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Meinung
08/01/2020

Barbara Blaha: Wachstumsschwäche

Qualität vor Quantität - nach diesem Prinzip müssen wir unsere Wirtschaft umbauen, um Klimakrise und Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Geht Wohlstand auch mit weniger Konsum?, fragte die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" kürzlich. Wenn man die Auswüchse unseres derzeitigen Wirtschaftens betrachtet, möchte man die Frage instinktiv mit Ja beantworten. Angesichts der Zustände in unseren Fleischfabriken, von aus Pakistan importieren 5-Euro-T-Shirts, genäht von Kinderhänden, oder des Umstands, dass wir Jahr für Jahr mehr CO2 in die Luft blasen und unser Klima ruinieren, beschleicht wohl auch hartgesottene Wachstumsfetischisten gelegentlich ein mulmiges Gefühl.


Aber ist diese Frage überhaupt die richtige? Muss sie nicht viel eher lauten, welche Art von Wirtschaftswachstum wir wollen? Niemand möchte eine schrumpfende Ökonomie mit Massenarbeitslosigkeit und Elend, wie den Kritikern des vorherrschenden Modells oft vorgeworfen wird. Die Auswirkungen einer scharfen Rezession sind derzeit eindrucksvoll zu besichtigen. WIFO-Chef Christoph Badelt konstatiert, es komme eben darauf an, wie man wächst, und plädiert für ein qualitatives Wachstumsmodell, das alle mitnimmt.

Aber was ist Wirtschaftswachstum überhaupt und was sagt es über unseren Wohlstand aus? Das Bruttoinlandsprodukt misst nichts anderes als die laufende Produktion von Waren und Dienstleistungen zu Marktpreisen. Es gibt keinen Aufschluss über den Bestand an Vermögen und Einkommen und vor allem nicht darüber, wie sie verteilt sind. So ist das BIP pro Kopf in den USA um ein Viertel höher als in Österreich oder Schweden, aber es verteilt sich so ungleich, dass der Wohlstand der Mittelschicht in Österreich und Schweden viel höher ist als in den USA.

Wie alle empirischen Untersuchungen zeigen, profitieren die Armen und die Mittelschicht auch in Österreich immer weniger vom Wachstum. Wirtschaftswachstum und Wohlstand haben sich entkoppelt. Die Lohnquote, also der Anteil von Löhnen und Gehältern am gesamten Volkseinkommen, sank von 74 Prozent im Jahr 1976 auf noch 68 Prozent im Jahr 2017. Erhöht haben sich hingegen die leistungslosen Einkommen aus Besitz, insbesondere aus Finanz-und Immobilienvermögen. Ab den 1990er-Jahren hat sich diese Entwicklung noch verschärft. Das Wachstum kommt immer einseitiger den Vermögenden zugute, während die Mehrheit durch die Finger schaut. Viele Ökonomen monieren, dass die voranschreitende Vermögenskonzentration zunehmend das Wachstum hemmt, weil den Unternehmen und Haushalten das Geld für Investitionen und Konsum fehlt. Allein aus volkswirtschaftlichen Gründen ist eine höhere Besteuerung von Vermögen daher unabdingbar.

Neben der Verteilung berücksichtigt der Indikator Wirtschaftswachstum aber auch nicht, wie das Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet wird. Es macht einen großen Unterschied, ob wir nur more of the same produzieren und dafür immer größere "Kollateralschäden" an Mensch, Natur und Umwelt in Kauf nehmen. Oder auf ein qualitatives Wachstum setzen, das unseren Planeten und unsere Mitmenschen schont. Der Wert der Produktion steigt nämlich auch, wenn die Qualität der erzeugten Güter und Dienstleistungen zunimmt, nicht nur, wenn mehr davon produziert werden.

Wohlstand definiert sich eben nicht nur über die Erzeugung von Waren und Dienstleistungen, sondern auch über den Zustand unseres Sozial-,Gesundheits-und Bildungssystems. Corona hat uns gezeigt, wie überlebensnotwendig es ist. Für das Bruttoinlandsprodukt ist es gleichgültig, auf welche Art und Weise in Österreich eineinhalb Millionen Kinder in Schulen und Kindergärten betreut werden und was sie dort lernen. Oder welche Gesundheitsversorgung unsere Spitäler bieten. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zählt auch nicht, unter welch schwierigen Bedingungen eine Million Angehörige ihre Lieben zu Hause unbezahlt pflegen. Im realen Leben aber schon.

Die in Oxford lehrende Ökonomin Kate Raworth versucht mit ihrem Konzept der "Donut-Ökonomie" diese soziale und ökologische Dimension von Wohlstand zu berücksichtigen. Das Loch in der Mitte des Donuts steht für die Gesellschaft und ihre grundlegenden materiellen und immateriellen Bedürfnisse. Der äußere Kreis des Donuts symbolisiert die natürlichen Grenzen unserer Existenz durch endliche Ressourcen, Klimawandel und Umweltzerstörung. Ziel unseres Wirtschaftens muss es sein, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, ohne diese natürlichen Grenzen zu sprengen. Nur wenn uns das gelingt, haben wir eine Zukunft.

Barbara Blaha leitet das Momentum Institut, die "Denkfabrik der Vielen".