Christian Rainer: Und sie bewegen sich doch

Christian Rainer: Und sie bewegen sich doch

Die Schüler gehen nicht gegen die Regierung auf die Straße, sondern gegen den Klimawandel. Gut so?

Rudi Klein, Schöpfer des hier wöchentlich abgedruckten Cartoons, war am vergangenen Freitag in Linz. Er meint, auch er sei überrascht gewesen, wie viele junge Menschen gegen den Klimawandel auf die Straße gegangen sind. Warum „auch“? Weil ich selbst überrascht war, dass eine oft als unpolitisch und unbeweglich bezeichnete Generation sich da auf den Weg gemacht hat. „Sie schauen also doch nicht nur auf ihre Handys“, meint Klein: „Das gibt Hoffnung.“

Gibt es.

Es gibt nicht: belastbare Studien über Gewicht und Momentum des Engagements von Schülern und Studenten in der Zivilgesellschaft, erst recht nicht zur Entwicklung dieses Engagements über die Zeiten. Derartige Vergleiche hielten keinem Diskurs und keiner wissenschaftlichen Betrachtung stand: Die digitale Disruption hat flächendeckend Platz gegriffen. Wir befinden uns hier genau in jenem Schallraum, den die politischen Parteien seit einiger Zeit intensiv mit ihren Social-Media-Aktivitäten bespielen: Instagram, Facebook, Twitter, WhatsApp, Messenger, YouTube, Influencer, Bots, Programmatic Advertising. Wie intensiv die entsprechenden Aktivitäten der Jugend sind und welche Effekte das innerhalb und außerhalb der Communities hat, lässt sich nicht sinnvoll festmachen. Jedenfalls müssen die Auswirkungen überproportional stark sein im Verhältnis zu allen anderen gesellschaftlichen Verschiebungen, weil diese junge Generation in den Social Media überproportional stark engagiert ist.

Wenn sich Schüler im Jahr 2019 auf die Straße begeben und demonstrieren, ist das also nur die Spitze eines digitalen Eisgebirges, das es in der Vergangenheit nicht gegeben hat. Allerdings: Ob 10.000 Demonstranten in Wien vergleichsweise viele Menschen sind, lässt sich auch nicht beantworten, da sich die Mobilisierungskraft der Social Media völlig anders ausbreitet als mit den Plakaten und den Medien journalistischer Herkunft in der kürzlich vergangenen Steinzeit der Bürgergesellschaft.


Diese aktuelle Bewegung fokussiert auf das wichtigste Thema unserer Zeit und mit den richtigen, nun verfügbaren Mitteln.

Aber warum eine Demonstration gegen den Klimawandel? Zeigt sich vielleicht doch, dass diese Generation weniger tages- und innenpolitisch denkt und sich für andere Dinge interessiert? Möglicherweise stimmt das, wenn auch nur indirekt: Dass Schüler eher beim gesellschaftspolitischen Thema Erderwärmung heißlaufen als gegen eine Bundesregierung, liegt nahe. Auch das Lichtermeer 1993 und die Anti-Waldheim-Bewegung in den 1980er-Jahren waren nicht von pubertierenden Gymnasiasten getragen, sondern von jüngeren und älteren weißen Männern und Frauen. Erlaubt ist allerdings der Einwand, dass es die Studenten heute eher weniger auf die Straße treibt als damals, dass Hochschulpolitik nicht einmal als Interessensvertretung Wirkung entfaltet, dass die Jugendorganisationen der Parteien Personalreservoir sind und nur selten deren Kritiker.

Andererseits: War nicht auch die Besetzung der Hainburger Au gegen das dort geplante Kraftwerk ein Engagement für eine bessere Umwelt? Wäre es so gewesen, dann müsste man den damaligen Demonstranten vorwerfen, dass sie sich gegen erneuerbare Energie engagierten, also gegen die Klimaziele der aktuellen Demonstrationen. So war es aber nicht: Die Au-Besetzung war eine Machtprobe mit demokratiepolitischer Bedeutung – gegen die Selbstherrlichkeit von Gewerkschaften, Sicherheitsapparat und Parteibonzen. Die Schülerdemos vom vergangenen Freitag sind das alles nicht.

Dennoch: Diese aktuelle Bewegung fokussiert auf das wichtigste Thema unserer Zeit und mit den richtigen, nun verfügbaren Mitteln. Die digitale Vernetzung macht möglich, dass hier nicht lokal ein Schmetterlingsschutzprogramm aufgeblasen wird, sondern global die Überlebensfrage der Menschheit. Auch wenn Donald Trump und einige hochrangige FPÖ-Politiker daran zweifeln: Das weitere Verbrennen fossiler Rohstoffe führt zwingend in eine doppelte Katastrophe, die das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, ausrottet. Einerseits werden sich diese Ressourcen innerhalb weniger Generationen erschöpfen, sodass nicht nur Energiequellen, sondern auch die Rohstoffe für einen großen Teil lebenswichtiger Produkte fehlen. Andererseits führt dieses Verheizen bekanntlich zur Erderwärmung mit all ihren fatalen Folgen. Wer diese Zusammenhänge bestreitet und nichts dagegen unternimmt, ist entweder ein Idiot oder er nimmt das unausweichliche Massensterben wissentlich in Kauf.

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir die Angelegenheit noch in den Griff bekommen werden. Aber wenn diese kleinen Schülerdemos zum Lebensinhalt einer ganzen Generation würden, dann hätten wir noch eine Chance.

christian.rainer@profil.at
Twitter: @chr_rai