<small><i>Christian Rainer</i></small>
Milchmärchenrechnungen

Der Euro funktioniert nicht. Aber wir haben dennoch prächtig daran verdient. Haben wir wirklich?

Während die europäischen Politiker mit einer Trial-and-Error-Strategie gegen das lästige Szenario eines Totalzusammenbruchs des kontinentalen Zahlungssystems ankämpfen, suchen sie nach Entlastung von der Verantwortung für die nicht mehr bestreitbaren Fehler. Die Deutschen marschieren dabei in vorderer Linie, was nicht wundert, da sie ja die Hauptlast beim Konkurs der griechischen und beim stillen Ausgleich der spanischen Volkswirtschaft schultern müssen. Der Kniff, welcher nun von einem diskreten Spindoktor oder auch nur von Gevatter Zufall gefunden wurde, funktioniert folgendermaßen: Richtig sei zwar, dass der gemeinsamen europäischen Währung schwere Kons­truktionsmängel innewohnten. Richtig sei aber ebenso, dass die Euroländer und allen voran Deutschland trotz dieser Defizite prächtig am Euro verdienten.

Da sie eine Windschattenökonomie der deutschen ist, gilt das Gesagte recht konsequent auch für die österreichische Volkswirtschaft. Wenn es denn wahr ist.

Im Zuge jener geplanten oder zufälligen Entlastungsstrategie tauchte eine McKinsey-Studie auf, die als „updated version“ im Januar 2012 publiziert wurde. Sicher nicht zufällig: Das Papier ist im Frankfurter Büro des weltweit tätigen Unternehmensberaters geschlüpft, wenn auch im Nachspann für „valuable insights“ einem Londoner McKinsey-Direktor gedankt wird. Das Papier heißt „The future of the euro. An economic perspective on the eurozone crisis“. Es umfasst 25 Seiten. Davon sind drei gar nicht bedruckt und einige weitere so spärlich, dass sie das Platzschinden bei Deutschschularbeiten in Erinnerung rufen. Und da beginnt das Rätsel: Wie kann ein derart anspruchsvolles Thema seriös oder gar wissenschaftlich mit ein paar tausend Buchstaben und einer Handvoll Grafiken abgearbeitet werden? Das kann es eben nicht.

Zentrale Aussage der Studie ist: „Alle Mitgliedsstaaten der Währungsunion haben wirtschaftlich vom Euro profitiert, Deutschland mit 165 Milliarden Euro im Jahr 2010.“ Insgesamt habe der Euro-bedingte Zuwachs allein 2010 330 Milliarden Euro betragen, der Löwenanteil sei aber der Bundesrepublik zugefallen, an Frankreich etwa seien nur 14 Milliarden gegangen.

Das ist dann doch ein gewichtiges Argument, welches man Nörglern entgegenhalten kann, die nun beklagen, Deutschland müsse beinahe im Alleingang das Brackwasser der Mittelmeerländer ausbaden. Mit „Größter Nutznießer Deutschland“ wurde die Studie denn auch von vielen deutschen Medien zwischen „Süddeutscher Zeitung“ und „Die Welt“ zitiert.
Gewichtig ist das Ar­gument, wie Milliarden-Argumente es immer sind, fundiert jedoch nicht. Wer nach den Quellen der McKinsey-Erkenntnisse sucht, wird nicht recht fündig. Der Wegfall der Transaktions- und Hedgingkosten hat sich laut Mc­Kinsey 2010 auf einen Zugewinn von präzise 40 Milliarden summiert. Belegt wird das mit einer Fußnote, die auf eine Berechnung im Jahr 1992 verweist. Aus zusätzlichem innereuropäischem Warenverkehr seien 100 Milliarden kreiert worden – basierend auf einer nicht näher erläuterten „Schätzung“, wonach die Hälfte des Handelswachstums am Euro hänge. Noch weniger erwiesen ist die Behauptung, dass die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands durch den Euro gar im „Boost“-Modus gestiegen sei. Der Vorteil „niedriger“, „gleichbleibender“ und „angeglichener“ Zinsen schließlich habe satte 195 Milliarden gebracht. Was sich mangels anderer Belege vermutlich in „ausführlichen Diskussionen mit Kunden und führenden Wissenschaftern“ auf die Milliarde genau errechnen ließ, jedenfalls aber der Grund für die aktuelle Krise ist. Das deutet McKinsey immerhin an: „Die Zinsunterschiede reflektierten Wechselkursrisiko, die Erwartung abweichender Inflationsraten und unterschiedliche Kreditwürdigkeit.“

Haben Europa, Deutschland, Österreich in den vergangenen Jahren also vom Euro ökonomisch profitiert, haben die Europäer besser verdient? Aus der McKinsey-Studie lässt sich das nicht ableiten. Zumal auch nicht klar ist, wo das viele Geld denn hingekommen sein soll: Das verfügbare Jahreseinkommen der Deutschen stieg zwischen 2002 und 2008 inflationsbereinigt von 18.668 auf 18.974, also um lächerliche 300 Euro. Ein Warenkorb, für den man 1950 eine Stunde arbeiten musste, war im Jahr 2009 nach 11,3 Minuten verdient – im Jahr 1991 allerdings auch nach exakt denselben 11,3 Minuten.

Es mag also wahr sein, dass der Euro sich bereits für alle und besonders für Deutsche und Österreicher gerechnet hat. Vielleicht sind auch nur einige wenige reicher geworden. Aber man lasse sich nicht von in die Ecke gedrängten Politikern ins Bockshorn jagen: Bewiesen ist all das nicht.

christian.rainer@profil.at