Christian Rainer: Gibt es gute Politiker?

Christian Rainer: Gibt es gute Politiker?

Trotz Gusenbauer und Faymann, mit Hoffnung auf Kern und entgegen allem Geschwätz: So schlecht sind die Minister nicht. (Und: Es geht nicht ums Geld.)

Zwei Anlassfälle, um darüber nachzudenken, weshalb das Reservoir an firmen Politikern ausgetrocknet scheint: Alfred Gusenbauer und sein Nachfolger Werner Faymann. Bei dem einen heißt es, er bekomme den Hals nicht voll – wider alle Ansprüche an die Moral, die man einem ehemaligen Bundeskanzler zuschreiben möchte; vom anderen wird gesagt, er sei nicht mehr auf Augenhöhe mit dem Amt, somit ein Sargnagel der SPÖ und in der Folge Wegbereiter für Heinz-Christian Strache.

Wir sind geneigt anzumerken, dass die beiden Genannten den Anwürfen wenig entgegenhalten.
Im Schatten der Kritik wirbelt altbekannt die Politikerschelte auf, verbunden mit der ebenso wenig innovativen Erkenntnis, es wolle sich eben niemand mehr diesen Job antun, ergänzt um die Vermutung, bei der vorgesehenen Bezahlung sei erst recht kein Spitzenmanager zu einem Jobwechsel zu bewegen.

Hier nun anlassgerecht: Stimmt das?

Dies wäre ein langweiliger Text, wenn ich nun schriebe: Ja, stimmt. Also: Nein, stimmt nicht.
Erstens: Schon die Behauptung, die heutigen Politiker seien ein müder Abklatsch von Helden der Vergangenheit, ist hanebüchen. Man mache sich die Mühe, die längst vergessenen Ministerlisten längst vergessener Regierungen rauf und runter zu deklinieren! Befund unzweifelhaft. Die Spitzenpolitiker im Jahr 2015 sind besser ausgebildet, faktenfester, fleißiger und womöglich sogar gewandter in der Rede als ihre Vorgänger. Auch weniger korrupt. Man nehme nur die aktuellen ÖVP-Minister her – das passt.

Warum der falsche Eindruck? Verklärte Vergangenheit. Vor allem aber weit höhere Anforderungen an Zeit, Wissen, Selbstdarstellung als früher.


Die Eitelkeit ist ein Hund, und der Titel auf der Visitenkarte bleibt ewig

Zweitens – der zwangsläufig nächste Satz im Smalltalk der Eliten: Den Politikerjob wolle sich doch keiner mehr antun. Bei dem Image, bei diesen Medien und – perfid rückgekoppelt – bei dem Niveau der Politik. An dieser Stelle will ich stets Namen hören. Wer sind denn konkret die Manager, die Unternehmer, die Intellektuellen, die für einen Ministerposten besser geeignet wären als das aktuelle Personal? Wer also verfügte über die persönliche Härte, das Fachwissen, wer beherrschte das politische Handwerk und den öffentlichen Auftritt, um nicht am Tag zwei im Unglück zu versinken? Reaktion immer: Komplettausfall, lautes Schweigen, keine Namen. Oder wenige: Christian Kern (ja, eh), Andreas Treichl (vielleicht), Brigitte Ederer (war schon, will wohl nicht), Hans Peter Haselsteiner (war schon, ist schon).

Drittens: Bei der Bezahlung wolle doch niemand in die Politik wechseln. Auch diese Überlegung ist falsch oder vorgeschoben. Einerseits: Nationalräte und Landtagsabgeordnete verdienen nicht übermäßig, sie sind aber in Relation zu Aufwand und Qualifikation – und weil das Amt regelmäßig nur ein Nebenverdienst ist – oft überbezahlt. Vor allem aber: Sehr wenige österreichische Führungskräfte verdienen so viel wie ein Minister. Richtig ist allenfalls, dass der Weg zurück ins Management steinig sein kann. Aber bis auf die dümmsten Politiker finden dann doch alle Unterschlupf.

Andererseits: Ich kenne wenige Menschen, die das Angebot ablehnen würden oder es gar ausgeschlagen haben, Minister oder Ministerin zu werden. Selbst beim Einkommen eines ÖBB-Chefs.

Die Eitelkeit ist ein Hund. Und der Titel auf der Visitenkarte bleibt in alle Ewigkeit.