Christian Rainer: Dei ex Machina

Christian Rainer: Dei ex Machina

Wie geht es dem Land nach dem politischen Hochwasser?

Noch mal davon gekommen und das gut. Ein Herr wird Bundespräsident und nicht das Schmuddelkind. Der Halbgott der freien Rede ist Kanzler und nicht weiter das Maschek-Sprachmodul. Die beiden sind überdies kausal verkettet. Denn wäre Nummer zwei nicht zeitnah als Deus ex Machina erschienen, dann wäre Nummer eins nicht geworden, was er werden musste, um das Ansehen der Republik zu retten. Alexander Van der Bellen und Christian Kern, ausnahmsweise mal zwei Helden im denkmalfreien Österreich, so irgendwie stellt sich uns das in diesen Tagen dar.

Aber es ist anders.

Aus Polarität kann nicht über Nacht Gleichförmigkeit entstanden sein. Hass wird zu Liebe nur im christlichen Narrativ und über biblische Zeiträume gerechnet. Die Halbwertszeit von Misstrauen ist an jener von radioaktivem Abfall zu messen. Die Befindlichkeit der Österreicher schwankt zwischen unbefundet und aggressiv kränklich.

Wie kam’s?

Die Spaltung des Landes kann man nicht wegreden, nur weil man sie nicht haben will. Das wird allerorten versucht. Vergeblich. Da wählte die Hälfte aller Menschen einen einzelnen Menschen, weil sich der Ärger über andere Menschen so weit aufgestaut hatte, dass auf die dubiose Ideologie dieses einen Menschen vergessen wurde. Die andere Hälfte der Österreicher wählte den anderen, nur weil ihr vor dem anderen anderen grauste. So war die Bundespräsidentenwahl keine Entscheidung für etwas, sondern nur gegen.

Die Hofer-Wähler haben nicht bekommen, was sie wollten. Ihr Wahlmotiv Ablehnung wendet sich jetzt nicht mehr nur gegen die abstrakte Große Koalition und ihre realen Exponenten, die Ablehnung wendet sich nun gegen alle, die verhindert haben, dass sie bekamen, was sie bekommen wollten. Der Hass der Hälfte richtet sich auf die andere Hälfte. „Ihr Pseudointellektuellen in Wien“, schimpfte mich vergangene Woche ein Angehöriger der Pseudoelite in der Steiermark öffentlich. Unter anderen Umständen hätte er stellvertretend für 49,7 Prozent vielleicht zugelangt. Ich hätte mich stellvertretend für 50,3 Prozent sicher gewehrt.


Die Spaltung des Landes kann man nicht wegreden, nur weil man sie nicht haben will.

Doch wir Van-der-Bellen-Wähler bilden ja auch keinen Stabilisator in diesem unruhigen Fahrwasser. Noch müssen wir das Mikrotrauma der prolongierten Wahlentscheidung verarbeiten, 20 Stunden warten auf dem Hochseil zwischen Gut und Böse, das hat sich in die Fußsohlen eingekerbt. Zugleich merken wir, dass auch wir die andere Hälfte des Landes unmöglich finden. Aber die Entfremdung bezieht sich ja nicht nur auf die Hofer-Wähler, die Entfremdung entfremdet uns von uns selbst: Van der Bellen hat im ersten Wahlgang 20 Prozent bekommen, im zweiten haben sich 1,34 Millionen Menschen zusätzlich für ihn entschieden. Sie sind fremdgegangen, nicht ihr Kandidat, zweite Wahl, eine Notmaßnahme, die nun für sechs Jahre ihr Präsident sein wird.

So gerechnet haben vier von fünf Österreichern nicht jenes Staatsoberhaupt bekommen, das sie ursprünglich haben wollten. Ein stabiles Fundament unter der Staatsspitze ist das nicht.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Ballhausplatzes in Wien: der neue Kanzler. Er hat also den neuen Bundespräsidenten ins Amt gehoben. Unverhofft kommt oft. Aber gleich doppelt?

An dieser Stelle wurde regelmäßig behauptet, im Widerstreit der Parteien wiegt Persönlichkeit weit schwerer als Inhalte; was zählt, sind Kommunikation und Charisma. Und da ist Christian Kern erster Sieger. Aber wird das reichen?

Die ersten Wochen sind desillusionierend. Auf der Haben-Seite kann Kern jetzt seine Antrittsrede verbuchen. Die Regierung insgesamt hat mit ihrem Doppelschlag gegen Kammern und Sozialversicherungen Punkte gemacht, das riecht nach einer Reformpartnerschaft, wie wir sie aus der Steiermark kennen (die freilich Franz Voves den Job gekostet und die Blauen hinaufgespült hat). Auf der Soll-Seite hingegen sammelte sich schnell einiges: Selbstverschuldet verhedderte sich der Kanzler in den Flüchtlingszahlen. Ohne Schuld gab es ein Geplänkel innerhalb der Regierung. Mit Schuld der ÖVP streiten die Koalitionsparteien: Im Gehabe von Heinz-Christian Strache und im Verdacht einer Überdosis an Amphetaminen forderte der Wiener VP-Chef den Rücktritt des Kanzlers. Leider nicht nur lächerlich und selbstschädigend, vielmehr der Feind im eigenen Bett, die erste Beschädigung dieser Regierung.

Zusammenfassend: viele Wunden, wenige Wunder für das Land, das Staatsoberhaupt und die Regierung.

christian.rainer@profil.at
Twitter: @chr_rai