Christian Rainer: Klimaschmutz

Christian Rainer: Klimaschmutz

Falls die Erde in die Wechseljahre kommt, ist die Menschheit geliefert. Was tun, damit die Enkel uns nicht des Massenmordes beschuldigen?

Einmal abgesehen davon, dass Arnold Schwarzenegger weniger peinlich auftrat, als António Guterres schwächlich wirkte: Nichts kann zu theatralisch sein, nichts zu vordergründig, nichts zu naiv, wenn es in irgendeiner Weise dem Klimaschutz dient. Wenn Schwarzenegger also in Wien mit rustikalem Humor seinen Climate Summit bewirbt und wenn der mit weniger Humorbegabung versehene UN-Generalsekretär als dessen Schatten durch die Wiener Hofburg geistert, dann ist diese Inszenierung zu begrüßen. Ja, selbst wenn es dem Bundeskanzler gelingt, dabei zumindest Guterres aus dem Rampenlicht zu drängen, um Werbung in eigener Sache zu machen, soll das angesichts der viel größeren Sache in Ordnung gehen.

Nichts ist wichtiger als die Aufgabe, das Klimakterium unseres Planeten zu verhindern. Falls die Welt in die Wechseljahre kommt, ist die Menschheit geliefert. Sie wird dezimiert werden und in der Folge aussterben oder in deutlich weniger komfortablen Verhältnissen um ihr Überleben kämpfen.

Die drohende Katastrophe besteht aus zwei miteinander verbundenen Sachverhalten: Zum einen verheizen wir die gesamte fossile Substanz der Erde. Ohne Öl, Gas, Kohle wird es zum Beispiel unmöglich, Kunststoffe und Medikamente im industriellen Ausmaß zu produzieren. Heizung, Kühlung, elektrischer Strom, Personen- und Güterverkehr kann es in gewohnter Form nicht mehr geben. Zum anderen erwärmt sich als Folge des Verbrauchs dieser fossilen Grundstoffe die Atmosphäre, das Klima verändert sich, kollabiert lokal und global. Dadurch bricht die Nahrungsmittelproduktion zusammen, und nebenbei werden große Teile der Erdoberfläche unbewohnbar oder sie verschwinden.

Die Wissenschaft hat sich vor allem der Klimaveränderung angenommen, Szenarien durchgerechnet und Empfehlungen abgegeben. Das Resultat sind Mindestanforderungen, ausgedrückt in Höchstwerten der Lufterwärmung, mit denen die Menschheit gerade noch durchkommen könnte. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass diese Ziele halten: Die kritische Temperatur wird nicht unterschritten; sie wird auch zu keinem absehbar späteren Zeitpunkt, also verzögert, erreicht. Es ist nicht einmal klar, ob die Erwärmung zumindest langsamer fortschreitet. Ebenso existiert kein – auch nur vages – Alternativszenario. Ebenso wenig ist absehbar, dass die politische und industrielle Willensbildung – verzögert – in die richtige Richtung kurven wird. Ganz im Gegenteil: Die USA drehen noch weiter gegen den Abgrund.
In Summe sind wir damit zu Siechtum und zum Sterben verurteilt.

Warum ist das so? Warum werden wissenschaftlich unangreifbare Fakten beiseite geschoben, wird das darunter liegende Todesurteil nicht gelesen?
Erstens weil es noch immer Menschen gibt, die unangreifbare Fakten negieren, bestreiten oder als Lüge bezeichnen. Dazu gehört auch ein Teil der Elite bis hinauf zum mächtigsten Mann der Welt, Donald Trump.

Zweitens meint ein guter Teil der Mitbürger, dass persönliche Erfahrungen gegen die Wissenschaft stehen. Ein schneereicher Dezember und ein verregneter Sommer werden als Gegenbeweis zur erhitzten Atmosphäre geführt. Dass die folgenreiche Veränderung von durchschnittlich ein oder zwei Grad subjektiv nicht erfahrbar ist, kratzt keinen.

Drittens wird die Wirtschaft von Renditen getrieben, nicht aber vom Gewissen, und zwar mit dem Horizont der Quartalsergebnisse. Solange die öffentliche Meinung – siehe oben – der Nachfrage und den Aktienkursen nicht in die Quere kommt und solange die Politik nicht machtvoll eingreift, ändert die Industrie ihren Kurs nicht.

Diese Politik aber – viertens – denkt nur in Legislaturperioden, weil ihre Leistung nicht über Dezennien gemessen wird. Warum sollten Politiker radikal andere Politik machen, wenn – siehe nochmals oben – das Bewusstsein der Wähler nicht danach verlangt?

Fünftens: Vielleicht ist ohnehin schon alles zu spät. Vielleicht könnte auch der radikalste, global erzwungene Paradigmenwechsel, die Reduktion der Verbrennung fossiler Energieträger auf einen Bruchteil innerhalb weniger Jahre, den Planeten nicht mehr retten.

Aus der Sicht unserer Enkel oder Urenkel muss das heißen: Sie werden nachfragen, warum wir das Offensichtliche nicht verhindert haben; warum wir wider jede Vernunft weitergemacht haben; warum wir die egoistische Sicht der Noch-nicht-Betroffenen über die Verantwortung für die eigenen Nachkommen stellten. Sie werden uns mit aller Berechtigung der grob fahrlässigen Tötung der Menschheit bezichtigen.