<small><i>Christian Rainer</i></small>
Dümmer?

<small><i>Christian Rainer</i></small>
Dümmer?

Wenn Politiker überzeugt sind, man könne mit dem richtigen System im Casino gewinnen, bedeutet das …

...nichts Gutes.

Vor zwei Wochen widmeten wir uns an dieser Stelle der Frage, ob das österreichische Führungspersonal korrupter ist als die Kolleginnen und Kollegen im vergleichbaren Ausland. Die Antwort auf Basis der laufenden Korruptionsverfahren (und des noch skandalöseren Abwürgens eines parlamentarischen Ausschusses) hieß „Ja“. Jedenfalls unter der Voraussetzung, dass zum Maßstab für „vergleichbares Ausland“ nicht Ungarn oder die Ukraine gemacht wird, sondern Deutschland oder Dänemark.

Dieses Mal wollen wir untersuchen, ob die von uns beschäftigten, bezahlten, oft auch gewählten Herrschaften dümmer sind, als … ja, als wer eigentlich? Hier erscheint das Ausland als Vergleichsnorm zum Komparativ weniger interessant als etwa der gesunde Menschenverstand. Die Frage verständlicher ausgedrückt: Sind Österreichs Politiker dümmer, als man es von durchschnittlich gebildeten und erfahrenen Menschen erwarten darf, von Menschen, denen man die Verantwortung für die innere und äußere Sicherheit der Republik übergeben will, eine Vollmacht für die laufenden Geschäfte und die zukünftigen Pensionen?

So verlockend es wäre, die Frage an der „äußeren Sicherheit“ festzumachen, somit an der nahenden Volksbefragung über die Wehrpflicht und den bis zu jenem ominösen 20. Jänner doch garantiert vorliegenden, von hochrangigen internationalen Militärstrategen erarbeiteten Konzepten zur österreichischen Landesverteidigung – bis dahin ist ja noch etwas Zeit. Vielmehr wollen wir eine weitere aktuelle Entwicklung zum Anlass nehmen, um ein wenig nachzudenken, genauer gesagt, um Politikern beim Nachdenken zuzusehen: die so genannten Spekulationsverluste in Salzburg samt ähnlichen Vorfällen zwischen St. Pölten und Linz.
Aus Zeitungen und Magazinen, auch aus dem vorliegenden, erfahren wir, dass in Salzburg 340 Millionen Euro „verspekuliert“ wurden, von unauffindbaren 445 Millionen ist die Rede und dann wieder von ominösen 1,8 Milliarden Kredit. Was vorgefallen ist, wissen bisher weder die Landeshauptfrau noch deren zurücktretender Landesrat David Brenner, ja nicht einmal die beigezogenen Experten. Einen Hinweis gibt allenfalls eine Vollmacht von Brenner, wonach die Finanzabteilung des Landes neben klassischen Veranlagungen und Krediten zum Beispiel folgende Geschäfte abschließen darf: „börsliche und außerbörsliche Optionsgeschäfte auf Börsenindizes, Wertpapiere und Financial Futures“, „Finanzterminkontrakte“, „Devisentermingeschäfte“, „börsliche und außerbörsliche Devisenoptionsgeschäfte“, ­„Finanz-Swaps“, „sonstige strukturierte Derivate“. Limit des Ausmaßes dieser Geschäfte: keines.
Die Aufzählung der komplexen Finanzprodukte und das Vertrauen der Salzburger Landesregierung in ihre Beamtenschaft, dass diese damit ohne Begrenzung ertragreich wirtschaften kann, lässt zwei Schlüsse zu: Entweder die genannten Politiker (und in ähnlicher Weise ihre Pendants in anderen Bundesländern) sind hochintelligent oder sie sind ziemlich dumm (und daneben noch verantwortungslos in einem Ausmaß, welches sprachlos macht).

Es wird niemanden wundern, dass ich mich überaus kräftig zur zweiten Variante hingezogen fühle. Das liegt sehr nebenbei daran: Ich staune. Österreichische Provinzpolitiker meinen, sie und ihre Mitarbeiter könnten bei ihren Finanztransaktionen – vulgo Spekulationen – gegen hoch spezialisierte internationale Banker, Fondsmanager, Investoren bestehen, also ein gewinnbringendes Geschäft daraus machen. Das ist etwa so wahrscheinlich wie der Sieg meiner zehnjährigen Töchter Noomi und Lola gegen den amtierenden Schachweltmeister Viswanathan Anand (o. k., der Sieg ist wahrscheinlicher).

Was direkt zu meinem Hauptargument führt. Offensichtlich hat ein großer Teil der österreichischen Elite den Charakter von Bankgeschäften nicht verstanden. Es geht ausnahmslos immer darum, dass alle Marktteilnehmer Geld verdienen wollen, aber im Schnitt niemand mehr verdienen kann, als die Realwirtschaft hergibt. Wie auch? Mehr Verdienst wäre nur möglich, wenn aus dem luftleeren Raum reale Werte, Autos, Diamanten, Erdöl gezaubert werden könnten (was ich für sehr unwahrscheinlich halte).
Diese simple Verbindung der Geldwirtschaft zur tangiblen Welt besteht bei Haben- und Sollzinsen, die in enger Relation zu dem in Unternehmen investierten Kapital stehen, in ähnlicher Form für Anleihen und für Direktbeteiligungen wie Aktien. Für ihre Vermittlertätigkeit behalten Kreditinstitute eine Dienstleistungsgebühr ein, manchmal beteiligen sie sich als Investmenthäuser selbst, und meist konstruieren sie überdies jene komplizierteren Geldprodukte, an denen Salzburg zu ersticken droht. Wenn die professionellen Geldhäuser ordentlich arbeiten, ist ihr Risiko so breit gestreut, dass sie aufgrund einzelner riskanter Geschäfte niemals in Schieflage geraten können. Wo hier Brot- und Buttergeschäfte vorliegen und wo Spekulation, ist eine reine Definitionsfrage und sehr oft eine lächerliche.

Wenn also jemand an einer Ecke des Marktes einen Euro über das hinaus verdient, was die Realwirtschaft hergibt, dann muss jemand an einer anderen Ecke des Marktes diesen Euro verlieren. Sehr dumm ist es in der Folge, darauf zu vertrauen, man könne diese Logik mit einem eigenen schlauen System aushebeln. Es ist gleich dumm, wie zu glauben, die Bank im Casino sei durch ein systematisches Setzen von Jetons zu besiegen. Wenn jemand 340 Millionen Euro aufs Spiel setzt, am Roulettetisch oder auf den Finanzmärkten, dann besteht immer die Gefahr, dass dieses Geld verloren geht – weil jemand anderer es verdient.

christian.rainer@profil.at