Leitartikel

Christian Rainer: Die Ratlosigkeit ist pandemisch

Wir haben uns erstaunlich gelassen an die Ausnahmesituation gewöhnt. Gedanken über die hoffnungsfrohe Hoffnungslosigkeit.

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2022 also. Das Jahr beginnt mit Rekordzahlen an Neuinfektionen, den höchsten seit Beginn der Corona-Pandemie. Stimmt schon: Die Intensivstationen der Krankenhäuser sind relativ dazu noch mäßig belegt. Aber ob das so bleibt, kann weder die Politik noch die Wissenschaft beantworten. Omikron lässt die Welt ratlos zurück. Das vielleicht beste Journalistenkollektiv der Welt, die Redaktion der „New York Times“, mutmaßt: In manchen Ländern flache die Ansteckungsrate etwas ab. Das sei vielleicht ein Zeichen für ein nicht allzu fernes Ende der Omikron-Ausbreitung. Also ein gutes Zeichen. Man habe ähnliche Zyklen bei anderen Virusvarianten gesehen.

Was aber, wenn die nächste Mutation genauso ansteckend ist, aber so tödlich wie MERS oder SARS? Wir wussten noch nie so viel über diese Seuche und noch nie so wenig.

Die Politik wirkt derweil paralysiert. Neue Stabstellen werden eingerichtet: Gecko. Mit einer paradoxen Intervention soll das bedrohlichste Kleidungsstück der Welt, ein Tarnanzug, die Menschen beruhigen; soll ein potenziell todbringender General des Militärs möglichst viele Leben retten. Noch ein Paradoxon: Das Land, das stets zu langsam war mit seinen Maßnahmen, weil die Regierungsspitze tagesaktuell auf ihre Beliebtheitswerte schielte, das sich als Testweltmeister feiern ließ, ist nun das erste mit einer allgemeinen Impfpflicht (abgesehen von Tadschikistan und dem Vatikan). Die üblichen Verdächtigen versuchen dieses Vorhaben zu hintertreiben: Der burgenländische Landeshauptmann lässt keine Gelegenheit aus, um sein Ego auf Kosten der Autorität seiner Parteivorsitzenden zu füttern. Was den Präsidenten der Wirtschaftskammer, ebenfalls gerne ein Eigenbrötler im Denken, dazu bewegt, die Impfpflicht zu hinterfragen, erschließt sich hingegen nicht. 

Mit einer paradoxen Intervention soll das bedrohlichste Kleidungsstück der Welt, ein Tarnanzug, die Menschen beruhigen.

In der Sache ist man mit dem Latein am Ende. Mit der Impfpflicht sind die Maßnahmen gegen das Virus ausgeschöpft. Ein Lockdown würde gegen die ansteckende Omikron-Variante wenig wirken. Da bildet Österreich keine Ausnahme. Die Ratlosigkeit ist pandemisch geworden wie das Virus. Die Welt spielt auf Zeit, arbeitet mit der eindämmenden Wirkung der Impfung, hofft auf weniger virulente Varianten. Ein bisserl Endzeitstimmung.

Umso erstaunlicher erscheint, mit welcher Gelassenheit die Menschen dieser Realität begegnen. Wer nicht in Kriege verstrickt war, nicht aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Syrien oder Afghanistan geflüchtet ist, hat nichts erlebt, das den vergangenen Jahren ähnelte. Ausgangssperren, Kontaktbeschränkungen, geschlossene Geschäfte, Homeoffice, Chaos in Schulen und Kindergärten, überlastete medizinische Infrastruktur, das Ende der Reisefreiheit, Inflation, Angst vor Erkrankung und hohe Übersterblichkeit, Kontrollen und Überwachung allerorten. 

Doch die Anpassungsfähigkeit ist enorm. Verzweiflung ist kaum jemandem anzusehen. Die Menschen fügen sich dem Schicksal geschmeidig. Wir nutzen die verbliebenen Freiheiten. Nachgerade lächerlich ist der Widerstand, der sich bildet. Die Demonstrationen gegen die Maßnahmen der Obrigkeit bleiben im kleinen Rahmen. 40.000 Personen auf der Wiener Ringstraße sind ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft. Zum Lichtermeer 1993 waren an die 300.000 gekommen (für ein altruistisches Anliegen). 600 Polizisten sorgen für große Aufregung, weil sie dem Innenminister einen kritischen Brief geschrieben haben; wahrscheinlich waren es nicht einmal 600, sondern viel weniger.

Die veränderte innenpolitische Wetterlage tut wohl. Niemand vermisst jenen Eiferer, der die Pandemie als seine persönliche Agenda gekapert hatte. Man darf den Eindruck gewinnen, dass der neue Bundeskanzler um Konsens bemüht ist, dass er Selbstkritik nicht mit Selbstbespiegelung verwechselt. Überraschend, dass sich die verbliebenen Adepten, die Edtstadlers und die Schallenbergs zum Beispiel, so schnell in die neuen Verhältnisse fügen konnten.

Streift uns mit dieser Pandemie ein Hauch der Geschichte? Bekommen wir eine Ahnung davon, was über die vergangenen Jahrhunderte die Normalität der Menschheit war – Kriege, Krankheiten, Siechtum, Hungersnöte, Armut, politische Verfolgung und Unterdrückung? Ist die Menschheit angesichts dieser Vergangenheit viel leidensfähiger ausgestattet, als wir dachten? Gibt uns Corona endlich eine Ahnung davon, was der Klimawandel an Katastrophen auslösen wird? Werden wir irgendetwas gelernt haben, wenn wir uns der Pandemie entwunden haben? Werden wir uns jemals entwinden? Gibt es ein Zurück zu einer Normalität?
Wissen wir alles nicht.

Christian   Rainer

Christian Rainer

Chefredakteur und Herausgeber