Christian Rainer: Das Ende der Geschichten

Christian Rainer: Das Ende der Geschichten

Wird Trump wiedergewählt? Und Kurz? Hier finden Sie keine Antworten auf diese Fragen.

„Kurier“-Redakteur Konrad Kramar schreibt über Francis Fukuyama: „Eigentlich hat ihn ja ein Denkfehler weltberühmt gemacht.“ Damit ist vieles über den Wert von wissenschaftlichen Studien zur Entwicklung der Weltpolitik gesagt. Der Politologe und Autor Fukuyama war vergangene Woche in Wien, um sein neues Buch – „Identität“ – vorzustellen. (profil hat ihn interviewt und seine Thesen auf ihre Validität abgeklopft – ab Seite 42.) Tatsächlich hatte er vor 30 Jahren unter dem zum intellektuellen Schlagergut gewordenen Titel „Das Ende der Geschichte“ prophezeit, die liberalen Demokratien würden sich endgültig als weltweites politisches System durchsetzen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Zerfall der Sowjetunion sah es ja auch wirklich so aus.

Müssen wir im Detail darauf eingehen, wie groß jener „Denkfehler“ war? Derzeit scheint es nicht so, als würde sich eine liberale Weltordnung durchsetzen – und endgültig schon gar nicht. Die zukünftige Rolle von China mit seinem damals noch unbekannten Zwittersystem – Einparteiendiktatur, verzahnt mit Marktwirtschaft – war unterschätzt worden. Und das rohstoffgestützte Erstarken des Führerstaates Russlands hatte nicht nur Fukuyama im Siegesrausch nach dem Kalten Krieg für unmöglich gehalten. Das sind zwei konkrete Fehleinschätzungen, denen wir alle unterlagen.

Vor allem aber hatten wir die Entwicklungen im sogenannten Westen nicht vorausgeahnt, also dort, wo vor 30 Jahren schon saubere demokratische Verhältnisse herrschten: das Einsickern von faktenfernem Populismus in unsere Gesellschaften, der zur Rückkehr des Nationalismus führte, zu Trump, zum Brexit, zur Raubtiermentalität in der östlichen Europäischen Union und auch zur überwältigenden Beliebtheit der aktuellen österreichischen Regierung.

Es wäre verführerisch, hier in Richtung einer Intellektuellenschelte abzubiegen, also Politikwissenschafter wie Fukuyama und seinesgleichen als nichtsnutzige Denker abzustempeln. Damit würde man aber nur dem eben erwähnten machtmaximierenden Populismus in die Hände spielen: Es sind ja oft dessen Repräsentanten, die den geisteswissenschaftlichen Diskurs (abseits des Katechismus) für (selbstredend „linken“) Unterschleif halten. Merke: Das Hinterfragen von Sachverhalten, die Reflexion auf einer Metaebene, der Wettstreit von Thesen und Antithesen sind regelmäßig redlicher als die Wahrheitsfindung nach den Hochs und Tiefs einer Wetterkarte.


Das Heute war nicht einmal gestern absehbar.

Statt zynisch abzuqualifizieren: Starten wir noch einen Versuch über die Unvorhersehbarkeit des Weltgeschehens! Dazu müssen wir nicht 30 Jahre zurückgehen. Ein Jahrzehnt reicht: Das Heute war nicht einmal gestern absehbar.

2009 war die politische Welt in Ordnung, während die ökonomische in Trümmern lag. 2009 wurde Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Nach acht dumpfen Bush-Jahren kam er als Befreiung nicht nur für liberal denkende Menschen. In Europa wurde keck über die Verdichtung der Union zu einem Bundesstaat diskutiert. Angela Merkel sorgte für Stabilität. Zeitgleich stand die Wirtschaftswelt bereits seit einem Jahr vor dem Zusammenbruch. In den USA zog die Subprime-Mortgage-
Krise die Aktienmärkte in die Tiefe und die Unternehmen in die Rezession. In Europa war das Ende des Euro durch Griechenland greifbar, die Volkswirtschaften stotterten bei hoher Arbeitslosigkeit. Zehn Jahre später zeigt sich das Bild gespiegelt: politisch ein Desaster, ökonomisch Schlaraffenland. In den USA regiert ein sexistischer Borderliner. Europa bringt nicht einmal den Brexit auf die Reihe. Die Populisten untergraben die Union und die Menschenrechte. Zeitgleich: Die Aktienmärkte haben eine beispiellose Hausse hinter sich (zusätzlich beflügelt durch den Borderliner). Die gute Konjunktur hält seit Jahren. Die Arbeitslosenraten erreichen historische Niedrigstände.

Vor zehn Jahren hätte niemand diese Vorzeichenumkehr prophezeien können. Zu viele Faktoren spielten ihre Rolle. Keiner hatte die dominierenden Einflüsse wie Migration, Mittelschichtängste, digitale Disruption erahnt.

Was heißt das für die Zukunft? Es heißt, dass wir nicht beantworten können, ob Donald Trump nach 2020 und Sebastian Kurz nach 2022 noch regieren werden. Das Ende der Geschichte kommt alle paar Jahre neu.

christian.rainer@profil.at
Twitter: @chr_rai