<small><i>Christian Rainer</i></small>
Das Auto und das Ende der Welt

Eine überfällige Debatte – und was ­unsere Enkel dazu sagen werden.

Heftig wie selten ein Diskurs im öffentlichen Raum gerieten die Reaktionen auf unsere Titelgeschichte vom 14. Mai. „Die gefährlichste Erfindung der Welt“ hatten wir großspurig auf das Cover geschrieben und am unteren Rand der Seite ein unschuldiges Spielzeugauto geparkt. Was dann passierte, konnten Sie anhand der Leserbriefe dieses Magazins nachvollziehen. Auf der einen Seite empörten sich dort machtbewusst die Vertreter der Autoindustrie. Der Autohandel hatte eigens wegen des profil-Artikels eine Sondersitzung der Industriellenvereinigung einberufen. Auf der anderen Seite erreichte uns leisere, aber quantitativ weit überlegene Zustimmung von Lesern – die überdies gratulierten, dass wir derart ungeniert über unsere Anzeigenkunden schrieben. (Rund 15 Prozent des profil-Inseratenumsatzes kommt tatsächlich von Automarken, und – ja – es gab ausgesprochene und unausgesprochene Drohungen.)

Wir finden die Debatte wichtig. Wir ließen unseren Kolumnisten Helmut Gansterer daher fantasieren, dass fette Limousinen gesünder für die Umwelt seien als kleine Spritsparer. Wir luden „Autorevue“-Chefredakteur Christian Kornherr, der uns in seinem geschätzten Magazin „arger Fehlleistungen“ zeiht, zu einem Gastkommentar ein. In dieser Ausgabe schreibt Wolfgang Pauser, über Jahre Autokolumnist der „Zeit“, einen Text.
Erlauben Sie mir auch einige Bemerkungen!

Bekanntlich (oder auch nicht) verbindet mich seit meiner Kindheit eine besondere Beziehung mit Autos. Kaum ein Fahrzeug, das ich besessen habe, verbrauchte weniger als 15 Liter Benzin pro 100 Kilometer. In einer Garage im dritten Wiener Gemeindebezirk steht ein (relativ wertloser) Ferrari 412i, der es mit 3-Gang-Automatik auf 40 Liter in der Stadt bringt. Ausgerechnet in der Erscheinungswoche des profil-Auto-Covers war ich bei der Mille Miglia in Italien, ­einer Oldtimer-Rallye.

Wenn Sie nun meinen, in meiner Brust schlügen eben zwei Herzen, dann irren Sie sich. Vielmehr halte ich Autos tatsächlich für eine hochproblematische Angelegenheit. Das Verhältnis der Menschen zu Autos ist keine Herzenssache, sondern eher ein psychischer Prozess, der zentral die Verdrängung der Frage beinhaltet, ob wir unseren Nachfahren nicht die Lebensgrundlage stehlen; er verlangt die Unterdrückung des Gedankens, dass wir grob fahrlässig an der Ausrottung der Menschheit arbeiten.

Insofern interessieren mich im Zusammenhang mit dem Thema Auto nur am Rande Feinstaub, Verkehrstote, die Lärmbelastung oder die Lebensumstände in den Städten. Entscheidend erscheint mir der Verbrauch fossiler Brennstoffe und der damit in Zusammenhang stehende Klimawandel. Was werden unsere Enkel ­sagen, wenn wir das gesamte Erdöl unwiederbringlich verbrannt haben, sodass lebensnotwendige Dinge wie Medikamente, Dünger, Kunststoffe nicht mehr ausreichend erzeugt werden können – vom Heizen und Kühlen ganz zu schweigen? Was werden sie sagen, wenn das Leben auf der Erde durch globale Erwärmung unmöglich wird? Sie werden sagen, dass wir mit unserem Leben ihren Tod in Kauf genommen haben.

Was sagen die Autoapologeten dazu? Sie betreiben Güterabwägung. So habe profil in seiner Geschichte nicht auf die Millionen Arbeitsplätze hingewiesen, die alleine in Europa der Autoindustrie geschuldet sind. Polemische Antwort: Was wiegen Arbeitsplätze gegen den Untergang der Menschheit?

Sie weisen auf Ungenauigkeiten in der Argumentation hin. So sei der „Tanktourismus“ bei den Emissionen nicht abgezogen worden. Geschenkt (dann emittieren eben die Deutschen oder die Italiener unser Benzin)!
Sie sprechen von „Weltfremdheit“. Wie etwa sollten Pendler zum Arbeitsplatz und Mütter am Land zum Kindergarten kommen? Stimmt. Aber wenn sich nicht schnell etwas ändert, wird sich dieses Problem mangels Menschen nicht mehr stellen.

Sie erklären, dass Autos nur teilverantwortlich für Erdölkonsum und Klimawandel sind. Stimmt auch. Wir müssen alle Verursacher einbeziehen, nicht nur die Singles im SUV.

Sie sprechen von Alternativen. Zur Klimakatastrophe gibt es auf Basis der prognostizierten Entwicklung aber ­keine Alternativen, zum Ressourcen­verbrauch nur Traumgebilde wie Kernfusion und unzulängliche Technologien wie die Solar­energie.

Sie weisen auf die Fortschritte der Automobiltechnik hin. Ganz toll. Aber irgendwann (ja, wegen Katalysator & Co einige Milli­sekunden der Erdgeschichte verzögert) wird dennoch alles endgültig verbraucht sein und die Erde fatal erwärmt.

Und schließlich: Sie wissen um das Dilemma. Auch sie hätten Kinder und Enkel, für die brauchten sie kurzfristig den Paycheck – und langfristig eine ganz andere Strategie, so nicht wenige Vertreter von Industrie und Autohandel.

christian.rainer@profil.at