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Christian Rainer: Brexit oder die fehlende Nachhaltigkeit des Erinnerns
02/01/2020

Christian Rainer: Brexit oder die fehlende Nachhaltigkeit des Erinnerns

Wir werden die Briten vermissen. Nicht weil wir sie mögen.

von Christian Rainer

Seit vergangenem Samstag ist Großbritannien nicht mehr Mitglied der Europäischen Union. Wer darüber in österreichischen Zeitungen liest oder den Kommentatoren des Rundfunks folgt, bekommt merkwürdig sterile Stücke präsentiert. Das liegt nicht an mangelnder Expertise oder fehlendem ernsthaften Wollen der Journalisten. Dennoch wirkt die Analyse nicht gewichtig, die Empathie nicht authentisch, die Emotion gespielt. Unsere Kommentierung reduziert sich regelmäßig auf die ökonomischen Auswirkungen, und sie verliert sich im Lamento über die fehlende Präzisierung des Austrittsvertrages.

Wie kann das sein angesichts des wichtigsten Ereignisses der europäischen Innenpolitik seit dem Fall des Eisernen Vorhanges vor drei Jahrzehnten? Warum können wir der völkerrechtlichen Implosion mit ihren umfassenden gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen, militärischen Folgen nicht gerecht werden? Warum finden wir keine geeigneten Worte, um das Geschehen zu kommentieren, weshalb beklagen wir es nicht dem Anlass entsprechend emotional?

Politische Entwicklungen? Fehlanzeige

Die einfache Antwort: Die Betroffenheit sinkt mit dem Quadrat der Entfernung vom Ärmelkanal. In Österreich sinkt sie also sehr schnell. Jenseits unserer nördlichen und östlichen Grenzen ist sie gar nicht zu spüren, zumal jene Staaten zum Beitrittsdatum der Briten vor 47 Jahren mental weiter von der Europäischen Gemeinschaft entfernt waren als Russland oder China heute.

Diese Entfernungsformel wurde stets nur dann außer Kraft gesetzt, wenn es um irrationale Aufwallungen und für das Fortkommen beider Seiten unbedeutende Nachrichten ging: Bei den Briten sind das par excellence Sportereignisse, namentlich Fußball, und der Klatsch aus dem Königshaus mit dem aktuellen Höhepunkt Harry-&-Meghan-Exit. Politische Entwicklungen? Fehlanzeige.

Die komplexere Antwort: So gut wie keiner der Meinungsbildner in Presse, Politik oder in der Zivilgesellschaft hat die Anfänge der europäischen Einigung miterlebt. Niemand hat den Gründungsmythos der Gemeinschaft verinnerlicht. Oder andersherum: Wir sind Nachgeborene des Zweiten Weltkrieges und hatten das unglaubliche Glück, niemals in unserem Leben in irgendeinen Krieg hineingezogen zu werden, wir wurden nicht überfallen und haben nichts angezettelt. Daher ist uns die Katastrophe Krieg, sind uns ihre Vorboten und ihre Folgen fremd. Krieg kennen wir aus verfremdeten Erzählungen und Nichterzählungen unserer Verwandten, durch den Filter von Büchern und Filmen.

Die fehlende Nachhaltigkeit des Erinnerns

Daher können wir auch nicht nachempfinden, dass der Austritt Großbritanniens zwar kein kriegerisches Ereignis ist, aber eine Rückabwicklung jener Verbindung, die Kriege nach 1945 verhindern sollte. Entsprechend blank bleiben wir gegenüber der Katastrophe des Austritts.

Die fehlende Nachhaltigkeit des Erinnerns ist die Crux der Europäischen Union. Was nur über wenige Jahrzehnte und ein bis zwei Generationen tradiert werden kann, war stets ein instabiles Fundament für dieses Vereinigungsabenteuer. Das Niemals-Wieder des Zweiten Weltkrieges (und auch des Ersten) musste Hunderte Jahre europäischer Geschichte mit einem Handstreich aufwiegen, neutralisieren. Das ist schwierig. Der Kontinent spricht viele unterschiedliche Sprachen. Manche Staaten waren bis in die 1970er-Jahre Diktaturen. Mit den ehemaligen Ostblock-Ländern wurde später ein weiterer Fremdkörper integriert, dessen Andersartigkeit negiert. Die Hälfte der Unionsmitglieder presste sich erst kürzlich in eine gemeinsame Währung, die nur recht und schlecht funktioniert. Bei der erstbesten Flüchtlingswelle, statistisch ein Nichtereignis, wurden die Grenzkontrollen wieder eingeführt, die zuvor als eine der großen Errungenschaften gepriesen worden waren.

Europa ist ein Elitenprojekt geblieben

Dabei folgte schon der Gründungsakt einem gewagten Gedankengang. Die EU basiert auf einer paradoxen Intervention: Der Hass zwischen den europäischen Völkern sollte kausal sein für deren Liebe. Kein Wunder, dass Europa stets ein Elitenprojekt geblieben ist, das nur über wirtschaftliche Projekte vorangetrieben werden konnte. Andere Argumente, auch militärische, fanden keinen Boden.

Liebe Briten, wir werden euch vermissen. Nicht weil wir euch mögen. Nur aus egoistischen Motiven.

[email protected] Twitter: @chr_rai