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Kochen spielen

Angelina Jolie - <small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Kochen spielen

Jetzt ehrlich: Will ich von PolitikerInnen übers Fernsehen angebraten werden?

Ein neues Wiener Luxushotel bietet etwas Besonderes an: Im Restaurantbereich gibt es neben den üblichen Tischen auch so genannte Erlebnis-Kochstationen. Dorthin lädt man ein, wenn man seinen Gästen vorspielen will, dass man für sie kocht. Schaut so aus: In der Mitte eine Koch­insel, rundherum eine Theke, an der die Gäste sitzen. Der Gastgeber oder die Gastgeberin am Herd, unterstützt von einem Koch des Hotels, das vorher die bestellten Lebensmittel einkaufen ließ. Der Profikoch schält, schnipselt und macht auch sonst alles, was der/die GastgeberIn nicht machen will. Die Gastgeber tun inzwischen so, als würden die Gerichte nach ihrer Anweisung zubereitet. Sie können posieren und sich wichtigmachen ohne jeden Stress. Am Ende räumt das Hotelpersonal auf.
Hat was von den Schäferspielen des Rokoko. Die Inszenierung einfachen Lebens – in diesem Fall: einer schlichten Einladung – als luxuriöses Event. Maskerade. Kommt und schaut mir zu, wie ich täuschend echt die Hausfrau/den Hausmann gebe.

Na gut, wenn’s jemand braucht. Aber wer braucht es?

Was mich zu der Frage bringt, wer es braucht, dass SpitzenpolitikerInnen im Fernsehen Kochen spielen. (Bekanntlich führt der Sender Puls 4 ja gerade österreichische ­Parteichefs und eine -chefin bei der Zubereitung ihrer angeblichen Lieblingsspeisen vor; dazu dürfen sie politische Fragen beantworten.)

Wünsche ich mir, dass mir PolitikerInnen auf dem Bildschirm was vorkochen?
Nein, eigentlich nicht.

Ich wünsche mir PolitikerInnen, die wissen, wie es ist, wenn man täglich für eine Familie kochen muss, nachdem man gerade von der Arbeit heimgekommen ist. Ich wünsche mir PolitikerInnen, die wissen, was es bedeutet, eine Familie mit wenig Geld gesund ernähren zu sollen. Ich wünsche mir PolitikerInnen, denen klar ist, dass Lebensmitteleinkauf, Staubsaugen und Kloputzen nicht in die Kategorie netter Zeitvertreib fallen. Ich wünsche mir PolitikerInnen, die etwas wissen vom Leben – und davon, wie es für welche Menschen ausschaut.

Gerade weil Alltagsarbeiten Zeit und Mühe kosten, habe ich durchaus Verständnis, wenn PolitikerInnen sie (wenigstens teilweise) delegieren. Sofern sie erstens anständig ­dafür zahlen und zweitens nicht vorgeben, dass sie alles mit links schupfen, wofür andere zwei Hände brauchen.
TV-Inszenierungen, in denen sie mit Bratpfannen hantieren, während sie interviewt werden, beweisen keine Alltagskenntnis. Allenfalls sagen sie etwas über die Fähigkeit zum Multitasking aus, aber das wird meiner Meinung nach eh überschätzt. Ich hab’s ganz gern, wenn sich Menschen auf eine Tätigkeit konzentrieren. Wenig ist schlimmer als die Vorstellung, dass mir meine Zahnärztin telefonierend oder in ihre E-Mails schauend ein Inlay einsetzt.

Ich wünsche mir PolitikerInnen, die in die Politik gehen, weil sie klare Vorstellungen von einer annehmbaren Gesellschaft (respektive Gesellschaftsordnung) haben und von den WählerInnen beauftragt werden möchten, bei der Umsetzung dieser Vorstellungen mitzuwirken. Das benötigt Überzeugungsarbeit, die wiederum das Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten voraussetzt. Als Wählerin wähle ich ja keinen, der mir von oben herab erklärt, was für mich seiner Meinung nach gut oder passend ist, sondern eine oder einen, die/der mir das Gefühl gemeinsamer Interessen vermittelt.

PolitikerInnen, die gewählt werden wollen, müssen also eine gewisse Volksnähe signalisieren, das ist klar. Nur: Was ist Volksnähe im Sinne sozialer Kompetenz und was anbiedernde Heuchelei?

Müssen PolitikerInnen, die überzeugen wollen, wirklich jedes Kasperltheater mitmachen, oder resultiert die viel zitierte Politikverdrossenheit nicht auch aus dem Eindruck, dass so viele in dieser Branche bloß als Menschen- Darsteller agieren, als Rollenspieler, denen es entscheidend an Glaubwürdigkeit mangelt?

Es gelte, die Politikfernen zu erreichen, heißt es. Deren Aufmerksamkeit kriege man mittels Kasperltheater, nicht jedoch mit seriösen Veranstaltungen. Kann sein, aber was bleibt am Ende hängen? Wer der größere Spaßvogel (vielleicht auch: der größere Depp) war oder doch so was wie ein paar Gestaltungsvorschläge?

Und von wegen politikferne Dumpfbacken: Nicht nur für sie ist der Unterhaltungsfaktor eine Politikers oder ­einer Politikerin wichtiger als seine oder ihre sonstigen Qualitäten. Auch die Medien selber, auch die seriösen, haben eine fatale Vorliebe für Scharlatane und Windmacher, für Schaumschläger und verhaltensauffällige Typen. Die kriegen Platz und Beachtung, die werden interviewt und analysiert und auch getadelt, was aber, Kritik hin oder her, ihre Popularität steigert, während die Stillen, Gescheiten, Verantwortungsvollen rasch das Etikett fad, grau, uninteressant, einfallslos verpasst bekommen.

Es stellt sich wieder einmal die Henne-oder-Ei-Frage. Bedienen die Medien nur das Entertainmentbedürfnis des Publikums oder sorgen sie erst dafür, dass Politik vor allem als skandalträchtiges oder lächerliches Spektakel eine Chance auf öffentliche Wahrnehmung hat?

elfriede.hammerl@profil.at

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