Antimissbrauchsgipfel im Vatikan: Der Makel bleibt

Papst Franziskus bei der Antimissbrauchskonferenz: Keine konkreten Maßnahmen

Papst Franziskus bei der Antimissbrauchskonferenz: Keine konkreten Maßnahmen

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Fall Groër schafft es der Vatikan noch immer nicht, eine transparente Gerichtsbarkeit zu etablieren. Der Antimissbrauchsgipfel war eine vertane Chance, meint Josef Votzi in seinem Gastkommentar.

Gastkommentar Josef Votzi

Im erzbischöflichen Palais kam mehr als 20 Jahre nach Enthüllung des Falls Groër neuerlich große Unruhe auf. Die profil-Titelgeschichte des Jahres 1995 („Ex-Zögling klagt an: Groër hat mich sexuell missbraucht“) lag bereits zwei Jahrzehnte zurück, als 2015 eine gänzlich entgegengesetzte Interpretation der Geschichte die Erinnerungen wiederaufleben ließ. „Wie man einen Bischof zu Fall bringt“, lautete der reißerische Buchtitel, verfasst von Groërs Ex-Weihbischof Ildefons Fux, einem der klerikalen Günstlinge, die im Schatten des scheinbar bloß schrulligen Kardinals in den 1990er-Jahren im erzbischöflichen Palais in Wien das Sagen gehabt hatten.

Die Hauptstoßrichtung des Werks: eine Attacke auf Groërs Nachfolger Christoph Schönborn, der in Rom damals mehr denn je als „papabile“, als mehrheitsfähiger Papstanwärter im Kardinalkollegium, galt. Missbrauchstäter Groër hingegen wurde in dieser verzerrten Darstellung zum Opfer dunkler Machenschaften verklärt.



Am Todestag von Hans Hermann Groër pilgern bis heute glühende Anhänger zum Grab des unglückseligen Gottesmannes.

In der Umgebung des Kardinals beriet man damals hektisch, wie man auf diese Infamie eines ehemaligen Mitbruders, der Groër als Weihbischof gedient hatte, reagieren sollte. Im Palais am Wiener Stephansplatz hatte man gehofft, die Affäre sei ausgestanden. Groër war schon wenige Wochen nach den profil-Enthüllungen zurückgetreten, seine Bischofskollegen hatten nach einer ausgedehnten „Schrecksekunde“ von drei Jahren erklärt, dass sie „zur moralischen Gewissheit“ gelangt seien, dass die Missbrauchsvorwürfe stimmten.

Als Groër 2004 mit 83 Jahren an einem Krebsleiden starb, verglich ein hochrangiger Kleriker auf der offiziellen Website der Diözese St. Pölten mit dem Segen des damaligen Ortsbischofs Kurt Krenn den Fall Groër unwidersprochen mit der Kreuzigung Jesu Christi: „Am 24. März dieses Jahres ist Hans Hermann Kardinal Groër aus diesem Leben geschieden. Es sollte nicht übersehen werden, dass es sich dabei um genau den achten Jahrestag handelte, nachdem 1995 die öffentliche Kampagne gegen ihn ihren Anfang genommen hatte. (…) Der Kardinal hat Verleumdungen, Schmähung und Erniedrigung in beharrlichem Schweigen auf sich genommen, und vieles an seinem Schicksal erinnert an die Leidensgeschichte Christi.“

Am Todestag von Hans Hermann Groër pilgern bis heute glühende Anhänger zum Grab des unglückseligen Gottesmannes. Es gibt sogar eine innerkirchliche Petition, die seine Seligsprechung im Vatikan erwirken will.


Schönborn & Co. haben sich entschieden, die haltlosen Anwürfe zu ignorieren.

Wie kommt es, dass fast ein Vierteljahrhundert nach dem Auffliegen des Skandals die vielen Missbrauchsopfer damit leben müssen, dass ein vielfach geouteter Scheinheiliger von hochrangigen katholischen Würdenträgern als gottgleicher Märtyrer gepriesen werden kann?

Schönborn & Co. haben sich entschieden, die haltlosen Anwürfe zu ignorieren – und stattdessen neue Zeichen zu setzen, dass sie aus dem Fall Groër gelernt haben. Missbrauchsvorwürfe sind ernst zu nehmen, nichts ist Opfern wichtiger als öffentliche Anteilnahme, Zeichen der Reue und der Entschuldigung.


Am nachhaltigen Makel, der auf der katholischen Kirche im Umgang mit Missbrauchsfällen nach wie vor bleischwer lastet, kann auch die sympathische Geste Schönborns nichts ändern.

Das empathische TV-Gespräch, das Kardinal Christoph Schönborn mit einer Nonne im Vorfeld der groß angekündigten Antimissbrauchskonferenz im Vatikan führte, hat so auch bei Nicht-Gläubigen Eindruck gemacht. „Ich glaube Ihnen“, sagte der Groër-Nachfolger zu der Nonne, die berichtet hatte, dass sie mit ihren Missbrauchsvorwürfen an einer Mauer der Abwehr und des Leugnens zu zerbrechen drohte.

Am nachhaltigen Makel, der auf der katholischen Kirche im Umgang mit Missbrauchsfällen nach wie vor bleischwer lastet, kann auch die sympathische Geste Schönborns nichts ändern. Davon leben auch die Fake-News-Apostel im Fall Groër, deren Verschwörungstheorien nach wie vor blühen und gedeihen.

Denn die Kirche kennt auch 2019 keine klaren, nachvollziehbaren Regeln, keine weltweit verbindlichen Sanktionen und vor allem keine transparenten Verfahren im Umgang mit gefallenen Klerikern. Vorwürfe gegen Priester und Ordensleute werden im 21. Jahrhundert noch immer in einem vatikanischen Geheimverfahren abgehandelt.


Opfer haben laut geltendem Kirchenrecht weiterhin keinerlei Rechte oder gar Parteienstellung.

Nachdem nicht zuletzt der Fall Groër weltweit immer mehr Opfer ermutigt hatte, ihr Schweigen zu brechen, hat der Vatikan seine internen Untersuchungen bei der Glaubenskongregation zentralisiert. Mit 17 Mitarbeitern ist die dafür zuständige Disziplinarabteilung inzwischen die größte Abteilung der früheren „Heiligen Inquisition“. Sie mag nach vatikanischen Maßstäben groß sein, angesichts der enormen Zahl der Fälle ist sie jedoch viel zu klein. Zudem arbeitet sie nach Regeln von vorgestern und verfestigt damit die „Omertà“, die kirchliche Unkultur des Schweigens. Die Tätigkeit der vatikanischen Missbrauchsbehörde unterliegt dem „Päpstlichen Geheimnis“, den strengen Geheimhaltungsnormen für bestimmte Rechts- und Verwaltungsvorgänge innerhalb der katholischen Kirche. Wer dagegen verstößt, hat mit Strafen und Sanktionen zu rechnen.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx forderte vergangene Woche bei der zum „Kinderschutzgipfel“ erklärten Antimissbrauchskonferenz im Vatikan die ersatzlose Abschaffung des „Päpstlichen Geheimnisses“ in diesen Fällen: „Nicht Transparenz fügt der Kirche Schaden zu, sondern begangene Missbrauchstaten, mangelnde Transparenz und Vertuschung in deren Folge.“

Marx’ vatikanischer Appell blieb ungehört.

Opfer haben laut geltendem Kirchenrecht weiterhin keinerlei Rechte oder gar Parteienstellung. Allein Priester und Bischöfe – also Personen aus der Berufsgruppe der Täter – haben die Möglichkeit, gegen kirchliche Strafurteile Widerspruch einzulegen. Wie auch die 2010 von Schönborn initiierte Klasnic-Kommission in Österreich zeigt, liegen sehr viele der bislang behandelten etwa 2000 Fälle so weit zurück, dass weltliches Recht nicht mehr greift. Auch der Fall Groër war nach staatlichem Strafrecht zum Zeitpunkt des Outings des Opfers längst verjährt.

Zeichen des guten Willens bleiben den Ortskirchen überlassen. Die Klasnic-Kommission hat in den vergangenen neun Jahren 27 Millionen Euro, also durchschnittlich rund 15.000 pro Fall, als symbolische Wiedergutmachung und in Form von Therapiestunden ausgeschüttet.


Der Vatikan setzt nach wie vor auf Vertuschen und Schweigen in jener Causa, bei der weltweit erstmals einer jener rund 100 handverlesenen Bischöfe zu Fall gekommen war.

An einem nachhaltigen Beitrag zur moralischen Wiedergutmachung für die Opfer in aller Welt ist die vorwöchige Vatikankonferenz aber spektakulär gescheitert. Sie startete mit hohen Erwartungen und großen Ankündigungen – und hinterließ am Ende den Eindruck eines Gipfels der gut gemeinten Worte und unverbindlichen Absichtserklärungen.

Papst Franziskus hat offenbar keine Scheu, dort, wo er selbst das letzte Wort hat, wie jüngst im Fall des ehemaligen Washingtoner Kardinals Theodore McCarrick, auch höchste Würdenträger in die Wüste zu schicken. Der kirchliche Monarch verbannt oder begnadigt nach Gutdünken. Beim Aufbau einer zeitgemäßen innerkirchlichen Gerichtsbarkeit mit Rechten für Opfer und Täter bremst ihn aber weiterhin der vatikanische Machtapparat – auch aus Kameraderie und Selbstschutz, wie Vatikan-Intimkenner sagen. Auf Zehntausenden Missbrauchsfällen lastet so weiter der Schleier des „Päpstlichen Geheimnisses“.

Der Vatikan setzt nach wie vor auf Vertuschen und Schweigen in jener Causa, bei der weltweit erstmals einer jener rund 100 handverlesenen Bischöfe zu Fall gekommen war, deren Aufgabe es ist, einen Papst zu küren. Schönborn machte seinem Frust darüber, dass der Vatikan ein kirchenrechtliches Verfahren gegen Groër eisern verhindert hatte, nur einmal kurz in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten Luft – und musste sich zwei Monate später nach einem schweren Rüffel in Rom hochoffiziell entschuldigen.

Roma non locuta, causa finita. Rom hat nicht gesprochen, die Sache ist beendet.

Die Causa Groër bleibt Spielball für katholische Verschwörungstheoretiker und damit auch Makel auf der Glaubwürdigkeit einer Ortskirche, die aus dem tiefen Fall ihres höchsten Würdenträgers spät, aber doch viel gelernt hat.

Zur Person

Josef Votzi. Im März 1995 deckt der damalige profil-Chefredakteur in der Titelgeschichte „Der Fall Groër“ den Skandal um den Kardinal auf. Josef Hartmann, ein ehemaliger Zögling Groërs, erklärt eidesstattlich, von dem Geistlichen sexuell missbraucht worden zu sein. Seither nehmen die Berichte über katholische Geistliche, die sich an Minderjährigen vergehen, kein Ende. Votzi war zuletzt Politik-Chef im „Kurier“.