Georg Hoffmann-Ostenhof: Vive La France!

Charlie Hebdo - Georg Hoffmann-Ostenhof: Vive La France!

Mit dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ haben die Dschihadisten den Westen wirklich ins Herz getroffen.

Vor den ermordeten Pariser Karikaturisten verneigen sich, Blumen in der Hand, der kleine Asterix und der dicke Obelix: Albert Uderzo, der Erfinder dieser unbeugsamen Gallier, ehrt mit dieser Zeichnung die Kollegen von „Charlie Hebdo“, die vergangenen Mittwoch einem Terroranschlag zum Opfer fielen. In den Medien und den sozialen Netzwerken haben in diesen Tagen, so wie Uderzo, unzählige Karikaturisten weltweit zum Bleistift gegriffen, um ihre Solidarität mit der Pariser Satirezeitung zu bekunden. Ein beliebtes Motiv: zwei wolkenkratzerhohe Bleistifte, in die gerade ein Flugzeug rast. Die Parallele drängt sich auf. Da mögen diesmal weniger Menschen gestorben sein, als historischer Wendepunkt wie der 11. September 2001 könnten sich die französischen Ereignisse des 7. Jänner 2015 aber allemal herausstellen.

Wobei die islamischen Terroristen diesmal wohl treffsicherer als damals den so verabscheuten Westen attackiert haben. Symbolisierten die New Yorker Twin Tower das Herz des westlichen Kapitalismus, so steht „Charlie Hebdo“ für etwas, was die islamischen Extremisten um vieles mehr hassen als diesen. Was die Dschihadisten bekämpfen, ist weniger die ökonomische Macht des Okzidents, durch die sie die islamische Welt unterdrückt sehen: Wirklich bedroht fühlen sie sich durch die westliche Freiheit – die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Presse.

Und für diese steht idealtypisch das freche französische Satire-Blatt, das seit Jahr und Tag zu intelligentem Lachen verführt, alle Tabus verletzt, jegliche Dogmen und Fanatismen der Lächerlichkeit preisgibt, den religiösen und politischen Autoritäten den Stinkefinger zeigt. Gewiss, „Charlie Hebdo“ hat Allah und Mohammed verarscht, was viele Muslime wohl beleidigend finden. Aber vor dem Spott der Pariser Satiriker war bisher niemand gefeit: Nicht Jesus und die Jungfrau Maria, nicht Jehova und Moses, und nicht die Pfaffen aller Religionen, seien es nun Priester, Rabbiner oder Imame.

Es ist kein Zufall: Zum Ziel ihrer Attacke haben die Terroristen nicht die notorischen Hetzer gegen die Muslime ausgewählt, nicht jene, die zum Zentrum ihrer Politik den Kampf gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ machen. Angegriffen wurde nicht die Parteizentrale des rechtsextremen Front National der Marine Le Pen, sondern die Redaktion von „Charlie Hebdo“, die, als die Vermummten ihre Kalaschnikows in Anschlag brachten, gerade über die Blattstrategie gegenüber dem immer stärker aufkeimenden Rassismus beriet.

Da mögen ihr militanter Säkularismus, ihre bedingungslose Respektlosigkeit und ihre Liebe zur Provokation so manchen vor den Kopf gestoßen haben – letztlich aber transportiert das Blatt mit seinem aggressiven Witz das, was heute, vielfach verächtlich, als Gutmenschentum abgetan wird.

„Charlie“ ist mit seinen linken und libertären Idealen ein Kind der Revolte von 1968. Seine Satiriker stehen fest in der Tradition jener Aufklärung, die im 18. Jahrhundert mit ihrem entlarvenden „esprit frondeur“ (wörtlich übersetzt: Schleuderwitz) das Ancien Régime mürbe machte und den Boden für die Große Revolution 1789 aufbereitete. Und die hat letztlich nicht nur der französischen Republik, sondern der ganzen Welt den Wertekanon der Menschenrechte, der Toleranz und des Universalismus hinterlassen.

Ja, die Terroristen haben vergangene Woche ins Volle getroffen. So seltsam es klingen mag: Die Pariser Redaktion von „Charlie Hebdo“ repräsentiert das, was den Westen ausmacht, wahrscheinlich in stärkerem Maße als die Wall Street in New York.

Ob die Dschihadisten sich aber über die gelungene Aktion in Frankreich freuen können, muss sich erst herausstellen. Natürlich wird die nun gestiegene Angst vor dem Terror Le Pen, Pegida und die anderen populistischen und rechtsextremen Bewegungen und Parteien in Europa beflügeln. Sie werden wohl mit ihrer Islamophobie-Politik punkten. Und die Versuche, im Kampf gegen den Terror demokratische Rechte und Freiheiten einzuschränken, wie seinerzeit nach dem 11. September, werden nicht ausbleiben.

Gleichzeitig aber zeichnet sich in der gewaltigen Solidaritätsbewegung mit „Charlie“ etwas Entgegengesetztes, Gegenläufiges ab: eine Identifikation mit jener Freiheit, für welche die getöteten Karikaturisten mit ihren spitzen Bleistiften unbeirrt und angriffig, aber ohne Fanatismus, Hass und Ressentiment kämpften.

„Um sich zu verteidigen, muss die Freiheit ihre eigenen Prinzipien respektieren“, schrieb Laurent Joffrin, der Chefredakteur der Pariser Tageszeitung „Libération“ vergangenen Donnerstag. Es ist nicht auszuschließen, dass diesem Imperativ diesmal gefolgt wird. Nach den Anschlägen in New York 2001 wurden die Grundsätze der Freiheit und Demokratie ja bekanntlich mit Füßen getreten.

Noch eines: Solidarität verdient nicht nur die attackierte französische Satirezeitung, sondern auch Frankreich selbst: Man kann gar nicht ermessen, welchen Verlust der Tod seiner wichtigsten und besten Karikaturisten für das Land bedeutet. Die Franzosen haben in dieser Zeit ohnehin nicht viel zu lachen. Da herrscht eine zutiefst depressive Stimmung. Und nun hat man ihnen auch noch ihre wunderbaren Humoristen genommen. Eine Katastrophe. Aber vielleicht findet man in der Verteidigung der Freiheit jenen erfrischenden Esprit wieder, für den das Volk der Aufklärung und Revolution so berühmt ist. Man kann es ihnen nur wünschen.

Barack Obama trug sich vergangenen Donnerstag in das in der französischen Botschaft in Washington aufliegende Kondolenzbuch ein. Er schließt sein Beileidsschreiben mit „Vive la France!“. Dem kann man sich nur anschließen.

georg.ostenhof@profil.at