Christian Rainer: Ein Popstar gegen das System

Christian Rainer: Ein Popstar gegen das System

Gnade für die Trump-Wähler! Oder zumindest Verständnis.

Vorneweg ein Zitat, das mir vergangene Woche in anderem Zusammenhang in die Hände fiel. „Wie sich der kleine Moritz die Weltgeschichte vorstellt – genau so ist sie!“ Stammt von Anton Kuh und passt hervorragend zu Donald Trump. Eine Figur, die in jedem Hollywood-Schinken als lächerlich überzeichnet erscheinen würde, wird in der Realität amerikanischer Präsident. Das Zitat hätte auch gepasst, als der steirische Gendarmensohn, fünffache Mister Universum und leider auch Schauspieler Arnold Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien wurde. Oder bei Grace Kellys Karriere als Fürstin von Monaco. Oder als Imran Khan, gottgleich verehrter Kapitän des pakistanischen Kricket-Teams und sehr weltlicher Playboy, beinahe Premierminister von Pakistan wurde. Alles Kindermärchen und eben nicht.

Popstars als Quertreiber in der Politik, die Politik als Popkultur, das ist mehrere Leitartikel wert. Aber heute nicht.


Heute wäre es natürlich notwendig, das Ende der Welt auszurufen

Heute wäre es natürlich notwendig, das Ende der Welt auszurufen. Alleine das Restrisiko, das Trump darstellt, falls er zu 90 Prozent beziehungsweise mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit rational handelt oder durch ein rational handelndes Umfeld zu Sachlichkeit gezwungen wird, alleine dieses Restrisiko ist Wahnsinn, ist beängstigend für alle, die Kinder haben oder selbst noch ein paar Jahre in Frieden leben wollen. David Remnick, Chefredakteur des Magazins „The New Yorker“, schreibt über den President-elect: „His level of egotism is rarely exhibited outside of a clinical environment.“ Der Rest dieses bemerkenswerten Stückes ist unter newyorker.com abzurufen.

Aber nein. Ich will nach diesem Hinweis auf die Normalität des Absurden und nach der Warnung vor gelegentlich auftretenden tödlichen Nebenwirkungen demokratischer Verfassungen etwas Verständnis für Donald Trumps Wähler aufbringen. Der restliche Platz hier lässt sich damit füllen.


Das System ist also nicht mehr und nicht weniger als die notwendige Grundstruktur jedes Staates

Wie Sie gelesen haben, verläuft sich auch Martin Staudinger nicht in apokalyptischen Szenarien (Kommentar hier). Er sieht die Policy-Grenzen und damit das Ablaufdatum von Trump darin, dass er „es schwer haben wird, seinen Anhängern den Systemwandel zu bieten, für den sie ihn gewählt haben“. Bemerkenswert finde ich Staudingers trockene Definition: „Man muss ,das System‘ nicht als Kampfbegriff verwenden, um festzustellen, dass es tatsächlich existiert – als Summe der politischen, wirtschaftlichen und medialen Strukturen, welche die Gesellschaftsordnung tragen.“ Das System ist also nicht mehr und nicht weniger als die notwendige Grundstruktur jedes Staates.

Ich greife zurück auf eine kürzlich publizierte Umfrage: Diese testierte, dass die Österreicher hochzufrieden mit ihren persönlichen Lebensumständen sind, aber unzufrieden mit den Leuten, die „das System“ tragen, also mit den Eliten. Das ist einerseits schizophren, widersprüchlich, also unreflektiert und dumm. Andererseits deutet es jedoch darauf hin, dass die Menschen abstrakt verärgert sind, nicht selbst Teil dieses Systems zu sein. Wären sie es, müssten sie freilich alles ähnlich machen, da die realen Lebensumstände ja passen.

Was hat das mit Trump zu tun? Es hat unter anderem mit Clinton zu tun. Kann es denn einen besseren Beweis geben, dass dieses System hermetisch ist, daher undemokratisch, weil nicht mit gleichen Chancen für alle ausgestattet, wenn die ehemalige First Lady Präsidentin werden will? Ja, kann es: Nämlich wenn auf den 41. Präsidenten George H. W. Bush der 43. Präsident George W. Bush folgt. Oder wenn der 2000 gescheiterte Gegenkandidat von Bush junior, Al Gore, Sohn eines Senators ist. Oder wenn der 2004 gescheiterte Gegenkandidat von Bush junior, John Kerry, selbst aus politischem Adel stammt, mit der Tochter eines milliardenschweren Senators verheiratet ist und später immerhin noch Außenminister wurde. Und wenn Kerry dabei Nachfolger jener Hillary Clinton war, die als Präsidentschaftskandidatin schon 2008 bei den Demokraten gegen jenen Mann angetreten ist, der ihr Vorgänger gewesen wäre, wäre sie nun Präsidentin geworden. Und natürlich, wenn es den Kennedy-Clan gibt, bei dem Zugehörigkeit bis heute – aktuell etwa Joseph P. III – eine politische Karriere garantiert (was durch Einheiraten wiederum Schwarzenegger geholfen hat). Oder wenn wir Beispiele aus Europa suchen und sonder Zahl finden: Brüderpaare in Polen und Großbritannien, Ehepaare, Onkel, Neffen überall. Auch in Österreich.

Also und im Nachhinein: Es war natürlich eine Chuzpe, eine Verhöhnung der Demokratie und der Wähler, dass man ihnen nach Bush-Bush auch noch Clinton-Clinton vorgesetzt hat. Wenn die Wähler „Change“ wollen, dann darf man ihnen diese Veränderung nicht auch noch mit monarchischer Arroganz verwehren. Sonst werden sie eines Tages, wie Staudinger schreibt, „das System auf nicht demokratischem Weg“ zu ändern versuchen.