<small><i>Christian Rainer</i></small>
Comandante Francisco

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Comandante Francisco

Der neue Papst hat eine radikale politische Agenda. Das macht ihn auch abseits seines Glaubens interessant.

Wie unterschiedlich die Rezeption des Themas Kirche sein kann, illustrieren zwei Titelseiten österreichischer Tageszeitungen vom Donnerstag der Vorwoche: Während „Die Presse“ am Tag nach der Wahl nachgerade patriotisch im Sinne eines geeinten Christenvolkes (und falsch durch die Nummerierung) „Franziskus I.“ schrieb, blieben die „Salzburger Nachrichten“ mit der Headline „Die Katholiken haben einen neuen Papst“ in der Position des neutralen Beobachters.

Die „SN“ bilden da freilich die Ausnahme. Wie hier bereits aus Anlass des Rücktritts von Benedikt XVI. geschrieben: Die Welt – und beileibe nicht nur die westliche oder gar nur die katholisch geprägte – übt sich in diesen Wochen mit besonderer Hingabe in der Gleichmacherei. Selbst quer durch Städte wie Wien entsteht ein trügerisches Wir-Gefühl, als wäre der Katholizismus hier Staatsreligion und nicht ein Minderheitenprogramm mit 40 Prozent Anteil an der Bevölkerung. Positiv interpretiert steckt in dieser Überidentifikation ein gesundes Maß an Solidarität zwischen Nachbarn jenseits von Weltanschauungen. (Fährt Heinz Fischer als Bundespräsident von nun an zur Amtseinführung jedes Oberhaupts eines Kleinstaates?) Aus psychohygienischem Blickwinkel gesehen erlebt die Welt aktuell freilich ein Übertragungsphänomen, und zwar ein epidemisches.

Durch die Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Papst bekommt die Identifikation mit einer Fremdfigur nun allerdings eine neue Wendung. Anders als sein unmittelbarer Vorgänger, der stets wie ein missmutiger Archivar innerkirchlicher Angelegenheiten wirkte, steht der Argentinier für weltliche Probleme: Von seinen Mitkardinälen wird er ob seiner Profanität als „Heiliger“ bezeichnet – er wurde offensichtlich unter anderem gewählt, weil er sich in charismatischer Weise um die Armut in seinem Wirkungskreis kümmerte.

Das bringt zwei interessante Aspekte in die Diskussion um das Pontifikat: Einerseits gewinnt Franziskus Gewicht über die Grenzen seines und jedes anderen Glaubens hinweg, bekommt Bedeutung auch für Nichtchristen, Agnostiker, Atheisten. Andererseits könnte er so auch schnell in Widerspruch zu vielen geraten, die sich eben erst lustvoll mit ihm und seiner Entourage identifizierten.

Die konfessionelle Presseagentur „Kathpress“ charakterisierte ihren neuen Boss in einer Aussendung am vergangenen Freitag so: „Der Lateinamerikaner schreibt mit seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche gleich dreimal Geschichte.“ Mit Bergoglio sitze zum ersten Mal „ein Südamerikaner, ein Jesuit und ein Franziskus auf dem Petrusstuhl“. Das ist eine nachgerade gottlos oberflächliche Betrachtung. Wahr ist vielmehr, dass mit Franziskus erstmals ein Mann Papst wurde, der das Zeug zum Klassenkämpfer hat.

Eine augenfällige Parallele: Karol Wojtyla wurde im Jahr 1978 auch deshalb Papst, weil er als Machtfaktor im drängendsten Konflikt seiner Zeit wirken sollte – im Kalten Krieg und gegen den Kommunismus; tatsächlich hat er Entscheidendes zum Ende des einen wie des anderen beigetragen. Die Verbindung zu Bergoglio: Wiederum wurde eine Person ob ihrer geografischen Herkunft und politischen ­Haltung ausgewählt und wie damals vor dem Hintergrund der größten Verwerfung seiner Zeit. Diese Verwerfung besteht heute nicht mehr im militärischen Konflikt zwischen West und Ost, sondern in der sozialen Disparität zwischen Arm und Reich, vulgo Nord und Süd.

Denn die Verteilung des Wohlstands hat sich mehrfach in Richtung Ungerechtigkeit verschoben: Mit dem Heranreifen ehemaliger Dritte-Welt-Regionen wie Asien und Brasilien und dem Zurückbleiben anderer wie Afrika hat diese Verschiebung eine globale Dimension. Daneben ist das Gefälle lokal steiler geworden: in den neuen Boom-Ländern, aber auch in der alten entwickelten Welt. Zusammengefasst: Die Einkommensschere geht weltweit auf, das Verhältnis von Vermögenden zu Nichtshabern ändert sich entsprechend. Neben der drohenden Klimakatastrophe ist dies das größte Problem der Weltbevölkerung, die daraus resultierenden Folgen für die politische Stabilität der Erde sind unabsehbar.

Zu wenig beschrieben in diesen Tagen: Der Bischof aus Buenos Aires repräsentiert diesen Konflikt auch abseits seines Glaubens. Er stammt aus einer betroffenen Region, und er widmete sein Leben dem Widerspruch von Arm und Reich. Jetzt hat er als Papst Franziskus auch die Autorität, ihn auszuräumen.

Was zu neuen Friktionen und Widersprüchen führen muss: Die Kurie in Rom wird einer Wandlung der katholischen Zentralmacht zu einer Mischung aus Caritas und Revolutionsbüro doch eher zögerlich zustimmen. Und schließlich: Wie werden all jene westlichen Wohlstandsbürger reagieren, die dem neugewählten Papst eben noch gnädig huldigten, wenn er ihnen nimmt, was er an die Armen in der Welt verteilen will? ■

christian.rainer@profil.at