Christian Rainer: Ist Glawischnig Trump?

Christian Rainer: Ist Glawischnig Trump?

Zum Abgang eine Medienschelte. Das haben wir uns nicht verdient. Nicht von der grünen Politikerin, nicht von Mitterlehner.

Was Eva Glawischnig als Titel dieses Textes liest, korreliert passgenau mit den Sätzen, die sie uns bei ihrem Abschied hingeworfen hat. Die „politische und mediale Aggressivität“ habe „wahnsinnig zugenommen“. Sie appelliere an Politik und Medien, nicht weiter „dramaturgisch brutal zu überspitzen“. Und nahtlos fuhr Glawischnig fort, dass es nicht nur im Internet, sondern auch in der Medienbranche „einzelne Persönlichkeiten gibt, die die Republik regelrecht vergiften und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“, weil sie „journalistische Sorgfalt und Recherche vermissen lassen“ oder „einfach sexistische Machos“ seien.

Na bumm! Die bösen Medien. Die abtretende grüne Parteichefin macht uns wenig subtil für ihren Rücktritt verantwortlich. Der abtretende ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner hat Tage zuvor dieselben Täter identifiziert und Armin Wolf als Abtrittsanlass herausgepickt. Der amerikanische Präsident baut seit Monaten in vergleichbarer Weise vor – dies, Frau Glawischnig, ist meine „brutale dramaturgische Überspitzung“ –, indem er von einer noch nie dagewesenen „Hexenjagd“ durch Fake News verbreitende Journalisten spricht.

Man lasse mich noch weiter „brutal überspitzen“: Immerhin hat Herr Trump den Mut bewiesen, die Betroffenen, allen voran die „New York Times“, beim Namen zu nennen.

Nein, ich teile die Analyse von Frau Glawischnig nicht. Und weil sie aus verschiedenen Gründen so unpassend ist, kann sie mich auch nicht nachdenklich machen, ruft nicht nach Selbstreflexion, zu der eine weniger subjektive und weniger emotionale Vermessung der Medienlandschaft durch einen ausscheidenden Politiker, der doch ohnehin nichts mehr zu verlieren hat, vielleicht anregen könnte. Besonders bedauerlich finde ich, dass sich ausgerechnet eine Vertreterin der Grünen, bei denen die differenzierte politische Diskussion doch beheimatet ist, zu pauschalierenden Urteilen hinreißen lässt. Bei Herrn Mitterlehner bin ich in dieser Hinsicht gnädig.

Glawischnigs Pauschaliererei ist verzichtbar, fahrlässig, gefährlich. Sie vergleicht Ungleiches, macht gesunde Äpfel im Gemenge mit fauligen Birnen ungenießbar. Sie nennt in einem Atemzug journalistische Medien, ohne hier zu differenzieren, und das Internet, also Social Media wie Facebook und Twitter. Damit stellt sie mich auf eine Moralplattform mit dem subversiven Boulevardisten, dem psychopathischen Blogger, dem rechtsradikalen Poster.

Warum ist diese Politikerin auch im Wegtreten noch zu feig, zu sagen, wer denn „Sorgfalt und Recherche“ vermissen lässt? Meint sie die Tageszeitungen „Österreich“, „Heute“ oder die „Kronen Zeitung“? Oder hat ihr am Ende „Die Presse“ in konservativer „Zuspitzung“ eine drübergezogen? Wir wissen es nicht. Und warum dürfen wir nicht erfahren, wer die „sexistischen Machos“ sind? Meint Glawischnig Michael Jeannée oder Richard Schmitt oder Wolfgang Fellner? Für die Öffentlichkeit sind jetzt vermutlich alle Journalisten Gauner. Danke.


Die Abschiedsworte von Mitterlehner und Glawischnig könnten uns vergessen machen, dass die politische Öffentlichkeitsarbeit eine professionell eingespielte Maschinerie ist, wissenschaftlich unterfüttert und bisweilen im industriellen Ausmaß produzierend.

Aber Frau Glawischnig pauschaliert nicht nur, sie irrt auch, hat eine verzerrte Wahrnehmung: Die „Zunahme der politischen und medialen Aggressivität“ kann sie nicht beweisen, weil sie nicht richtig ist. Sie hat vergessen, wie Jörg Haider 20 Jahre lang Hass gesät hat und auch geerntet. Sie blendet den Hundertjährigen Krieg zwischen SPÖ und ÖVP aus. Sie denkt nicht an die Brutalität, mit der die Grünen selbst Oppositionspolitik betrieben haben, den Grenzgänger Johannes Voggenhuber, den Zyniker Peter Pilz. Offensichtlich ist sie auch nie das Objekt einer Kampagne von Hans Dichand mit der „Krone“ oder einer Story in den Anfangsjahren von „News“ geworden.

Schließlich darf uns auch stören, dass sich Politiker hier als willenlose Opfer gerieren, die 24/7 durch die Gegend getrieben werden. Da folge ich nicht dem Gedanken von Michael Völker im „Standard“, der mehr „Respekt und Rücksicht auf allen Seiten“ fordert, eher der Meinung von Rainer Nowak in der „Presse“, der säuberlich zwischen Journalisten und „Mob“ unterscheidet.

Die Abschiedsworte von Mitterlehner und Glawischnig könnten uns vergessen machen, dass die politische Öffentlichkeitsarbeit eine professionell eingespielte Maschinerie ist, wissenschaftlich unterfüttert und bisweilen im industriellen Ausmaß produzierend. Gerade der ehemalige Vizekanzler hat einen guten Teil seiner Arbeit der Selbstdarstellung gewidmet. Und Eva Glawischnig nicht minder: Sie war eine Meisterin der Inszenierung, gerne auch eine Queen der Yellow Press und gemeinsam mit ihrem „Dancing Stars“-Gatten Volker Piesczek ein gefeiertes Royal Couple. Ich wage zu behaupten, dass nicht alle einschlägigen Foto-Shootings und Boulevard-Titel ohne ihr Einverständnis entstanden sind.

Bei aller Anerkennung für die Arbeit an der Republik und bei aller Empathie gegenüber der Erschöpfung nach Jahrzehnten: Sie haben ihr Schicksal selbst in der Hand – und nicht wir Medien.

christian.rainer@profil.at
Twitter: @chr_rai