Baby eine Mutter, die zwischen 35 und 45 Jahre alt ist – wobei hier schon die erste Märchenfalle zuschnappt: Die Freiheit der Entscheidung pro Kind reduziert sich nämlich ab dem 40. Lebensjahr erheblich. Statistisch gesehen liegt dann die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft ohne turbomedizinische Hilfe bei unter zehn Prozent pro Monatszyklus, was mit dem reduzierten Vorrat an Eizellen und der Qualität des Eisprungs zu tun hat. Auch die Reproduktionsmediziner können nur beschränkt Gott spielen: Während eine gesunde 38-Jährige noch mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit künstlich befruchtet werden kann, sinkt ab 40 die Chance massiv, wie Wilhelm Feichtinger, Experte für In-vitro-Fertilisation, in einem profil-Interview erklärte. Wie hochgradig seelisch belastend das Lotteriespiel der Fertilitätsmedizin für Frauen und Männer werden kann, weiß jeder, der derartige Prozeduren durchgemacht hat. Der Glaube an die gesellschaftliche Wunschvorstellung, dass man die Natur jederzeit auszutricksen imstande ist, wird für manche der „Delay-Mums“ zum schmerzhaften Reinfall. Denn die Grenzen von der gewollten zur ungewollten Kinderlosigkeit verschwimmen ab 40 weit häufiger als in den Jahren davor.

Doch auch im Falle einer gelungenen Schwangerschaft sind die Risiken von Fehlgeburten und Komplikationen weit größer, als bisher öffentlich diskutiert wurde. In einem langen Aufsatz in der Fachpublikation „Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie“ aus dem Jahr 2011 untersuchte ein Expertentrio sämtliche Studien weltweit, die sich mit den Risiken der späten Mutterschaft auseinandersetzten. Die Lektüre des Artikels lässt einen deprimiert zurück: Frauen zwischen 40 und 44 Jahren haben eine doppelt so hohe Fehlgeburtenrate wie Mittzwanzigerinnen; die Fälle von Schwangerschaftsvergiftungen, die auch tödlich enden können, nehmen bei steigendem Alter zu; auch die Frühgeburtenrate steigt ab 35 deutlich, da die Durchblutungssituation der Plazenta bei späten Schwangerschaften nachweislich schlechter ist. Werdende Mütter ab 45 tragen laut dieser Analyse ein fast 50-fach erhöhtes Risiko, ein Kind mit Downsyndrom zu bekommen. Die pränatale Diagnostik ist zwar weit fortgeschritten (seit Kurzem ist eine nicht invasive Untersuchung in Form eines Bluttests zur Erkennung von Trisomie 21 zugelassen), aber eine „hundertprozentige Fehlerfreiheit existiert nirgends“, so die Wiener Gynäkologin Katharina Schuchter. „Manche Chromosomenstörungen werden auch von den Tests gar nicht erfasst.“

Die Mütter von morgen haben ein Recht, über diese Dinge aufgeklärt zu werden und ihr Misstrauen gegen die multimedial propagierte „Alles ist jederzeit möglich“-Illusion zu sensibilisieren, ohne dabei Gefahr zu laufen, in eine sinistre, vorfeministische Hausfrau-und-Mutter-Ära zurückzuschlittern. Die Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darf im 21. Jahrhundert nicht mehr geführt werden müssen. Und nebenbei – oder eigentlich hauptsächlich – möge der Politik der nahezu fahrlässige Umgang mit Kindern und deren Betreuung um die Ohren gehauen werden. Es ist ein veritabler Skandal, mit wie wenig Versorgungsunterstützung berufstätige Mütter, ob allein oder zu zweit erziehend, hierzulande rechnen können.

„Die ideale Mutter ist ohnehin eine Utopie“, entlässt uns die französische Starfeministin Elisabeth Badinter in die Imperfektion. Doch auch für nicht ideale Mütter wäre es generell einfach besser, wenn der Schuleintritt ihres Kindes nicht mit ihrer Menopause und dem Pensionsantritt des Vaters zusammenfiele. Von den Kindern ganz zu schweigen.