<small><i>Angelika Hager</i></small>
Sich fertig machen

Scharfe Kritik für die Covergeschichte „Was macht den Mann zum Mann?“. Ein Versöhnungsangebot.

„Missversteh mi richtig“, erklärt ein Donauinsulaner dem anderen im Streit in einer Toni-Spira-Dokumentation. Und ähnlich richtig missverstanden fühlte man sich nach der Lektüre der Leserbriefe anlässlich der Coverstory (profil 20) „Was macht den Mann zum Mann?“ (Autorenteam: Buchacher/Goebel/Hager). In den nahezu durchgehend von Empörung getragenen Reaktionen war von „Feminismus-Bashing“, „plattestem Biologismus“ und einem Rechtfertigungspamphlet für „prügelnde Männer“ die Rede. Zur Erinnerung: Der Artikel setzte sich mit dem Sexualhormon Testosteron und dessen Konsequenzen für männliches Verhalten auseinander. Weiters wurden – angesichts alarmierender Zahlen, die die Buben als die großen Bildungsverlierer ausweisen – die von Experten dringend geforderte Gender-sensible Pädagogik- und Bildungsrevision zur Debatte gestellt. Ein Interview mit dem Männerforscher Gerhard Amendt, der einen neuen Umgang mit familiären Gewaltkreisläufen forderte, fungierte als Zusatztrigger für die konzertierte Irritation. Ja, wir nehmen die Kritik unserer Leser sehr ernst. Und nein: Wir propagieren keinen düsteren Backlash. Für die Errungenschaften der Frauenbewegung, die in den letzten 40 Jahren mehr veränderte als jede andere gesellschaftspolitische Bewegung, bin ich unendlich dankbar. Tausend Rosen, Johanna Dohnal, Alice Schwarzer, Germaine Greer und natürlich Elfriede Hammerl! Hätten diese Frauen sich nicht die Finger wund geschrieben, gefordert, gekämpft und gelernt, den damit verbundenen Hass und die Häme zu ertragen, würde ich mich heute hier nicht verbreiten dürfen. „Geweint hab ich nie“, sagte die verstorbene Ex-Frauenministerin Johanna Dohnal in einem profil-Interview und impliziert damit, dass sie häufig nah dran war. „Meisterin des kontrollierten Amoklaufs“ zählte noch zu den eleganteren Termini des Schimpfwortregisters; Alice Schwarzer musste erst lernen, Untergriffe wie „Miss Hängetitt“ gelassen zu ignorieren.

Gelassenheit ist nach wie vor durchaus fehl am Platz, wie uns die Gehaltsschere und die Positionenverteilungen zeigen. „Jede Diskriminierung aufgrund von Geschlecht muss selbstverständlich einklagbar sein“, so Wissenschaftsministerin Beatrix Karl. Was aber, wenn die Jungs, die sich durch Wehr- und Zivildienstverpflichtung um sechs bzw. neun Monate ihrer Ausbildungszeit betrogen sehen, auch auf die Barrikaden gehen? Und Scheidungsmänner gegen ihre Ex-Frauen, die trotz Ausbildung und keinerlei ersichtlicher Behinderung ihr Einkommen lieber durch Unterhalt als durch eigene Erwerbstätigkeit regeln, rebellieren? Oder sich in der reiferen Herrenabteilung Protest regt, weil die auch nur bis zum Alter von 60 malochen will? Würden die dann zutiefst antifeministisch agieren oder doch nur dem simplen Prinzip „Gleiche Rechte für alle“ Rechnung tragen?

Um alle diese psychosozialen Schieflagen abzuklären, haben wir noch ein bisschen Zeit, genauer gesagt 456 Jahre, denn dann herrscht laut des US-„Feminist Research Centers“ insofern Gleichstand, als dann „genauso viele Männer wie Frauen in den Vorstandsetagen sitzen“. Doch keine Studie ohne Gegenstudie, so ist die Forschung nun einmal gebaut: Die US-Frauenforschungsorganisation „Catalyst“ prognostizierte den geschlechtlichen Break-even in Führungspositionen schon in 40 Jahren, allerdings mit dem Wermutstropfen, dass diese Frauen zu einem Großteil alkoholabhängig und/oder kinderlos sein werden.

Heute haben wir nur die statistische Gewissheit, dass Buben weit häufiger an Lernschwächen, ADS, Stottern, Bettnässen und Legasthenie leiden; sie bleiben öfter sitzen und brechen europaweit um 4,2 Prozent häufiger als Mädchen die Schule ohne Abschluss ab. Das Bildungsgefälle verschärft sich auf den Universitäten. Es wäre mehr als zynisch, diese Entwicklung als Etappensieg der Emanzipation zu werten.

Es ist keine Reanimation von ewig gestrigem Biologismus, sich mit dem Zustand der Männer von morgen auseinanderzusetzen. Eine Motivation wäre purer weiblicher Egoismus: Schließlich haben die Frauen von morgen ein Recht auf Partner, denen sie auf Augenhöhe begegnen können und die sich nicht mit Abwertungsprozessen an emanzipierten Frauen rächen müssen. Ohnmacht erzeugt nämlich häufig Aggression. Womit wir beim ideologisch hochexplosiven Gewaltthema sind.

Eine taufrische Studie des Gewaltforschers Murray A. Straus, die das Zahlenmaterial dreißigjähriger Forschung über die Dynamiken häuslicher Gewalt zusammenfasst, ergibt „eine klare Geschlechter-Symmetrie bei Gewaltdelikten – aber natürlich sind die physischen Konsequenzen für weibliche Opfer weit stärker als für männliche“. Macht das gewalttätige Frauen weniger therapiebedürftig? Es wird uns nicht von der Stelle bringen, wenn Geschlechterdebatten im 21. Jahrhundert mit den gleichen Argumenten wie in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts geführt werden. „Männer und Frauen sind aufeinander angewiesen“, erklärt die 33-jährige Schriftstellerin Alexa Henning von Lange, „eine neue Frauenbewegung muss auch die Zukunft des Mannes bedenken.“ Statt einander fertigzumachen, sollten wir uns alle zum Richtungswechsel fertig machen. Keine ständige Auf- und Abrechnung der jeweiligen Schwächen und Defizite. Bringt nämlich nichts. „Diese Mann-Frau-Geschichte ist keine Sportveranstaltung, bei der es um Punktesiege geht“, sagte Hildegard Knef in einem profil-Gespräch knapp vor ihrem Tod. Die war allerdings bis zur Schmerzhaftigkeit so emanzipiert, dass sie gar nicht darüber nachdenken musste.