<small><i>Christian Rainer</i></small>
Alles bleibt neu

<small><i>Christian Rainer</i></small>
Alles bleibt neu

Europa an der Kippe. Das bedeutet …

Vor einigen Tagen druckte der „Kurier“ eine Grafik ab, die bei vielen Lesern völlig zu Unrecht Verwunderung ausgelöst haben muss: eine Karte, auf der die aktuellen Stationierungspunkte amerikanischer Nuklearsprengköpfe in Europa und der Türkei eingezeichnet waren – im Zentrum die Bundesrepublik mit zumindest 20 US-Atomwaffen. Die Verwunderung wird vor allem bei einigen jüngeren Lesern der Tageszeitung entstanden sein, und zwar nicht wegen der geringen Anzahl der Sprengsätze, sondern ganz im Gegenteil wegen der Tatsache, dass in Europa überhaupt noch solche Waffenarsenale vorhanden sind.

Für die Generationen von 40 Jahren aufwärts wie auch für historisch interessierte Jüngere mag das eine Banalität sein, und mit einem Klick bei Wikipedia erfährt man, dass am Höhepunkt des atomaren Wettrüstens 7300 amerikanische Nuklearsprengköpfe in Europa lagerten. Dennoch: Knapp 20 Jahre nach dem Ende der Teilung der Welt in West und Ost ist das über Jahrzehnte beherrschende politische Thema aus den Köpfen wie aus den Medien verschwunden, flackert allenfalls bisweilen auf, wie eben jetzt, da es um die Zukunft der verbliebenen Bestände geht.

Vom täglich drohenden, die Menschheit ausrottenden Atomkrieg ist ein Restrisiko geblieben. Atomwaffen sind derzeit eher eine Gefahr, wenn sie in die Hände von Terroristen oder terroristischen Staaten gelangen, als im Arsenal von Supermächten.

Obama wiedergewählt, ein neues Regime in China installiert, Europa in einer Finanz- und Identitätskrise – das ist ein sinnvoller Zeitpunkt, innezuhalten und sich einige geopolitische Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen, selbst wenn diese augenscheinlich sein mögen. Neben dem Ende des alles beherrschenden Kalten Krieges vor weniger als einer Generation – mit Österreich in trügerischer Neutralität und exponiertester Lage – ist die Wandlung Chinas die entscheidende globale Veränderung. Ähnlich dem nuklearen Wettrüsten: Mangels Erinnerung oder persönlichen Erlebens ist auch hier einem Gutteil der Mitbürger die Dimension des Wandels nicht vorstellbar. Mitte der 1980er-Jahre betrug das verfügbare Einkommen jedes Chinesen einen lächerlichen Bruchteil des heutigen Werts, für Individualreisende aus dem Westen war ein Einzelvisum nur klammheimlich erhältlich, und zwischen der damaligen Repressionssituation und Fällen wie jenem des Konzeptkünstlers Ai Weiwei lässt sich keine sinnvolle Relation herstellen.

Das „Time“-Magazin titelte vor einigen Wochen mit dem Bild des neuen starken Mannes in China, Xi Jinping, und der Zeile „The New Leader of the Unfree World“. Das sind doppelt spannende Worte. Denn erstens deklarieren sie eine wohl nicht nur aus dem Blickwinkel amerikanischer Journalisten zutreffende Wahrheit: Neben den USA samt dem von ihnen ökonomisch wie militärisch abhängigen Europa gibt es eigentlich nur eines: China. Die chinesische Volkswirtschaft ist als Produzent und Konsument unvergleichlich robust, daraus resultiert eine beherrschende Rolle als globaler Investor, daraus wiederum die stabile (wohl auch stabilste) Position auf den Finanzmärkten. Aus dieser ökonomischen Situation wird sich auch eine Vorrangstellung bei Forschung und Entwicklung ergeben.

Zweitens: Spannend und eine Diskussion provozierend sind die Worte „Unfree World“ im „Time“-Titel. Im historischen Kontext – also im Vergleich zu China alt oder zur ­Sowjetunion – sind die politischen Verhältnisse in China fortgeschritten, ebenso im Vergleich zum US-Alliierten ­Saudi-Arabien; in Relation zu sehr vielen Zweit- und Drittweltstaaten ist China international verlässlich und für ­seine Bürger halbwegs berechenbar. Korrekt ist „unfree“ allerdings mit Sicherheit angesichts von Indien, der zweiten ­heranwachsenden ökonomischen Großmacht.

Aber sicherlich falsch bleibt das Wort „unfree“, wenn man ihm ausgerechnet den Grundgedanken entgegenhält, der China zu jenem „Leader“ gemacht hat: die freie Marktwirtschaft. Auf Wettbewerb unter geschickter Einbindung von Staatskonzernen basiert das chinesische Wirtschaftswunder (im Übrigen wie jedes andere in der Geschichte auch, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger staatlichem Beitrag).

Aus dem Heranwachsen von China ergibt sich eine dritte große Veränderung der Welt. Diese ist freilich, anders als etwa das Ende des nuklearen Rüstens, mehr als bedrohlich: Ressourcenverbrauch und Klimawandel. Angesichts von China, Indien und den weiterhin ungebändigten Vereinigten Staaten ist es ziemlich illusorisch zu glauben, dass die Erderwärmung gestoppt werden könnte. Die fossilen Brennstoffe werden bald aufgebraucht sein, und spätestens dann wird die Temperatur eine für die Menschheit, wie wir sie kennen, fatale Höhe erreicht haben. China und Indien haben andere Ziele, als sich um das Überleben der Welt zu sorgen.

christian.rainer@profil.at